Finanzmarkt stabilisiert

Steuerzahler retten US-Banken

Präsident Bush und sein Finanzminister Paulson haben Hundert Milliarden Dollar für die Rettung der US-Banken angekündigt. Gleichzeitig wurden die Steuerzahler auf höhere Belastungen eingestimmt.

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Mit einer "beispiellosen Aktion" will die Regierung von US-Präsident George W. Bush gemeinsam mit Finanzminister Henry Paulson (r) die Finanzmärkte stabilisieren.
Video: Nach Rettungsplan - Kursrally an den Börsen
Die Auswirkungen der weltweiten Finanzkrise sind immer deutlicher zu spüren. Rund um den Globus müssen immer mehr Finanzinstitute Federn lassen. Ein Ende der Turbulenzen ist nicht in Sicht. Vielmehr macht das Wort "Schockwelle" die Runde.
Jüngstes Opfer ist die US-Investmentbank Lehman Brothers. Das 158 Jahre alte Traditionsbankhaus ist pleite und hat Gläubigerschutz beantragt. Ein Käufer konnte nicht gefunden werden. Die US-Regierung wollte nicht helfen.
Bei Fannie Mae und Freddie Mac war das noch anders: Die beiden größten Baufinanzierer der USA wurden wegen des drohenenden Bankrotts in "vorübergehende" staatliche Obhut genommen.
Ein Zusammenbruch von Fannie und Freddie hätte einen Domino-Effekt auslösen und zahlreichen Unternehmen mit in den Ruin reißen können. Die beiden Finanzierer garantieren gemeinsam rund die Hälfte aller US-Hypotheken.
Auch der Lehman-Brothers-Konkurrent Merrill Lynch verliert seine Selbstständigkeit. Mehr als 49 Milliarden Dollar musste "ML" abschreiben. Für den "Schnäppchenpreis" von rund 50 Milliarden Dollar schnappt sich die Bank of America die Investmentbank.
Die Bank of America hat allerdings selbst unter den Auswirkungen der Finanzmarktkrise zu leiden. Das zweitgrößte US-Finanzinstitut musste mehrere Milliarden Dollar abschreiben, verbuchte im zweiten Quartal dieses Jahres aber auch einen Milliarden-Gewinn.
Bear Stearns war die erste US-Investmentbank, die im Zuge der weltweiten Finanzmarktkrise in Bedrängnis geriet. Im vierten Quartal 2007 hatte das Traditionsinstitut erstmals in seiner Geschichte einen Verlust ausgewiesen.
Um einen Zusammenbruch zu verhindern, ging sie in einem Nacht-und-Nebel-Notverkauf an J.P. Morgan Chase.
Der Präsident der US-Notenbank Federal Reserve (Fed), Ben Bernanke, hatte eingegriffen. Die Fed erklärte sich bereit, Bear Stearns mit bis zu 30 Milliarden Dollar zu stützen und liquide zu halten.
Auch die Citigroup steckt tief in der Krise. Von bis zu 20 Milliarden Dollar Abschreibungen ist insgesamt die Rede. Verluste in Milliardenhöhe in mehreren aufeinanderfolgenden Quartalen schicken den Aktienkurs in den Keller.
Problematisch für die Citigroup könnte sich zudem die Lehman-Brothers-Pleite auswirken. Die US-Investmentbank soll auf Schulden von mehr als 600 Milliarden Dollar sitzen. Größter Gläubiger ist die Citigroup.
Neben den Banken sind vor allem Hypothekenfinanzierer in der Krise. Der US-Branchenriese Countrywide nahm mehr als elf Milliarden Dollar an Krediten auf, um sein Überleben zu sichern. 11.000 Jobs wurden gestrichen. Am Ende griff die Bank of America zu.
Ebenfalls von der Finanzkrise in Mitleidenschaft gezogen: Washington Mutual - die größte Sparkasse der USA. Nach Gerüchten über Liquiditätsengpässe waren die Aktien von Washington Mutual auf den tiefsten Stand seit 23 Jahren gefallen.
Die kalifornische Hypothekenbank IndyMac hat nicht so viel Glück: Sie ist im Juli 2008 pleite. IndyMac wird von den Aufsichtsbehörden geschlossen. Der Zusammenbruch ist der bis dahin zweitgrößte Banken-Crash in der US-Geschichte.
Auch nach Europa schwappt die Pleitewelle: Der britische Hypothekenfinanzierer Nothern Rock geriet durch Abschreibungen ins Schlingern. Die Kunden zogen ihr Geld ab. Ein Notdarlehen bei der Bank of England von mehr als 30 Milliarden Pfund half nicht.
Northern Rock wurde verstaatlicht.
In Deutschland verlief die Finanzkrise im Vergleich zu den USA bisher glimpflich. Zwar meldeten die großen Finanzinstitute wie Deutsche Bank...
... Commerzbank...
... Dresdner Bank oder...
... Postbank zum Teil hohe Abschreibungen. Die Quartalsverluste fielen aber nicht so deutlich aus wie befürchtet. Aber auch in Deutschland konsolidierte die Branche.
