Die finanziell schwer angeschlagene Merckle-Gruppe ist vorerst gerettet, muss aber den Pharmahersteller ratiopharm verkaufen. Das bestätigte ein Sprecher der zu Merckle gehörenden VEM Vermögensverwaltung am Mittwoch der Deutschen Presse-Agentur. Die rund 30 Gläubiger-Banken hätten einen dringend benötigten Überbrückungskredit genehmigt. Der Liquiditätsengpass der Merckle- Gruppe sei damit abgewendet. Als nächstes solle ein langfristiger Sanierungsplan erstellt werden.
Früheren Meldungen zufolge geht es bei dem Überbrückungskredit um rund 400 Millionen Euro für das Firmengeflecht, zu dem neben ratiopharm auch der Zementhersteller HeidelbergCement und der Pharmagroßhändler Phoenix gehören. Die Banken setzten allerdings durch, dass sich Ludwig Merckle zurückziehen muss, sagte der VEM-Sprecher. Nach dem Selbstmord des Firmenpatriarchen Adolf Merckle ist sein Sohn Ludwig gemeinsam mit ratiopharm-Finanzchefin Susanne Frieß Geschäftsführer der VEM.
Durch den Überbrückungskredit soll das Merckle-Imperium mit 100.000 Mitarbeitern kurzfristig vor der Insolvenz bewahrt werden. Adolf Merckle hatte nach Angaben des VEM-Sprechers selbst noch alle nötigen Unterschriften geleistet, bevor er sich am Montag das Leben nahm. Er hatte sich am Montag in Blaubeuren bei Ulm von einem Zug überfahren lassen. Seiner Familie hinterließ er nach Angaben der Staatsanwaltschaft Ulm einen Abschiedsbrief.
Opfer der Börsenspekulation
Die wirtschaftliche Notlage seiner Unternehmen (ratiopharm, HeidelbergCement) und "die Ohnmacht, nicht mehr handeln zu können", hätten den 74-Jährigen gebrochen, teilte die Familie mit.
Der meist vom Erfolg verwöhnte Unternehmer war offensichtlich nicht damit zurecht gekommen, dass sein Imperium im Zuge der Finanzkrise und durch Fehlspekulationen mit VW-Aktien in Zahlungsschwierigkeiten geraten war. Die Banken hatten weitere Kredite an die Bedingung geknüpft, dass Merckle seine Kontrolle über einige wichtige Unternehmen wie ratiopharm und HeidelbergCement abgibt.
Merckles Vorgehen sorgte teilweise für heftigen öffentlichen Protest, seit er im November mit dem Land Baden-Württemberg über eine Landesbürgschaft für seine Unternehmen gesprochen hatte. Die Vorsitzende der Landes-FDP, Birgit Homburger, hatte noch am Montag betont, ihre Partei habe eine solche Bürgschaft damals verhindert. "Bürgschaften sind dazu da, Arbeitsplätze zu sichern und nicht um Spekulationsverluste zu sozialisieren", sagte Homburger am Montag vor Bekanntwerden von Merckles Tod.
Politiker würdigen Unternehmer
Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) würdigte Merckle am Dienstag als "große Unternehmerpersönlichkeit". "Trotz der Finanzprobleme der letzten Wochen hat Adolf Merckle ein mittelständisches Unternehmen von europäischer Bedeutung aufgebaut. Sein unternehmerisches Vermächtnis bleibt", betonte Oettinger.
Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) sagte in Berlin: "Er war ein leidenschaftlicher Unternehmer und bedeutender Mäzen. Das Gemeinwesen lag ihm immer sehr am Herzen."
Eine Sprecherin seiner Holding VEM sagte, Merckle habe "als Familienunternehmer zahlreiche Unternehmen zu nachhaltigem Wachstum geführt und damit die Voraussetzungen für eine dynamische Entwicklung von Wirtschaftsstandorten in ganz Deutschland geschaffen". HeidelbergCement würdigte Merckle dafür, dass er die Firma von einem mittelständischen Zementunternehmen zu einem der weltweit größten Baustoffhersteller gemacht habe.