Nach Teilverstaatlichung

Commerzbank-Kurs bricht ein

Die Staatsbeteiligung an der Commerzbank ist ein Novum - und hat Auswirkungen. Der Aktienkurs des Finanzinstituts brach ein. Gleichzeitig soll der Einstieg aber auch der Wirtschaft helfen.

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Düstere Wolken über der Commerzbank erst einmal verflogen? Der Staatseinstieg sichert Kapital, die Anleger sind allerdings nicht erfreut.
Juli/August 2007: In Deutschland geraten Banken wegen Fehlspekulationen am US-Immobilienmarkt in die Krise - etwa die Mittelstandsbank IKB, die Sachsen LB, die WestLB.
Sie müssen mit Milliarden-Bürgschaften gestützt werden. In den folgenden Monaten müssen auch deutsche Finanzkonzerne Millionen und Milliarden abschreiben.
15. September 2008: Der „schwarze Montag“ der Wall Street: Die Investmentbank Lehman Brothers muss Insolvenz anmelden, Konkurrent Merrill Lynch wird von der Bank of America aufgekauft.
Die Folge ist eine weltweite Zuspitzung der Finanzkrise, die auch deutsche Institute, wie die KfW Bankengruppe, hart trifft.
29. September: Für den deutschen Immobilienfinanzierer Hypo Real Estate wird ein 35 Milliarden Euro schweres Rettungspaket geschnürt.
5. Oktober: Die Bundesregierung verkündet eine Komplettgarantie für private Einlagen. Das Rettungspaket für Hypo Real Estate muss von 35 auf 50 Milliarden Euro aufgestockt werden.
13. Oktober: Die Bundesregierung stellt ein gigantisches Banken- Rettungspaket im Volumen von 500 Milliarden Euro vor. Gesetz im Eilverfahren: Ab 20. Oktober steht das deutsche Rettungspaket für notleidende Banken offen.
21. Oktober: Die Landesbank BayernLB will als erste Bank auf das Paket zugreifen. Sie braucht 6,4 Milliarden Euro frisches Kapital.
29. Oktober: Als erste Privatbank nimmt die Hypo Real Estate das Rettungspaket in Anspruch. Sie beantragt 15 Milliarden Euro.
3. November: Die Commerzbank - die zweitgrößte deutsche Bank - greift auch zu und erhält eine Kapitalspritze von 8,2 Milliarden Euro in Form einer stillen Einlage und übernimmt Garantien für Schuldpapiere in Höhe von 15 Milliarden Euro.
Wenige Stunden später beantragt die Landesbank HSH Nordbank Staatsbürgschaften von bis zu 30 Milliarden Euro.
21. November: Die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) rutscht immer tiefer in die roten Zahlen. Die Eigentümer der LBBW wollen der größten deutschen Landesbank mit einer Kapitalspritze von fünf Milliarden Euro unter die Arme greifen.
27. November: Durch die Verschärfung der Finanzkrise benötigt auch die WestLB in Düsseldorf frisches Kapital. Der Finanzbedarf wird nach Angaben der Bank aber nicht die Größenordnung wie bei der BayernLB oder der LBBW annehmen.
November: Niedersachsen und Sachsen-Anhalt gewähren der Norddeutschen Landesbank (Nord/LB) Garantien für ein neues Programm zur Kreditversorgung von Unternehmen. Das Volumen beträgt für die Jahre 2009 und 2010 jeweils zehn Milliarden Euro.
Geld regiert die Welt. Das gilt vor allem für die Banken. Seit Jahren läuft in der Branche deshalb eine Konsolidierungswelle, die durch die anhaltende Finanzkrise noch an Stärke gewonnen hat. Hier die größten Bankenübernahmen der vergangenen Jahre.
Der Kauf des niederländischen Finanzinstituts ABN Amro im Frühjahr 2008 ist die bisher größte Bankenübernahme der Geschichte: Etwa 71 Milliarden Euro ließen ...
... die belgisch-niederländische Fortis-Gruppe, die britische Royal Bank of Scotland (RBS) und die spanische Santander für ABN Amro springen und stachen damit Barclays aus. Allein 24 Milliarden Euro zahlte Fortis für das Privatkundengeschäft.
Die Citigroup entstand im Oktober 1998 durch die Fusion der Citicorp und der Travelers Group. Der Deal lief über einen Aktientausch im Wert von 70 Milliarden Dollar.
Die US-Bank Bank One ging 2004 an den einheimischen Konkurrenten JP Morgan Chase für immerhin 58 Milliarden Dollar. JP Morgan Chase war erst 2000 durch den Zusammenschluss von JP Morgan und Chase Manhattan entstanden. Kostenpunkt: 32 Milliarden Dollar.
Als Opfer der Finanzkrise, gebeutelt von Quartalsverlusten und Milliarden-Abschreibungen, diente sich die US-Investmentbank Merrill Lynch im September 2008 der Bank of America (BoA) an.
Die BoA zahlte für Merrill Lynch 50 Milliarden Dollar. Mit Großeinkäufen hat die Bank of America Erfahrung. Bereits 2003...
... hatte man sich mit der Übernahme von Fleet Boston vergrößert und die Geschäfte ausgeweitet. 48 Milliarden Dollar kostete Fleet.
1999 kam es zu einer rein britischen Bankenübernahme. Das größte schottische Finanzinstitut Royal Bonk of Scotland (RBS) legte für den damals doppelt so großen englischen Konkurrenten National Westminster (NatWest) 21 Milliarden Pfund auf den Tisch.
2006 entstand ein neuer Bankengigant in Italien. Sanpaolo IMI und die Banca Intesa einigten sich auf einen Zusammenschluss. 29,5 Milliarden Euro war der Wert des Deals.
Europas größte Bank UBS entstand im Juni 1998 aus der 21-Milliarden-Euro-Fusion der beiden Schweizer Grossbanken Schweizerische Bankgesellschaft mit Hauptsitz in Zürich (SBG/UBS) und Schweizerischer Bankverein mit Hauptsitz in Basel (SBV).
Rein französisch: 2003 wurde Crédit Lyonnais von Crédit Agricole für etwa 20 Milliarden Euro übernommen.
Im Sog der Finanzkrise fusionieren nun die britischen Banken Lloyds TSB und Halifax Bank of Scotland (HBOS). Der Not-Zusammenschluss hat einen Preis von umgerechnet 15,4 Milliarden Euro.
Deutschlands größte Bankenübernahme hat immerhin einen Wert von 9,8 Milliarden Euro. Die Commerzbank verleibt sich dafür die Dresdner Bank ein.
Verkäufer der Dresdner Bank ist der Versicherungskonzern Allianz, der sich erst 2001 mit dem Kauf der Dresdner einen besseren Vertrieb seiner Produkte versprochen hatte. Kostenpunkt des sogenannten Allfinanzkonzerns: 24,5 Milliarden Euro.
Video: Börse am Abend - Teilverstaatlichung der Commerzbank

