Frankreich prescht mit einem Konzept vor, wie Ex-Guantanamo-Häftlinge in Europa unterkommen könnten. Außenminister Steinmeier sprach sich für die Aufnahme Freigelassener in Deutschland aus.
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Frankreich hat nach Informationen des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" ein Konzept zur Aufnahme von Guantanamo-Häftlingen in EU-Staaten vorgelegt. Das Fünf-Punkte-Papier sei im Vorfeld des am Montag in Brüssel geplanten Außenministertreffens an alle EU-Hauptstädte gegangen, berichtete das Nachrichtenmagazin in seiner aktuellen Ausgabe.
Demnach geht es um die Aufnahme von etwa 60 Personen aus dem US-Gefangenenlager, die als unschuldig eingestuft werden, aber nicht in ihre Heimat zurückkehren können, weil ihnen dort Verfolgung und Folter droht. Nach dem französischen Plan soll die Aufnahme "Fall für Fall" und "Land für Land" erfolgen. Jeder Staat solle entscheiden, ob und welche Ex-Häftlinge er nimmt, berichtete der "Spiegel" unter Berufung auf das Papier.
Frankreich will auch Norwegen und die Schweiz in die Pflicht nehmen
Paris empfiehlt demnach ein Verfahren, das 2002 bei einer Gruppe militanter Palästinenser erprobt wurde. Die Männer hatten die Geburtskirche in Bethlehem besetzt und wurden von den Israelis als Terroristen aus ihrer Heimat verbannt. Sechs EU-Länder nahmen sie zum Teil auf, nachdem eine europäische Clearingstelle sie auf ihren terroristischen und kriminellen Hintergrund hin überprüft hatte.
Um den schwierigen, teilweise traumatisierten Neuankömmlingen helfen zu können, soll die EU nach dem Willen Frankreichs Gelder bereitstellen. Zudem schlug Frankreich dem Bericht zufolge vor, auch Nicht-EU-Länder wie Norwegen oder die Schweiz bei der Aufnahme von Guantanamo-Häftlingen mit einzubinden. Der neue US-Präsident Barack Obama hatte kurz nach seinem Amtsantritt die Schließung des Lagers auf Kuba binnen eines Jahres angekündigt. Unklar ist jedoch noch der Verbleib der Insassen.
Guttenberg schießt gegen Steinmeier
Unterdessen schwelt der Streit in Deutschland darüber weiter, ob Ex-Häftlinge aus Guantanamo aufgenommen werden sollen. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) hat sich für die Aufnahme einzelner freigelassener Häftlinge ausgesprochen. Es gebe Signale, dass US-Präsident Barack Obama "wegen der Aufnahme einiger weniger auch auf die Europäer zukommen wird", sagte Steinmeier dem "Tagesspiegel am Sonntag". "Wäre es denn wirklich zu verantworten, die Auflösung von Guantanamo daran scheitern zu lassen?"
CSU-Generalsekretär Karl-Theodor Freiherr zu Guttenberg griff Steinmeier für seinen Vorstoß scharf an. Es werde noch genug Gelegenheiten geben, bei denen Deutschland um Hilfe gefragt werde, sagte zu Guttenberg der "Passauer Neuen Presse". "Hier zu schreien, wenn einen keiner gerufen hat und dann noch ohne Absprache mit den Innenministern, ist keine seriöse Politik." Steinmeier diene sich Barack Obama über deutsche Medien an, weil er sich davon innenpolitischen Applaus verspreche. "So gewinnt man kein Vertrauen in den USA", sagte zu Guttenberg.
Jemen zu Aufnahme von Staatsangehörigen bereit
FDP-Chef Guido Westerwelle sieht in der Frage des Umgangs mit unschuldigen Insassen des Militärgefängnisses Guantanamo die USA in der Pflicht. "Amerika, das dieses rechtsstaats- und menschenrechtswidrige Gefängnis eröffnet hat, trägt dafür auch zuerst die Verantwortung", sagte der FDP-Vorsitzende. Mutmaßliche Terroristen gehörten vor ordentliche Gerichte. Auch der Verbleib der Häftlinge müsse von Washington geklärt werden. Offensichtlich Unschuldige müssten in ihre Herkunftsländer oder an einen sicheren Aufenthaltsort gebracht werden. Dafür müssten zuerst die USA sorgen. Die Unschuldigen solle Washington wie in Rechtsstaaten üblich entschädigen. Eine Unterstützung Deutschlands schloss Westerwelle nicht aus.
Der jemenitische Staatschef Ali Abdallah Saleh will 94 inhaftierte Staatsangehörige in die Heimat zurückholen. Innerhalb der nächsten zwei Monate sollten die Sicherheitsdienste ein Umerziehungslager einrichten, kündigte Saleh auf einer Pressekonferenz an. Er rechne bis spätestens in drei Monaten mit der Rückkehr der Gefangenen.
Das US-Verteidigungsministerium wies inzwischen auf die Risiken hin, die eine Freilassung von Gefangenen mit sich bringen könnte. Ein Pentagon-Vertreter bestätigte einen Bericht der "New York Times", wonach der 2007 aus Guantanamo entlassene Saudiaraber Said Ali al Shihri sich erneut dem Terrornetzwerk El Kaida angeschlossen habe. Er sei inzwischen "in der Führung der El Kaida im Jemen" aktiv. Das auf die Überwachung von radikalislamischen Websites spezialisierte US-Unternehmens SITE hat Al Shihri inzwischen nach eigenen Angaben auf einem El Kaida-Video identifiziert. SITE zitierte ihn mit den Worten, die Haft habe "unser Beharren auf unsere Prinzipien nur verstärkt". Auf dem Video sei ein weiterer Häftling zu sehen, berichtete das Unternehmen. Dabei handele es sich um Abu el Hareth Muhammed el Ufi, dem Chef einer El Kaida-Kampfgruppe.