Aus dem Nachbarhaus
Visitenkarte führte zu Kardelens Mörder
Sie klingelte an der Haustür ihrer Freundin und landete bei ihrem Mörder. Nun ist der Tod der achtjährigen Kardelen für die Polizei geklärt. Der 29 Jahre alte Ali K. wird international gesucht.
Ein 29-jähriger Nachbar soll die achtjährige Kardelen aus Paderborn am 12. Januar sexuell missbraucht und erstickt haben. Der Verdächtige Ali K. wohnte nur zwei Stockwerke über dem Mädchen, das Kardelen am Montag vor drei Wochen zum Spielen abholen wollte. Eine DNA-Spur und eine Visitenkarte am Fundort von Kardelens Leiche am sauerländischen Möhnesee brachten die Polizei auf die richtige Spur.
Doch noch ist der mutmaßliche Täter flüchtig. Möglicherweise halte er sich bei seinem Vater in der Türkei auf, sagte Staatsanwalt Ralf Vetter am Mittwoch. Seit Dienstag wird nach dem 29-Jährigen mit internationalem Haftbefehl gesucht.
Kardelen kannte ihren mutmaßlichen Mörder wohl nicht, wie die Ermittler vermuten. Der arbeitslose Türke, der 2001 von Aydin - zwischen Izmir und Marmaris gelegen - nach Deutschland kam, lebte zurückgezogen mit seiner 26-jährigen deutschen Frau im Haus gegenüber von Kardelens Eltern in der Benediktinerstraße. Er sei erst im August 2007 von Herne nach Paderborn gezogen, sei sehr unauffällig gewesen und habe mit keinem viel geredet, beschreibt der Leiter der Mordkommission, Jürgen Heinz, den Tatverdächtigen. Die Familie des toten Mädchens habe mit dem Namen und Foto des Mannes nicht viel anfangen können.
Über alle Berge
Im Rahmen ihrer großangelegten Suchaktion klingelten die Ermittler kurz nach dem Verschwinden des Mädchens auch an der Haustür des 29-Jährigen. Doch schon zu dem Zeitpunkt war er wohl über alle Berge. Nachbarn wollen gesehen haben, wie der 29-Jährige und seine Frau die gemeinsame Wohnung am Dienstagmorgen nach dem Verschwinden Kardelens mit einem Koffertrolley verließen. Nach Zeugenaussagen buchten sie eine Flugreise in die Türkei.
Den entscheidenden Hinweis auf Kardelens mutmaßlichen Mörder brachte allerdings die Visitenkarte eines türkischen Juweliers. Die Polizei entdeckte sie am rund 60 Kilometer entfernten Möhnesee, nur wenige Meter neben der unbekleideten Leiche des kleinen Mädchens. Über den Juwelier und dessen Verwandtschaft in Paderborn konnte man herausfinden, dass auch Ali K. oder seine Frau im Besitz dieser Karte gewesen sein mussten, wie Staatsanwalt Vetter sagte. Wie genau die Visitenkarte an den Möhnesee gelangte, teilten die Ermittler aber nicht mit.
Eine Durchsuchung der verlassenen Wohnung des Ehepaares am vergangenen Montag brachte schließlich Gewissheit: "Wir konnten DNA-Spuren sicherstellen, die mit denen übereinstimmen, die wir auch an Kardelens Leiche gefunden haben", sagte er. Für uns ist die Tat damit aufgeklärt."
Genauer Tatablauf noch unklar
Was an jenem Montag vor drei Wochen genau geschah, hat die 60-köpfige Mordkommission trotz intensiver Ermittlungsarbeit und fast 1.000 Hinweisen noch nicht herausgefunden. Unklar ist, warum und wie die kleine Kardelen, als sie ihre Freundin nicht zu Hause vorfand, in die Hände ihres Mörders gelangte. Auch ob die Achtjährige in der Wohnung des mutmaßlichen Täters oder am See missbraucht und erstickt wurde, sei noch nicht geklärt, sagte der Polizeibeamte Heinz.
Die Auswertung der Spuren dauere noch an, erklärte er. "Und vieles wird uns wohl auch nur der Täter selbst sagen können." Der aber ist vorerst auf der Flucht - vermutlich zusammen mit seiner Frau, die er 2002 in Deutschland heiratete. Als Mittäterin komme sie nach dem derzeitigen Ermittlungsstand aber nicht infrage, sagte Vetter.
Rätselhaft erscheint allerdings, wie der bislang nicht straffällig gewordene Ali K. die Achtjährige zum Möhnesee gebracht haben könnte. Weder er noch seine Frau hätten ein Auto oder einen Führerschein, sagte der Staatsanwalt. Zwei Spaziergängerinnen entdeckten an dem beliebten Ausflugsziel im Sauerland zwei Tage nach dem Verschwinden des Mädchens die auffällige rosafarbene Kleidung. Sie war an einer Straße in der Nähe des Sees und auf der Staumauer verteilt. Kurz darauf entdeckte die Polizei auch die von Tannenzweigen bedeckte Leiche des Kindes.
In Paderborn, wo die Eltern ihre Kinder seit dem Verbrechen kaum unbeobachtet auf die Straße ließen, dürfte sich angesichts der Identifizierung des Täters nun Erleichterung breitmachen. Nachbarn und Freunde hatten sich an der Suche nach dem kleinen Mädchen beteiligt und mit einem bewegenden Trauermarsch von der Grundschülerin Abschied genommen.
Auch für Kardelens Eltern, die ihre Tochter in der Türkei zu Grabe trugen, war das Aufspüren des Mörder eine positive Nachricht. Sie seien sehr froh darüber gewesen, sagte Heinz. Das ändere aber nichts daran, dass die leidgeplagte Familie nun vor allem eines brauche: "Sehr, sehr viel Ruhe, um das alles verarbeiten zu können."
(AP, N24)
04.02.2009 18:32 Uhr