Trotz der Teilverstaatlichung der Commerzbank hat sich ihr dramatischer Wertverlust fortgesetzt. Die Aktie büßte bis zum Nachmittag weitere 9,5 Prozent ein, nachdem sie zunächst sogar 13 Prozent im Minus gelegen hatte. Die zweitgrößte deutsche Privatbank gehört künftig zu 25 Prozent dem Staat. Der Bund hilft der Bank mit einer weiteren Eigenkapitalspritze in Höhe von 10 Milliarden Euro.

Die direkte Beteiligung dient nach Ansicht von Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU) der besseren Versorgung der Wirtschaft mit Krediten. "Mit dem zusätzlichen Kapital kann die Commerzbank ihre Aufgabe besser erfüllen, die Wirtschaft mit Kapital zu versorgen", sagte Glos dem "Handelsblatt".

Der Minister sieht aber keine Notwendigkeit, den Bankenrettungsschirm finanziell aufzustocken. "Es gibt keinen Anlass für eine Aufstockung des Rettungsschirms." Glos betonte, dass der Einstieg des Bundes kein Verlustgeschäft sein müsse. "Der Bund kann seine Beteiligung wieder verkaufen und damit Gewinn machen", sagte Glos.

Bund will zwei Vertreter in Commerzbank-Aufsichtsrat

Gleichzeitig will der Bund laut einem Pressebericht baldmöglichst zwei Staatssekretäre in den Aufsichtsrat der Commerzbank entsenden. Dem Bund stünden bei der Commerzbank zwei Aufsichtsratsmandate zu, die er aus gesellschaftsrechtlichen Gründen nicht sofort besetzen könne, berichtet das "Handelsblatt" unter Berufung auf Regierungskreise. Sobald dies möglich werde, werde die Bundesregierung wahrscheinlich zwei Staatssekretäre in das Kontrollgremium entsenden und direkt die Geschäftspolitik der Commerzbank überwachen, hieß es weiter.

Der Aufsichtsratsvorsitzende der Commerzbank, Klaus-Peter Müller, hat die Beteiligung des Bundes mit 25 Prozent plus einer Aktie an seinem Kreditinstitut begrüßt. Dies sei ein "klarer Ausdruck, dass sich die Politik zur Kreditwirtschaft bekennt" und dafür Sorge trage, dass die Commerzbank eine Kapitalquote hat, die internationalen Standards entspreche, sagte Müller, der auch Präsident des Bundesverbandes deutscher Banken ist, am Donnerstag im bayerischen Wildbad Kreuth.

"Kapitalquote von leicht über zehn Prozent"

Die neue Commerzbank werde voraussichtlich mit einer "Kapitalquote von leicht über zehn Prozent" ausgestattet sein. Die Beteiligung solle auch dem Umstand Rechnung tragen, dass die "Bank nicht zum Gegenstand von Übernahmen oder möglichen Zerlegungsaktivitäten werden kann". Die Commerzbank werde nun als "wichtiger Kreditversorger für den deutschen Mittelstand gut gerüstet sein", auch gegen Widrigkeiten in der Zukunft.

Müller wandte sich gegen die Interpretation der Bundesbeteiligung als Verstaatlichung der Commerzbank. Dies sei bei einer 25-prozentigen Beteiligung "nicht ganz schlüssig". Von einem staatlichen Mehrheitsbesitz sei man "weit entfernt".

Dresdner-Übernahme gesichert

Finanzexperten haben den Kauf von Commerzbank-Anteilen durch den Bund begrüßt: "Er ist überraschend, doch es ist der Befreiungsschlag, den die Commerzbank jetzt benötigt", sagte der Frankfurter Professor für Bankbetriebslehre, Martin Faust, der "Berliner Zeitung". Mit dem Kauf der Dresdner Bank stehe die Commerzbank vor einer gewaltigen Aufgabe. "Ohne den Einstieg des Bundes hätte die Übernahme der Dresdner wohl abgeblasen werden müssen", sagte Faust. Die Tatsache, dass der Staat jetzt Aktionär bei der Commerzbank sei, sei auch eine Chance: "Jetzt kann der Staat auch an den künftigen Gewinnen der Bank partizipieren und davon profitieren, wenn der Aktienkurs der Bank wieder steigt."

(ddp, dpa, N24)

09.01.2009 09:56 Uhr

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