Olympiasieger Steiner

Schwere Stunden für "stärksten Mann der Welt"

Es war ein Tag, der Gewichtheber-Olympiasieger Matthias Steiner wohl mehr Kraft gekostet hat, als jede Hantel, die er je heben musste: Der Prozess um den Unfalltod seiner Ehefrau hat begonnen.

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Gezeichnet vom Prozess um den Unfalltod seiner Frau: Gewichtheber-Olympiasieger Matthias Steiner.
Video: Olympiasieger Steiner - Unfall-Prozess um Tod der Ehefrau
Nach dem Gewinn der Goldmedaille in Peking hielt Matthias Steiner ein Bild seiner toten Frau in den Händen und berührte damit ein Millionenpublikum.
Oh, wie ist das schön! Am vierten Wettkampftag der Olympischen Spiele holten die deutschen Sportler gleich vier Gold-Medaillen. Hier präsentieren Judoka Ole Bischof (r) und Kanute Alexander Grimm ihre Plaketten.
Den Anfang machte der 21-jährige Grimm: Überraschend setzte er sich im Finale im Einer-Kajak durch.
Die Freude im deutschen Kanuten-Lager war riesengroß.
Und auch der Herr Papa ist stolz auf seinen Sohnemann.
Wenige Stunden später der zweite deutsche Olympiasieger des Tages: Judoka Ole Bischof.
Gegen den Südkoreaner Kim Jaebum setzte er sich im Finale durch.
Nach dem Kampf war Bischof verständlicherweise gelöst. Er wolle erst einmal richtig feiern - und dann die deutschen Teamkollegen bei ihren Kämpfen anfeuern. Ein echter Sportsmann eben.
Was nach den ersten beiden Medaillen geschah, war schier unfassbar (Bild: Hinrich Romeike).
Die Vielseitigkeitsreiter setzten sich in der Mannschaftswertung durch.
Gold für Peter Thomsen, Andreas Dibowski, Hinrich Romeike, Ingrid Klimke und Frank Ostholt!
Doch das war noch nicht alles. Der Zahnarzt Hinrich Romeike sprang mit "Marius" noch um den Einzelsieg.
Mit Erfolg: Bester Vielseitigkeitsreiter ist Hinrich Romeike.
So sehen Doppel-Olympiasieger aus.
Und so reihen sich die Gold-Medaillisten in die bisherigen Olympia-Erfolge deutscher Sportler ein. Sie gesellen sich etwa zu den Silber-Gewinnern Sascha Klein (l) und Patrick Hausding im Synchron-Springen.
Und natürlich nicht zu vergessen: Die Bronze-Mädels Heike Fischer (l) und Ditte Kotzian.
Dirk Nowitzki wird die deutsche Fahne bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele 2008 in Peking tragen. "Es wird mir kalt den Rücken runterlaufen", sagte der Basketballer nach seiner Benennung durch den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB).
Nowitzki folgt auf den Springreiter Ludger Beerbaum, der 2004 in Athen die Ehre hatte, als erster deutscher Sportler mit der Fahne ins Stadionrund zu laufen.
2000 bei den Olympischen Spielen in Sydney gab es eine deutsche Fahnenträgerin - die Kanutin Birgit Fischer.
Fischer ist die erfolgreichste deutsche Olympionikin der Sportgeschichte. Ihr erstes olympisches Gold gewann sie 1980 in Moskau, ihr letztes 2004 in Athen. Insgesamt wurde sie acht Mal Olympiasiegerin.
Als die Olympischen Spiele der Neuzeit 1996 ihr hundertjähriges Jubiläum feierten, trug der Fechter Arnd Schmitt die deutsche Fahne bei der Eröffnungsfeier in Atlanta.
1992 fanden die Olympischen Sommerspiele in Barcelona statt. Die gerade einmal 14 Jahre alte Franziska van Alsmick wurde dort zum neuen deutschen Schwimmstar. Fahnenträger war aber ein Ruderer: Manfred Klein.
In Seoul 1988 marschierten zwei deutsche Fahnen in das Stadion. Eine trug der westdeutsche Reiter Reiner Klimke (Archivbild von 1984), ...
... die andere hatte der ostdeutsche Kugelstoßer Ulf Timmermann in der Hand, der die damalige DDR zur Eröffnung der Olympischen Spiele anführte.
1984 in Los Angeles nahm die DDR nicht teil. Sie boykottierte die Spiele. Vier Jahre zuvor in Moskau war die BRD nicht angetreten. 1976 hieß der Fahnenträger der BRD Hans Günter Winkler (im Bild). Die DDR-Fahne trug der Leichtathlet Hans Reimann.
Dem Boxer Manfred Wolke (im Bild) oblag 1972 in München die Ehre, die DDR als Fahnenträger bei den Olympischen Spielen zu vertreten. Sein westdeutscher Gegenpart hieß Detlev Lewe und war Kanute.
Deutsche Fahnenträger 1968 in Mexiko-Stadt: Die Hürdenläuferin Karin Balzer aus Frankfurt an der Oder für die DDR (links im Bild 1964 im Duell mit der Russin Irina Press) und der Ringer Wilfried Dietrich für die BRD.
1964 in Tokio, 1960 in Rom und 1956 in Montreal liefen gesamtdeutsche Teams ins Stadion ein. Fahnenträger waren Ingrid Engel-Krämer (Wasserspringen/DDR) 1964, Fritz Thiedemann (Reiten/BRD; im Bild) 1960 sowie Thiedemann und Karl-Friedrich Haas 1956.

