Der Jugendwerkhof Torgau war eine der gefürchtetsten Disziplinierungsanstalten in der DDR. 25 Jahre lang wurden Kinder und Jugendliche gefoltert. Nun ist der Ausbau zu einer Gedenkstätte geplant.
Sie benötigen einen Flashplayer, mindestens in Version 8 sowie aktiviertes JavaScript.
Alternativ können Sie sich die Medien-Inhalte (Bilder und Videos) über folgende Links direkt ansehen:
Ralf Weber kann sich an alles erinnern, als wäre es gestern gewesen. An die Angst und Ohnmacht bei der Einlieferung und die schlimme Zeit danach. An die brüllenden Erzieher, die Willkür, die Schläge. Der 53-Jährige war einer von rund 4.000 Jugendlichen, die in der DDR zwischen 1964 und 1989 ohne Gerichtsurteil in den geschlossenen Jugendwerkhof Torgau gesperrt wurden.
In der schwer bewachten Disziplinierungsanstalt, die dem Ostberliner Volksbildungsministerium von Margot Honecker unterstand und von der nur wenige wussten, sollten missliebige Jugendliche wieder auf sozialistischen Kurs gebracht werden. Die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages zur "Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland" wertete die Einrichtung nach der Wiedervereinigung als Bankrotterklärung des Systems.
Weber kam mit 16 nach Torgau. Er hatte da schon jahrelang in verschiedenen Heimen und Jugendwerkhöfen gelebt. Schon bald nach der Einschulung hatte man ihn gegen den Willen seiner Mutter eingewiesen. Die Behörden warfen ihr vor, sich nicht genug um ihren Sohn zu kümmern. Dass sie als Verkäuferin lange arbeiten musste, spielte keine Rolle. Der Vater, ein Schläger und Trinker, hatte sich da längst aus dem Staub gemacht.
Weber litt unter der Trennung von seiner Mutter und umgab sich mit einem Gefühlspanzer. Bald galt er als aufsässig, immer wieder riss er aus. Das reichte aus, um ihn am 17. September 1971 nach Torgau einzuweisen, in den einzigen geschlossenen Jugendwerkhof des Landes.
"Ich war im Vorraum der Hölle"
Seine Ankunft an jenem Spätsommertag hat er bis heute nicht vergessen. Wie er sich nackt ausziehen und voller Angst stundenlang mit dem Gesicht zur Wand auf einem weiß getünchten Flur ausharren musste. Wie ihn die Erzieher herumkommandierten, in die Beine traten. "Ich war im Vorraum der Hölle", sagt er. "Es war ein absoluter Schock."
Die Insassen der Anstalt sollten mit Gewalt «umerzogen» und "gebessert" werden. Die jüngsten waren erst 14. Wer hierher gebracht wurde, hatte sich gegen Staat und Erzieher aufgelehnt, Schule oder Arbeit geschwänzt, passte nicht ins Bild. Das genügte, ein Gerichtsverfahren gab es nicht. "In Torgau ging es darum, den Willen der Insassen mit einer Art Schocktherapie zu brechen", sagt Julia Thieme, Leiterin der Gedenkstätte. Dabei helfen sollten Einschüchterung, militärischer Drill und Sport als Strafe.
Hindernislauf bis zur Erschöpfung
So mussten die Zöglinge hinter der drei Meter hohen Anstaltsmauer immer wieder bis zur Erschöpfung laufen, im Entengang gehen oder über Hindernisse klettern. Sie durften sich nur im Laufschritt bewegen, bereits Blickkontakte zwischen Jungen und Mädchen standen unter Strafe. Offiziell gab es keine körperliche Gewalt. Ehemalige Insassen berichten aber von Schlägen mit dem Schlüsselbund, Tritten in die Genitalien. Wer nicht parierte, musste bis zu zwölf Tage in den Einzel-Arrest.
Viele hielten das nicht aus: Mindestens drei Insassen töteten sich, es gab etliche Versuche. Mehrfach schluckten Jugendliche in ihrer Not Schrauben aus der Metallwerkstatt oder Schmierfett, um so wenigstens vorübergehend ins Krankenhaus verlegt zu werden.
Seit etwa zehn Jahren erinnert eine kleine Gedenkstätte im einstigen Verwaltungstrakt der Anstalt an das bislang kaum bekannte Kapitel staatlicher Unterdrückung in der DDR. Bis zum zwanzigsten Jahrestag der friedlichen Revolution im Herbst soll sie nun ergänzt und zu einer zentralen Ausstellung über das DDR-Heimsystem ausgebaut werden.
Stumme Zeugnisse der Verzweiflung
In einem Raum können Besucher bereits jetzt zwei graue Holz-Pritschen sehen, die einst in den Arrestzellen standen. Auf der Unterseite der Pritschen finden sich zahlreiche Inschriften, die von der Verzweiflung der Insassen zeugen: "Ich will endlich wieder raus, ich halte das nicht mehr aus", heißt es da. Er würde "lieber in den Knast" gehen als noch mal nach Torgau, schrieb jemand. "Ich wollte lieben lernen, doch ich lernte hassen."
Viele Ehemalige litten bis heute unter posttraumatischen Störungen, sagt Thieme. Immerhin werden seit ein paar Jahren alle Ex-Insassen auf Antrag rehabilitiert. Bislang sind rund 300 der 4.000 Ehemaligen diesen Schritt gegangen. "Viele sind noch nicht so weit", sagte Thieme.
Verfahren gegen DDR-Ministerin eingestellt
Für Ralf Weber ist das Martyrium nach knapp einem halben Jahr zu Ende, am 5. Februar 1972. Endgültig aufgelöst wurde die Einrichtung aber erst im Herbst der friedlichen Revolution 1989. Jahre später leitete die Staatsanwaltschaft gegen die einstige Volksbildungsministerin Honecker ein Verfahren ein. Doch die Ermittlungen verliefen im Sande, weil ihr eine direkte Verantwortung für Misshandlungen nicht nachzuweisen war.
In einigen wenigen Fällen wurden Ex-Erzieher wegen nachgewiesener Übergriffe zu Geldstrafen verurteilt. Zum Prozess gegen den langjährigen Anstaltsleiter, der besonders gefürchtet war, kam es dagegen nicht mehr. Er verstarb nach schwerer Krankheit am 9. November 1989. Es war der Tag, an dem die Mauer fiel.