Sie befinden sich in: Nachrichten » Wirtschaft

 

"Jedem den Seinen"

PR-Aktion mit Nazi-Spruch gestoppt

Mächtig im Ton vergriffen haben sich Tchibo und Esso bei einer gemeinsamen Werbeaktion. Ihr Slogan "Jedem den Seinen" glich stark dem Nazi-Spruch "Jedem das Seine" am Tor des KZ Buchenwald.

Sie benötigen einen Flashplayer, mindestens in Version 8 sowie aktiviertes JavaScript.

Alternativ können Sie sich die Medien-Inhalte (Bilder und Videos) über folgende Links direkt ansehen:

"Jedem das Seine" steht im Tor des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald, heute eine Gedenkstätte.
Im November 1938 organisierte und lenkte das nationalsozialistische Regime unter Führung von Reichskanzler Adolf Hitler die Zerstörung von Leben, Eigentum und Einrichtungen der im Deutschen Reich lebenden Juden (undatierte Aufnahme).
Seit der Machtergreifung Hitlers 1933 wurden deutsche Juden diskriminiert, ausgegrenzt, verhaftet, ermordet und vertrieben. Doch die Novemberpogrome von 1938 stellten einen Paradigmenwechsel dar (Foto: April 1938 in Berlin).
Mit den Pogromen begann die systematische Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden im gesamten Macht- und Einflussbereich des Nationalsozialismus (Foto: 'Hetzmarsch' der SA in Berlin 1938).
Im April 1933, acht Wochen nach Hitlers Machtergreifung, kam es reichsweit zum sogenannten 'Judenboykott'. Viele Juden mussten ihren Beruf aufgeben, darunter Ärzte, Richter und Anwälte. Zehntausende verließen Deutschland (Foto: Stadt Greifenberg 1935).
1935 verkündete der damalige Reichtagspräsident Hermann Göring die 'Nürnberger Rassengesetze'. Diese führten zu einer strikten 'Rassentrennung' und stellten die antisemitische Ideologie auf eine juristische Grundlage.
Das 'Blutschutzgesetz' untersagte die Ehe zwischen Juden und Nichtjuden. Verstöße wurden als 'Rassenschande' mit Zuchthaus bestraft (Foto: Hochzeit von Joseph und Magda Goebbels 1931 in Berlin).
Ab 1937 ging der Staat dazu über, Juden durch Enteignung aus dem Wirtschaftsleben zu verdrängen. Der Reichsführer der SS, Heinrich Himmler, sprach erstmals öffentlich von der 'Entjudung' Deutschlands.
Nach dem Anschluss Österreichs an Deutschland kam es in Wien zu wochenlangen Ausschreitungen gegen jüdische Geschäfte. Schlägertrupps der SA zogen prügelnd durch Betriebe, Geschäfte und private Wohnungen (undatierte Aufnahme aus Wien).
Die Nachbarstaaten kämpften mit einer Flüchtlingsflut aus Deutschland und Österreich. 1938 beschlossen sie, keine Juden mehr aufzunehmen. Die Schweiz warnte vor einer 'Verjudung' durch den Zuzug der Flüchtlinge (Foto: Polnischen Botschaft in Wien).
Daraufhin wurden den deutschen Juden die Reisepässe entzogen und durch Sonderausweise ersetzt, die die Ausreise in die Schweiz unmöglich machen sollten (Foto: Ausweis der deutschen Widerstandskämpferin Beate Kosmala).
Adolf Eichmann, der Organisator des Holocaust, richtete eine Zentralstelle für jüdische Auswanderung ein, woraufhin eine Flüchtlingswelle aus Deutschland einsetzte.
Flüchtlingskinder im Alter von fünf bis sechszehn Jahren erreichen von Hamburg kommend den Hafen von New York.
Wie hier in der Berliner Münzstraße entstanden in größeren Reichstädten Ghettos, in denen die Juden gewungen wurden zu leben. Die Konzentration der Menschen auf bestimmte Viertel erleichterte auch später deren Deportation in die Vernichtungslager.
Ab 1938 kam es zu Vorbereitungen für umfangreiche Pogrome und Massenverhaftungen, u.a. durch den Ausbau von Konzentrationslagern und der Einrichtung einer reichsweiten 'Judenkartei' (Foto: Zwangsarbeit im KZ-Dachau).
Der 9. November 1938: Wie hier in Hannover brannten in ganz Deutschland und Österreich nahezu alle Synagogen nieder, unzählige jüdische Friedhöfe wurden geschändet oder zerstört.
Feuerwehrleute vor der ausgebrannten Ruine der Berliner Synagoge in der Fasanenstraße am 10. November 1938.
Über 7000 Geschäfte wurden von marodierenden Nazi-Banden geplündert, in Brand gesteckt, die Inhaber verprügelt, ermordet oder vertrieben (Aufnahme: Berlin 1938).
Ein Mann beseitigt am 10. November in Berlin die Scherben einer zertrümmerten Fensterscheibe. Das Wort 'Reichskristallnacht' geht vermutlich auf das Glitzern der reflektierten Flammen in Glassplittern zurück.
Die NS-Propaganda verklärte die Ausschreitungen gegen die Juden zum 'spontanen Volkszorn' als Reaktion auf die Ermordung eines deutschen Diplomaten durch einen Juden (Foto: Berlin am 10. November 1938).
Tatsächlich sollte durch die staatlich organisierten Verbrechen die Enteignung der deutschen Juden beschleunigt werden, um eine drohende Insolvenz des Reiches abzuwenden und neue Mittel für die Aufrüstung Deutschlands zu gewinnen (Foto: Nürnberg 1937).
In den Vereinigten Staaten protestierten jüdische Organisationen gegen die Verfolgung der Juden in Deutschland und Österreich (Foto: Mitglieder des Jewish People’s Committee in New York City, am 24. Juni 1938).
Zwischen dem 7. und 13. November 1938 wurden 400 Menschen ermordet oder in den Selbstmord getrieben und 30.000 Juden in Konzentrationslagern inhaftiert. Viele von ihnen wurden ermordet oder starben durch die unmenschlichen Haftbedingungen.
Deutsche Bürger schlossen sich den mordenden und brandschatzenden Truppen an, beteiligten sich an Verbrechen gegen Juden, denunzierten, beschimpften und schlugen Nachbarn, Kollegen oder völlig fremde Menschen.
Der 9. November steht für den Beginn der staatlich organisierten Vernichtung der Juden. Das weltweite Symbol für den millionenfachen Mord ist das Vernichtungslager Birkenau, eine Außenstelle des Arbeitslagers in Auschwitz.

