Politik fassungslos

KfW überweist Lehman 300 Millionen Euro

Regierung wie Opposition reagieren mit Fassungslosigkeit: Trotz des sich abzeichnenden Zusammenbruchs von Lehman Brothers hat die KfW kurz zuvor 300 Millionen Euro an die Bank überwiesen.

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Finanzieller Megagau: Die KfW hat noch kurz vor dem Zusammenbruch von Lehman Brothers 300 Millionen Euro an das Finanzinstitut überwiesen. Ein Großteil des Geldes dürfte weg sein.
Die Auswirkungen der weltweiten Finanzkrise sind immer deutlicher zu spüren. Rund um den Globus müssen immer mehr Finanzinstitute Federn lassen. Ein Ende der Turbulenzen ist nicht in Sicht. Vielmehr macht das Wort "Schockwelle" die Runde.
Jüngstes Opfer ist die US-Investmentbank Lehman Brothers. Das 158 Jahre alte Traditionsbankhaus ist pleite und hat Gläubigerschutz beantragt. Ein Käufer konnte nicht gefunden werden. Die US-Regierung wollte nicht helfen.
Bei Fannie Mae und Freddie Mac war das noch anders: Die beiden größten Baufinanzierer der USA wurden wegen des drohenenden Bankrotts in "vorübergehende" staatliche Obhut genommen.
Ein Zusammenbruch von Fannie und Freddie hätte einen Domino-Effekt auslösen und zahlreichen Unternehmen mit in den Ruin reißen können. Die beiden Finanzierer garantieren gemeinsam rund die Hälfte aller US-Hypotheken.
Auch der Lehman-Brothers-Konkurrent Merrill Lynch verliert seine Selbstständigkeit. Mehr als 49 Milliarden Dollar musste "ML" abschreiben. Für den "Schnäppchenpreis" von rund 50 Milliarden Dollar schnappt sich die Bank of America die Investmentbank.
Die Bank of America hat allerdings selbst unter den Auswirkungen der Finanzmarktkrise zu leiden. Das zweitgrößte US-Finanzinstitut musste mehrere Milliarden Dollar abschreiben, verbuchte im zweiten Quartal dieses Jahres aber auch einen Milliarden-Gewinn.
Bear Stearns war die erste US-Investmentbank, die im Zuge der weltweiten Finanzmarktkrise in Bedrängnis geriet. Im vierten Quartal 2007 hatte das Traditionsinstitut erstmals in seiner Geschichte einen Verlust ausgewiesen.
Um einen Zusammenbruch zu verhindern, ging sie in einem Nacht-und-Nebel-Notverkauf an J.P. Morgan Chase.
Der Präsident der US-Notenbank Federal Reserve (Fed), Ben Bernanke, hatte eingegriffen. Die Fed erklärte sich bereit, Bear Stearns mit bis zu 30 Milliarden Dollar zu stützen und liquide zu halten.
Auch die Citigroup steckt tief in der Krise. Von bis zu 20 Milliarden Dollar Abschreibungen ist insgesamt die Rede. Verluste in Milliardenhöhe in mehreren aufeinanderfolgenden Quartalen schicken den Aktienkurs in den Keller.
Problematisch für die Citigroup könnte sich zudem die Lehman-Brothers-Pleite auswirken. Die US-Investmentbank soll auf Schulden von mehr als 600 Milliarden Dollar sitzen. Größter Gläubiger ist die Citigroup.
Neben den Banken sind vor allem Hypothekenfinanzierer in der Krise. Der US-Branchenriese Countrywide nahm mehr als elf Milliarden Dollar an Krediten auf, um sein Überleben zu sichern. 11.000 Jobs wurden gestrichen. Am Ende griff die Bank of America zu.
Ebenfalls von der Finanzkrise in Mitleidenschaft gezogen: Washington Mutual - die größte Sparkasse der USA. Nach Gerüchten über Liquiditätsengpässe waren die Aktien von Washington Mutual auf den tiefsten Stand seit 23 Jahren gefallen.
Die kalifornische Hypothekenbank IndyMac hat nicht so viel Glück: Sie ist im Juli 2008 pleite. IndyMac wird von den Aufsichtsbehörden geschlossen. Der Zusammenbruch ist der bis dahin zweitgrößte Banken-Crash in der US-Geschichte.
Auch nach Europa schwappt die Pleitewelle: Der britische Hypothekenfinanzierer Nothern Rock geriet durch Abschreibungen ins Schlingern. Die Kunden zogen ihr Geld ab. Ein Notdarlehen bei der Bank of England von mehr als 30 Milliarden Pfund half nicht.
Northern Rock wurde verstaatlicht.
In Deutschland verlief die Finanzkrise im Vergleich zu den USA bisher glimpflich. Zwar meldeten die großen Finanzinstitute wie Deutsche Bank...
... Commerzbank...
... Dresdner Bank oder...
... Postbank zum Teil hohe Abschreibungen. Die Quartalsverluste fielen aber nicht so deutlich aus wie befürchtet. Aber auch in Deutschland konsolidierte die Branche.
Zuerst übernahm die Commerzbank die Allianz-Tochter Dresdner Bank und dann kaufte sich die Deutsche Bank bei der Postbank ein - Deutschlands größter Privatkundenbank.
Die Mittelstandsbank IKB wurde - nach mehreren milliardenschweren Hilfen (allein die bundeseigene KfW-Bankengruppe stützte die IKB mit 1,3 Milliarden Euro) - an den US-Invesor Lone Star für geschätzte 300 Millionen Euro verkauft.
Die Sachsen LB ging an die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) und firmiert nun unter Sachsen Bank. Der Freistaat Sachsen bürgt mit 2,75 Milliarden Euro.
Der weltweite Schaden der Finanzkrise ist bisher nicht bezifferbar. Aber allein die Banken mussten weltweit schätzungsweise mehr als 500 Milliarden Dollar abschreiben.
Gefragt ist jetzt auch Fed-Chef Bernanke (r.). Er muss die Zinspolitik seines Vorgängers Alan Greenspan (l.) ausbaden. Greenspans Politik des "billigen Geldes" hatte viele Amerikaner dazu verleitet, auf Pump zu konsumieren oder Immobilien zu kaufen.
Die in den USA üblichen variabel verzinsten Hausbau-Kredite fielen den Verbrauchern in Zeiten steigender Zinsen aber auf die Füße. Die Kredite konnten nicht mehr bedient werden. Die Hauspreise fielen. Die Immobilienblase platzte.
Nun droht die US-Wirtschaft in einen Wirtschaftsabschwung, eine Rezession, zu geraten. Das könnte die weltweite Finanzkrise noch verschlimmern.