Knapp drei Monate nach seinem grandiosen Olympiasieg in Peking stehen Gewichtheber Matthias Steiner bittere Stunden bevor. Angespannt eilt er - umringt von Fotografen und Kameraleuten - am Mittwochmorgen in das Heidelberger Amtsgericht. Bei der Verleihung seiner Goldmedaille hatte der "stärkste Mann der Welt" für Begeisterung und weltweite Rührung gesorgt, als er das Foto seiner toten Frau immer wieder geküsst und in die Kameras gehalten hatte. An diesem Tag ist der 145-Kilo-Mann verschlossen, schweigsam - und wirkt sehr verletzlich. Steiner tritt in dem Prozess um den Unfalltod seiner Frau Susann als Nebenkläger auf. Er will genau wissen, was an jenem 16. Juli 2007 geschah.

Die Anklage wirft einem 57-Jährigen aus dem Rhein-Neckar-Kreis fahrlässige Tötung vor. Er habe den Unfall zwischen Wiesloch und Heidelberg durch "extreme Unaufmerksamkeit" verschuldet, hält Staatsanwalt Joachim Steinbacher dem Mann im Prozess vor. In seinem Plädoyer spricht er später von einem "groben Fahrfehler" sowie zu hoher Geschwindigkeit. Er fordert eine Bewährungsstrafe von einem Jahr. Zudem soll der Führerschein für sechs Monate entzogen werden.

Sekundenschlaf mögliche Unfallursache

Der Angeklagte schweigt weitgehend. Verschlossen sitzt der weißhaarige, bärtige Mann dem Olympiasieger gegenüber. Erst in seinem "letzten Wort" entschuldigt er sich persönlich bei Steiner. An den Unfallhergang könne sich der Angeklagte nicht mehr erinnern, berichtet Verteidiger Klaus Hiltscher. Zu medizinischen Fragen äußert sich sein Mandant kaum. Die Verteidigung vermutet, dass gesundheitliche Probleme Auslöser des Unfalls gewesen sein könnten und fordert Freispruch.

Rechtsmediziner Rainer Mattern schließt eine Erkrankung aus, hält aber einen Sekundenschlaf für möglich. Spekuliert wird unter anderem, dass der Fahrer bewusstlos wurde und deshalb die Kontrolle über seinen Jeep verlor. Betrunken war der Lagerist damals jedenfalls nicht. Nach Angaben des technischen Sachverständigen Andreas Peuser war seine Geschwindigkeit von etwa 90 Stundenkilometern - erlaubt waren 70 - nicht Ursache für den Unfall. Unstrittig ist aber: Wäre der Angeklagte langsamer gewesen, hätte der Unfall nicht tödlich sein müssen. "Das Verletzungsmuster war nicht so, dass sie überhaupt keine Chance hatte", schildert Rechtsmediziner Mattern.

Prozess kostet Steiner viel Kraft

Steiner verfolgt die Aussagen konzentriert. Bei manchen Zeugen hakt er nach: "Er wusste also, wo er ist?" oder "Kann es ein Schock gewesen sein?" In den Pausen berät sich der 26-Jährige mit dem Staatsanwalt. "Es ist ihm wichtig zu wissen, was sich genau ereignet hat bei dem Unfall", erklärt sein Anwalt Oliver Oeser.

Aus Liebe zu Susann aus Sachsen hatte der gebürtige Österreicher seinerzeit Wohnort und Nationalität gewechselt und war in die Nähe von Chemnitz gezogen. Eineinhalb Jahre nach der Hochzeit verlor seine Frau in der Nähe seines Trainingsorts Leimen ihr Leben.

"Der Jeep tauchte wie aus dem Nichts auf", schildert ein unmittelbarer Unfallzeuge. Sein eigenes Auto sei knapp verfehlt worden. Tatsächlich raste der Jeep frontal in den Wagen von Susann Steiner, der völlig zerstört wurde. Die 22-Jährige musste von der Feuerwehr aus dem Kleinwagen befreit werden. Sie starb etwa sieben Stunden später an den Folgen schwerer innerer Verletzungen.

Urteil fällt im Dezember

Bei den detaillierten Schilderungen vom Unfall und insbesondere den Verletzungen seiner Frau, wird sichtbar, wie viel Kraft Steiner für den Prozess aufbringen muss: Er knetet seine Hände, senkt den Blick, die Zähne beißen fest aufeinander, die Lider zucken. Immer wieder richtet er seinen Blick zu dem Mann im Publikum, der ihm in den vergangenen Monaten beigestanden hat und ihn zum Olympiasieg führte - Bundestrainer Frank Mantek.

Nun muss Steiner abwarten - drei Wochen lang. Am 3. Dezember will das Heidelberger Gericht sein Urteil sprechen.

(Marion van der Kraats: dpa, N24)

12.11.2008 16:53 Uhr

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