Der Kaffeeröster Tchibo und die Esso-Tankstellen haben laut einem Bericht der "Frankfurter Rundschau" eine gemeinsame PR-Aktion gestoppt, die die von den Nazis missbrauchte Redewendung "Jedem das Seine" variiert hat. Bei der Aktion wurde bundesweit an rund 700 Tankstellen mit dem Slogan "Jedem den Seinen" für Kaffeesorten geworben, wie die Zeitung berichtet. Nach einer Anfrage der Zeitung sei die Aktion gestoppt worden, die Plakate sollen laut einer Tchibo-Sprecherin «schnellstmöglich» wieder abgehängt werden.

Die Redewendung "Jedem das Seine" ("suum cuique") war vor mehr als 2.000 Jahren vom Philosophen Cato dem Älteren geprägt worden. Gemeint war, dass jeder Mensch sein Leben so gestalten können sollte, wie er es möchte. Die Nationalsozialisten missbrauchten den Spruch allerdings auf zynischste Art und Weise, indem sie ihn über den Eingang des Konzentrationslagers Buchenwald bei Weimar schrieben.

Spruch "unglücklich" gewählt

Tchibo-Sprecherin Angelika Scholz erklärte, das Unternehmen habe "nie die Absicht gehabt, Gefühle zu verletzen". Sie räumte ein, der Slogan sei "unglücklich" gewählt. Esso-Sprecher Olaf Martin sagte, die beauftragte Werbeagentur habe die historische Bedeutung des Satzes offenbar nicht erkannt.

Zentralrat der Juden: "nicht zu überbietende Geschmaklosigkeit"

Der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Salomon Korn, sagte der Zeitung, das Plakat sei entweder eine "nicht zu überbietende Geschmacklosigkeit" oder ein Beispiel "totaler Geschichtsunkenntnis". Solange es noch einen einzigen Menschen gebe, der bei der Redewendung an Buchenwald denke, sei es unmöglich, sie zu verwenden. Dass es dennoch immer wieder geschehe, sei zu einem «erheblichen Anteil» im unzureichenden Geschichtsunterricht an Schulen zu suchen. Er begrüßte, dass die Plakate entfernt werden sollen.

Schon öfter für Werbung verwendet

Der Zeitung zufolge wurde die Redewendung schon mehrfach für Werbung missbraucht, die dann gestoppt wurde: Demnach bewarb 1998 Nokia austauschbare Handy-Gehäuse zunächst damit, die Plakate wurden mit dem Shakespeare-Titel «Was ihr wollt» überklebt, nachdem unter anderem das American Jewish Commitee dagegen protestiert hatte. Kurze Zeit später konnte der Handelskonzern Rewe einen Prospekt nicht mehr stoppen, in dem es hieß: "Grillen: Jedem das Seine". Rewe entschuldigte sich öffentlich. 1999 stoppte Burger King in Erfurt nach Protesten eine Handzettel-Aktion mit dem Slogan. 2001 waren Kunden entsetzt über eine Werbekampagne für Kontoführungsmodelle der Münchner Merkur-Bank.

(AP, N24)

14.01.2009 07:37 Uhr

SchließenSchließen Artikel versenden

Name des Absenders*:

E-Mail-Adresse des Empfängers*:


Ihre Mitteilung an den Empfänger:

Es gelten unsere Allgemeinen Nutzungsbedingungen

Sie befinden sich in: Nachrichten » Wirtschaft