Zuerst übernahm die Commerzbank die Allianz-Tochter Dresdner Bank und dann kaufte sich die Deutsche Bank bei der Postbank ein - Deutschlands größter Privatkundenbank.
Die Mittelstandsbank IKB wurde - nach mehreren milliardenschweren Hilfen (allein die bundeseigene KfW-Bankengruppe stützte die IKB mit 1,3 Milliarden Euro) - an den US-Invesor Lone Star für geschätzte 300 Millionen Euro verkauft.
Die Sachsen LB ging an die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) und firmiert nun unter Sachsen Bank. Der Freistaat Sachsen bürgt mit 2,75 Milliarden Euro.
Der weltweite Schaden der Finanzkrise ist bisher nicht bezifferbar. Aber allein die Banken mussten weltweit schätzungsweise mehr als 500 Milliarden Dollar abschreiben.
Gefragt ist jetzt auch Fed-Chef Bernanke (r.). Er muss die Zinspolitik seines Vorgängers Alan Greenspan (l.) ausbaden. Greenspans Politik des "billigen Geldes" hatte viele Amerikaner dazu verleitet, auf Pump zu konsumieren oder Immobilien zu kaufen.
Die in den USA üblichen variabel verzinsten Hausbau-Kredite fielen den Verbrauchern in Zeiten steigender Zinsen aber auf die Füße. Die Kredite konnten nicht mehr bedient werden. Die Hauspreise fielen. Die Immobilienblase platzte.
Nun droht die US-Wirtschaft in einen Wirtschaftsabschwung, eine Rezession, zu geraten. Das könnte die weltweite Finanzkrise noch verschlimmern.
Geld regiert die Welt. Das gilt vor allem für die Banken. Seit Jahren läuft in der Branche deshalb eine Konsolidierungswelle, die durch die anhaltende Finanzkrise noch an Stärke gewonnen hat. Hier die größten Bankenübernahmen der vergangenen Jahre.
Der Kauf des niederländischen Finanzinstituts ABN Amro im Frühjahr 2008 ist die bisher größte Bankenübernahme der Geschichte: Etwa 71 Milliarden Euro ließen ...
... die belgisch-niederländische Fortis-Gruppe, die britische Royal Bank of Scotland (RBS) und die spanische Santander für ABN Amro springen und stachen damit Barclays aus. Allein 24 Milliarden Euro zahlte Fortis für das Privatkundengeschäft.
Die Citigroup entstand im Oktober 1998 durch die Fusion der Citicorp und der Travelers Group. Der Deal lief über einen Aktientausch im Wert von 70 Milliarden Dollar.
Die US-Bank Bank One ging 2004 an den einheimischen Konkurrenten JP Morgan Chase für immerhin 58 Milliarden Dollar. JP Morgan Chase war erst 2000 durch den Zusammenschluss von JP Morgan und Chase Manhattan entstanden. Kostenpunkt: 32 Milliarden Dollar.
Als Opfer der Finanzkrise, gebeutelt von Quartalsverlusten und Milliarden-Abschreibungen, diente sich die US-Investmentbank Merrill Lynch im September 2008 der Bank of America (BoA) an.
Die BoA zahlte für Merrill Lynch 50 Milliarden Dollar. Mit Großeinkäufen hat die Bank of America Erfahrung. Bereits 2003...
... hatte man sich mit der Übernahme von Fleet Boston vergrößert und die Geschäfte ausgeweitet. 48 Milliarden Dollar kostete Fleet.
1999 kam es zu einer rein britischen Bankenübernahme. Das größte schottische Finanzinstitut Royal Bonk of Scotland (RBS) legte für den damals doppelt so großen englischen Konkurrenten National Westminster (NatWest) 21 Milliarden Pfund auf den Tisch.
2006 entstand ein neuer Bankengigant in Italien. Sanpaolo IMI und die Banca Intesa einigten sich auf einen Zusammenschluss. 29,5 Milliarden Euro war der Wert des Deals.
Europas größte Bank UBS entstand im Juni 1998 aus der 21-Milliarden-Euro-Fusion der beiden Schweizer Grossbanken Schweizerische Bankgesellschaft mit Hauptsitz in Zürich (SBG/UBS) und Schweizerischer Bankverein mit Hauptsitz in Basel (SBV).
Rein französisch: 2003 wurde Crédit Lyonnais von Crédit Agricole für etwa 20 Milliarden Euro übernommen.
Im Sog der Finanzkrise fusionieren nun die britischen Banken Lloyds TSB und Halifax Bank of Scotland (HBOS). Der Not-Zusammenschluss hat einen Preis von umgerechnet 15,4 Milliarden Euro.
Deutschlands größte Bankenübernahme hat immerhin einen Wert von 9,8 Milliarden Euro. Die Commerzbank verleibt sich dafür die Dresdner Bank ein.
Verkäufer der Dresdner Bank ist der Versicherungskonzern Allianz, der sich erst 2001 mit dem Kauf der Dresdner einen besseren Vertrieb seiner Produkte versprochen hatte. Kostenpunkt des sogenannten Allfinanzkonzerns: 24,5 Milliarden Euro.

