N24 Reportage
Skateistan – Mit dem Skateboard durch Kabul
Oliver Percovich hat sich in den Kopf gesetzt, Kabuls Kindern eine Welt abseits von Krieg und Armut zu zeigen - mit dem Skateboard! N24-Reporter Steffen Schwarzkopf begleitet das ehrgeizige Projekt.
Kabuls Straßen sind gefährlicher denn je, was die Arbeit für Hilfsorganisationen immer schwieriger gestaltet. Im täglichen Chaos dieser kriegsgebeutelten Stadt, wo Anschläge, Bombardements und Straßenkämpfe zum Alltag gehören, leistet der Deutsch-Australier Oliver Percovich mit seinem Projekt "Skateistan" Entwicklungshilfe der besonderen Art:
Er bringt afghanischen Kindern das Skateboarden bei - eine Beschäftigung, für die es in der Landessprache nicht einmal einen Namen gibt.
Oliver Percovich hat sich in den Kopf gesetzt, den Kindern in Kabul eine Welt abseits von Krieg und Armut zu zeigen. Obwohl er vielen Hardlinern - Islamisten und Taliban - ein Dorn im Auge ist, ist er fest entschlossen, seine Skateboardschule aufzubauen: eine Halle mit Halfpipes, Rampen und allem, was dazu gehört. Durch eine große Skateboard-Sammelaktion hat er insgesamt schon zwei Tonnen Material wie Bretter, Rollen und Helme gesammelt und unter widrigen Umständen nach Kabul schickt.
N24-Reporter Steffen Schwarzkopf begleitete das Projekt und und stellte sich unseren Fragen:
Warum riskieren Sie seit 2001 immer wieder Ihr Leben, indem Sie regelmäßig nach Afghanistan fliegen?
"Meine regelmäßigen Reisen nach Afghanistan betrachte ich selbst nicht als "lebensgefährlich". Wenn ich beispielsweise in Kabul bin, bewege ich mich in der Stadt ohne besonderen Schutz; ich fahre mit klapprigen Taxis wie fast alle Einwohner von Kabul, gehe auch ganz normal in den Strassen einkaufen oder treffe mich mit Interviewpartnern im Café.
Vielleicht gehe ich da etwas blauäugig ran, aber ich halte es für eine gesunde Blauäugigkeit. Davon abgesehen: 95 Prozent aller Afghanen sind unheimlich freundliche, neugierige Menschen, die nicht im Entferntesten daran denken, Dir etwas anzutun. Das Land ist äußerst spannend, es gibt immer neue Entwicklungen, die ich nun seit Jahren verfolge –und die in letzter Zeit nicht unbedingt positiv sind."
Haben Sie inzwischen Freunde in Afghanistan?
"Freunde ist vielleicht ein bisschen übertrieben, aber gute Bekannte habe ich schon. Da wäre zum Beispiel Nasher, ein junger Mann, den ich 2001 noch während des Krieges in Kabul kennengelernt habe. Damals war er elf Jahre alt und sprach mich auf deutsch an (die Sprache hatte er in der Schule gelernt). Seitdem treffe ich ihn jedes Mal, wenn ich in Afghanistan bin. Inzwischen arbeitet er als Übersetzer für Hilfsorganisationen und verdient für afghanische Verhältnisse richtig gut. Und dann wäre da noch Haroon, ein Mann, der Kontakte zu allem und zu jedem hat; ein richtig netter Kerl, mit dem ich mich auch immer wieder zusammen setze."
Haben Sie seit Beginn des Krieges Veränderungen in Afghanistan wahrgenommen?
"Veränderungen gibt es laufend – und es hat sich wirklich viel getan. Nicht nur, dass inzwischen 7 Millionen Kinder wieder zur Schule gehen, darunter auch ein beträchtlicher Anteil Mädchen. In Kabul sind inzwischen Hotels und Shoppingcenter entstanden, bunte Märkte. Aber die Hauptstadt ist eine andere Welt als der Rest des Landes, wo die meisten Menschen immer noch ohne Strom, ohne fließend Wasser in absoluter Armut leben. Nach dem Sturz der Taliban ging es lange Zeit bergauf mit dem Land, doch seit gut zwei Jahren verschlechtert sich die Sicherheitslage zusehends. Es gibt immer mehr Anschläge, die internationalen Friedenstruppen haben immer höhere Verluste zu beklagen – und die Taliban werden wieder mächtiger. Dennoch: Afghanistan ist soviel mehr als nur Krieg und Elend."
Die Lebensumstände in Afghanistan sind ganz anders als in Deutschland. Finden Sie es schwierig, sich nach einem längeren Aufenthalt wieder einzuleben?
"Naja, ich bin ja in der Regel meist nicht länger als ein, zwei Wochen im Land. Interessant ist aber trotzdem, dass Du Dich zurück in Deutschland darüber freuen kannst, dass es hier funktionierende Ampeln, heißes Wasser aus der Dusche oder eine Heizung in Deiner Wohnung gibt. Bei meinem letzten Besuch in Kabul Anfang des Jahres habe ich in einer Unterkunft komplett ohne Heizung geschlafen – bei minus 5 Grad."