Die Staatsbank KfW gerät in der Finanzmarktkrise erneut massiv unter Druck: Das Bund und Ländern gehörende Institut hatte der maroden US-Bank Lehman Brothers noch kurz vor deren Zusammenbruch 300 Millionen Euro überwiesen. Die KfW sprach von einer technischen Panne, deren Umstände geprüft würden.

Transaktion im Rahmen eines Swap-Geschäfts

Bundesregierung und Opposition reagierten fassungslos und forderten umgehend Aufklärung. Der Vorgang werde Konsequenzen nach sich ziehen, hieß es weiter. Die staatliche Förderbank KfW ist bereits durch die Rettung der Mittelstandsbank IKB mit erheblichen Milliarden-Summen belastet.

Die KfW hatte noch am vergangenen Montag, als die Insolvenz von Lehman Brothers längst erwartet worden war, 300 Millionen Euro an das US-Institut überwiesen. Die Transaktion sei im Rahmen eines Swap-Geschäftes erfolgt, bestätigte ein KfW-Sprecher in Frankfurt. Dabei handelt es sich um Termingeschäfte zur Absicherung von Währungskursrisiken. Hier erfolgen Zahlungen nicht sofort, sondern - oft automatisch vom Computer ausgeführt - zu einem späteren Zeitpunkt.

"Unerklärlicher Fehler"

Bereits am vergangenen Wochenende verdichteten sich Hinweise, dass Lehman Brothers vor der Pleite steht. Dennoch wurde bei der KfW die Zahlung ausgelöst. Die KfW soll nach der Überweisung noch hektisch versucht haben, die Transaktion zu stoppen. Dies sei nicht gelungen. Die Staatsbank hofft nun, zumindest die Hälfte des Geldes aus der Vermögensmasse von Lehman Brothers zurückzuerhalten. Eine Konkursquote von 40 bis 50 Prozent sei denkbar, hieß es in Finanzkreisen. Die britische Bank Barclays übernimmt Teile von Lehman Brothers.

Der Sprecher des Finanzministeriums, Torsten Albig, nannte die Zahlung "mehr als verwunderlich und ärgerlich". Der technische Fehler, "der für uns unerklärlich ist", müsse rasch aufgeklärt werden und werde Konsequenzen haben. Der Sprecher von Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU), der Chef des KfW-Verwaltungsrats ist, sagte, es sei zu früh, über personelle oder strukturelle Folgen zu spekulieren. Zunächst müsse der Vorgang aufgeklärt werden. "Dann kann man schauen, was verbesserungswürdig ist", sagte Sprecher Steffen Moritz. Der KfW- Sprecher kündigte an, dass die Innenrevision der Bank den Fall prüfe.

Gysi: "Futsch sind 'se. Tolle Experten, die da sitzen"

Die KfW kann die Auswirkungen auf die Bilanz noch nicht beziffern. Mögliche Ausfälle könnte die KfW verkraften, sagte ein Sprecher der Bank. Das Fördergeschäft für Mittelstand und Klimaschutz sei davon nicht berührt. Der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" sagte ein Sprecher, die KfW habe ihr Engagement bei Lehman in den vergangenen Monaten systematisch reduziert.

Scharfe Kritik kam von den Oppositionsparteien im Bundestag. Linksfraktions-Chef Gregor Gysi sagte mit Blick auf die wohl zu großen Teilen verlorenen KfW-Gelder: "Futsch sind 'se. Tolle Experten, die da sitzen." FDP-Parteichef Guido Westerwelle warf auch der Regierung Versagen vor, wenn die Staatsbank KfW dem "Pleitier nach Amerika noch 300 Millionen rüberschiebt". Und dies mit der "fabelhaften Begründung, man habe es bereits in der letzten Woche angewiesen und man habe gar nicht mehr gewusst, dass es in dieser Woche ausgeführt wird", sagte Westerwelle.

Krisensitzung am Donnerstag

Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur dpa wird der Verwaltungsrat bei seiner Sitzung am Donnerstag in Berlin Aufklärung vom neuen KfW-Chef Ulrich Schröder verlangen. Das Kontrollgremium soll zudem endgültig den Verkauf der KfW-Beteiligung IKB an den US-Finanzinvestor Lone Star absegnen. Die Rettungsmaßnahmen für die IKB - vor allem die Abschirmung von Risiken - belaufen sich auf rund elf Milliarden Euro. Die Hauptlast davon tragen die KfW und der Bund. Die IKB hatte sich auf dem US-Immobilienmarkt verzockt.

(dpa, N24)

17.09.2008 12:44 Uhr

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