Mit einer "beispiellosen Aktion" will die Regierung von US-Präsident George W. Bush die angeschlagenen Finanzmärkte stabilisieren. Wie Finanzminister Henry Paulson erklärte, wird die Rettungsaktion, die weltweit an den Börsen mit einem Kursfeuerwerk begrüßt wurde, wohl "hunderte Milliarden Dollar" kosten.

Die Maßnahmen müssten entschlossen genug sein, um das Grundproblem der Finanzmarktkrise angehen zu können. Gleichzeitig müsse das Geld der Steuerzahler aber auch so gut wie möglich geschützt werden. "Ich bin überzeugt, dass dieses kühne Vorhaben die amerikanischen Familien weit weniger kosten wird als die Alternative - eine anhaltende Serie der Zusammenbrüche von Finanzinstitutionen, ein eingefrorener Kreditmarkt, der nicht in der Lage ist, eine wirtschaftliche Expansion zu finanzieren", sagte Paulson.

Busch zuversichtlich

Bush zeigte sich später zuversichtlich, dass sich die Ausgaben lohnen würden, auch wenn das Ganze nicht ohne Risiken sei. Er habe aber die Hoffnung, dass dieses Geld wieder zurückgezahlt werde. Bush begrüße die Bereitschaft des Kongresses, die Krise gemeinsam mit der Regierung anzugehen. Wie zur Bekräftigung seiner Worte standen bei seiner dritten Erklärung zur Finanzkrise in dieser Woche neben ihm Notenbankchef Ben Bernanke, Finanzminister Paulson und der Chef der Börsenaufsicht (SEC), Christopher Cox.

Bush erklärte, die Intervention der Regierung in die Finanzmärkte sei notwendig, um die Verbraucher zu beruhigen und die schwerste Finanzkrise seit Jahrzehnten einzudämmen. «Amerikas Wirtschaft steht vor nie dagewesenen Herausforderungen», betonte Bush. «Das ist ein entscheidender Moment für die amerikanische Wirtschaft.» Das, was als Krise der Hypothekenkredite begann, habe sich auf das ganze Finanzsystem ausgedehnt. Das Vertrauen sei angeschlagen, viele finanzielle Transaktionen seien zum Stillstand gekommen, auch bei den Verbrauchern und den kleinen Unternehmen.

Einlagensicherung für Geldmarktfonds

Bei dem Rettungspaket soll es um mehrere hundert Milliarden Dollar gehen. In einem ersten Schritt richtet die US-Regierung eine Einlagensicherung für Geldmarktfonds ein. Dazu sollen bis zu 50 Milliarden Dollar bereitgestellt werden, teilte das US-Finanzministerium am Freitag in Washington mit.

Pelosi: "Tempo ist entscheidend"

Die US-Regierung reagierte damit auf die Folgen der US-Immobilienkrise, die weltweit die Finanzmärkte erschüttert und eine Welle von Fusionen und Zusammenbrüchen von Investmentbanken, Versicherern und anderen Finanzhäusern ausgelöst hatte. In Washington informierten Paulson und US-Notenbankchef Ben Bernanke am Donnerstagabend führende Vertreter des US-Kongresses über die Pläne.