Wohin reisen Sie, wenn Sie privat verreisen?
"Gerne dahin, wo es warm ist! Das kann eine Woche Faulenzen irgendwo am Meer sein oder auch nur an einem schönen Pool. Ich war aber auch schon mit dem Rucksack in Brasilien und Mexiko unterwegs und bin mit meiner Frau per Camper vier Wochen durch Neuseeland gereist."
Sie machen viel Sport, laufen Marathon und absolvierten auch schon den "Iron-Man“. Warum so extrem?
"Das ist wohl ähnlich wie mit meinem Job: ich brauche immer eine Herausforderung, ein neues Ziel, auf das ich hintrainieren kann – und sei es nur eine neue persönliche Bestleistung beim Marathon. Außerdem kann ich beim Training gut abschalten. Dennoch: Nur Spaß ist das auch nicht, wenn Du morgens mal um fünf, mal um 6 Uhr aufstehst, um mit dem Fahrrad durch Brandenburg zu fahren – oder noch schlimmer: im Sommer noch im Halbdunkel in einen See zu springen und drei Kilometer zu schwimmen."
Wie sind Sie auf das Projekt "Skateistan" aufmerksam geworden?
"Ich hatte eine kurze Geschichte darüber in einer Zeitung gelesen – und fand das gleich sehr spannend. Zum einen ist es außergewöhnlich, zum anderen zeigt dieses ehrgeizige Projekt von einigen jungen Leuten, was man alles erreichen kann, wenn man sich etwas in den Kopf gesetzt hat. Außerdem ist das ein weiterer Beweis dafür, dass es aus Afghanistan durchaus noch viel mehr zu berichten gibt als nur Krieg und Elend."
Ab März sind Sie wieder in Afghanistan – dieses Mal als "embedded journalist“ bei der US-Army. Was genau werden Sie tun und warum begleiten Sie nicht die deutschen Truppen?
"Wir begleiten die sogenannte "Task Force Warrior“ für drei oder vier Tage. Das ist eine USEinheit, die zum einen aus Kampftruppen besteht und im umkämpften Grenzgebiet zu Pakistan operiert. Zum anderen kümmern sich die Soldaten aber auch um Wiederaufbau und gemeinsame Projekte mit der afghanischen Bevölkerung. Ich möchte hautnah erfahren, wie die Situation im Osten Afghanistans ist, was die Soldaten fühlen, wenn sie Jagd auf Taliban machen –aber auch, was sie beispielsweise von der Bundeswehr halten, die ja im vergleichsweise friedlichen Norden im Einsatz ist."
Zur Person Steffen Schwarzkopf
Steffen Schwarzkopf wurde am 13. März 1973 in Berlin geboren. Nach seinem Volontariat bei Berliner Radiosender Hundert, 6 arbeitete er als Redakteur und später als Chefreporter für den Lokalsender 1A in Berlin. Seit November 1998 ist er Reporter bei den Sat.1 Nachrichten, seit 2001 gehört er zum festen Reporterpool von N24.
Schwarzkopf ist regelmäßig im In- und Ausland unterwegs und berichtet unter anderem aus Kriegs- und Krisengebieten. Aus Afghanistan informierte er die Zuschauer zum ersten Mal während des Krieges 2001. Seitdem berichtete Steffen Schwarzkopf immer wieder aus Kabul; allein im Jahr 2007 war er dreimal am Hindukusch, vor allem im Norden (Kundus, Masar-e-Sharif).
Dort begleitete er als Journalist die Bundeswehr und machte Beiträge über den Tornado-Einsatz und die Entwicklung der Region. Im September 2007 war er mit amerikanischen Truppen im Süden Afghanistans, in Kandahar und Helmand, unterwegs. In einer bewegenden N24-Reportage "Verletzte Krieger“ berichtete Steffen Schwarzkopf aus Militärkrankenhäusern, in denen schwer verletzte US-Soldaten behandelt werden, die beim Einsatz in Afghanistan und im Irak verwundet wurden. Ende Mai 2008 deckte er den vereitelten Terroranschlag auf die ISAF-Truppe in Mazar-i-Sharif auf.
Inzwischen hat sich Steffen Schwarzkopf als einer der besten deutschen Reporter einen Namen gemacht: er wurde für den Deutschen Fernsehpreis 2008 nominiert. Für seine Berichterstattung aus Kenia und Afghanistan wurde er in der Kategorie "Bester Auslandsreporter" für die Endrunde der letzten Drei nominiert.
Skateistan-Spendenkonto:
Sparkasse Münsterland Ost
BLZ : 400 501 50
Kto. Nr.: 478 560
Verein zur Förderung der Jugendkultur e.V.
Verwendungszweck: Treuhandkonto "Skateistan"
(N24)
03.03.2009 13:42 Uhr