Die Präsidentin des Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, sagte: "Wir hoffen, sehr schnell voranzukommen. Tempo ist entscheidend." Paulson erklärte: "Wir sprachen über eine umfassende und gesetzlich geregelte Lösung für die unverkäuflichen Vermögenswerte in den Bilanzen der Finanzbranche."

Kursfeuerwerk an Börsen

Nach den asiatischen Börsen reagierten auch die europäischen Börsen am Freitag mit einem kräftigen Sprung nach oben. "Derzeit ist Vertrauen der wichtigste Faktor - dieses kann aber nur vollständig zurückgebracht werden, wenn Rettungspläne auf beiden Seiten des Atlantiks durchgeführt werden", sagte ein Händler.

Der Deutsche Aktienindex (DAX) stieg zwischenzeitlich um 4,25 Prozent auf 6113 Punkte. Die zuletzt heftig gebeutelten Finanzwerte schnellten um bis zu 18 Prozent in die Höhe. Bereits der US-Leitindex Dow Jones hatte am Donnerstagabend nach schweren Kursverlusten an den Vortagen mit einem Plus von 3,9 Prozent bei 11 020 Punkten geschlossen.

Staat kauft faule Kredite

Kern des möglichen Rettungspakets, das in seinen Details erst noch unter Hochdruck ausgearbeitet wird: Der Staat wird den Banken laut Medien voraussichtlich notleidende Wertpapiere und faule Kredite abkaufen. Der Preis würde deutlich unter dem Wert in den Büchern liegen. Die Banken müssten dafür laut Experten wohl einmalige Abschreibungen vornehmen, sie wären aber die Altlasten mit einem einmaligen Schnitt los. Die Anleger müssten von ihnen keine weiteren unkalkulierbaren Risiken mehr befürchten.

Steuerzahler müssen blechen

Das angekündigte Rettungspaket stellt nach Einschätzung von Bankenexperten und Volkswirten ein hohes Risiko für den US-Haushalt dar und könnte die Steuerzahler teuer zu stehen kommen. "Dem Steuerzahler droht für diese große Lösung eine erhebliche Rechnung", sagte Commerzbank-Experte Bernd Weidensteiner. "Der US-Finanzminister holt zum großen Schlag aus, um die Eskalation der Finanzmarktkrise zu stoppen."

Der Staat setze Hunderte von Milliarden Dollar aufs Spiel. Der einflussreiche republikanische Senator des US-Bundesstaats Alabama, Richard Shelby, geht sogar davon aus, dass der Rettungsplan bis zu einer Billion Dollar kosten könnte. Sollten die notleidenden Papiere am Ende weiter an Wert verlieren oder gar völlig ausfallen, müsste der Steuerzahler die Verluste tragen. Ein Teil des Plans könnte Medien zufolge sein, dass die Banken die Papiere schrittweise zurückkaufen, wenn es ihnen wieder bessergehen sollte.

Leerverkäufe verboten

Bei der angekündigten Einlagensicherung für Geldmarktfonds geht es um ähnliche Garantien wie bei Sparbüchern und Girokonten. Sie solle die zuletzt massiv gestiegenen Abflüsse aus diesen Fonds begrenzen. Der Markt dieser Anlageform ist Expertenschätzungen zufolge mehrere Billionen Euro schwer. Anleger hatten ihr Geld aus Angst vor Wertverlusten in großem Stil abgezogen, obwohl diese Fonds bislang als vergleichsweise sicher gelten. Die Flucht auch aus diesen Papieren zeigt Marktbeobachtern zufolge das Ausmaß der Vertrauenskrise.

Wegen der Turbulenzen auf den Finanzmärkten haben Aufsichtsbehörden in den USA und Großbritannien am Freitag bestimmte Börsenwetten auf fallende Kurse befristet verboten. Die US-Börsenaufsicht SEC untersagte ab sofort die umstrittenen Aktiengeschäfte, sogenannte Leerverkäufe, für knapp 800 Titel der Finanzbranche. In Großbritannien gilt das Verbot allgemein für Finanzwerte. Das Verbot trifft besonders Hedge-Fonds und andere Börsenspekulanten. Sie verdienten bisher mit den fallenden Kursen enorme Summen. Die Leerverkäufe stellen ein immenses Milliardenvolumen dar. Zahlreiche Unternehmen mit stark abgestürzten Börsenwerten beklagen, sie seien durch diese Aktiengeschäfte bewusst an den Rande des Abgrunds getrieben worden.

(dpa, AFP, N24)

19.09.2008 17:35 Uhr

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