Innerhalb von drei Stunden tötete der 17-jährige Tim K. in einer Realschule in Winnenden und im benachbarten Wendlingen 15 Menschen und sich selbst. Hier die Chronik des Amoklaufs.
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10. März, kurz vor 24 Uhr: Tims Vater gibt bei der Polizei an, sich kurz vor Mitternacht vergewissert zu haben, dass die Pistole, die spätere Tatwaffe, noch im Kleiderschrank war. Dies habe er meistens gemacht, wenn er Wäsche herausgeholt habe. An diesem Tag erzählte Tim K. seinen Eltern, dass er am 11. März erst zwei Stunden später zur Schule müsse und länger schlafen wolle. Dazu steht im Polizeibericht weiter: Durch diese offensichtliche Lüge verschaffte er sich Zeit für Vorbereitungshandlungen zur Amoktat.
11. März, gegen 8 Uhr: Tim K. frühstückt gemeinsam mit seiner Mutter. Danach geht die Mutter in den Keller ins Büro, wo sie bleibt, bis ihr Sohn geht. Da nicht ermittelt werden konnte, zu welchem Zeitpunkt Tim K. die Pistole nahm, gibt es folgende Hypothese: Tim K. geht laut Ermittlungsbericht nach dem Frühstück ins Obergeschoss. Er weiß, dass sich seine Mutter im Keller aufhält. Er geht ins Schlafzimmer und nimmt unbemerkt die Pistole sowie aus dem Nachtkästchen des Vaters ein dort verstecktes Magazin.
- 9.30 Uhr: Tim K. dringt in Winnenden in seine ehemalige Schule ein und erschießt mit einer großkalibrigen Waffe während des Unterrichts acht Schülerinnen, einen Schüler und drei Lehrerinnen.
- 9.33 Uhr: Ein Notruf eines Schülers aus der Albertville-Realschule geht bei der Polizei ein.
- 9.35 Uhr: Eine Streife mit drei Beamten trifft am Tatort ein und verhindert damit wahrscheinlich ein noch größeres Blutbad. Der Täter feuert auf die Beamten und flüchtet. Auf dem Weg in die Innenstadt erschießt der Amokläufer einen Mann, der im Zentrum für Psychiatrie gearbeitet hat.
- gegen 9.45 Uhr: Der Täter kidnappt auf dem Parkplatz der Psychiatrie einen 41 Jahre alten Autofahrer und zwingt ihn mit der Waffe zur Fahrt zunächst durch Stuttgart und dann auf die Autobahn 81 in das 40 Kilometer entfernte Wendlingen.
- gegen 10 Uhr: Spezialeinheiten der Polizei stürmen das Elternhaus von Tim K. in Leutenbach, zwölf Kilometer von der Schule entfernt. Der Vater des Täters besitzt als Mitglied eines Schützenvereins Waffen.
- kurz vor 12 Uhr: An einer Kontrollstelle der Polizei am Autobahnkreuz Wendlingen bremst die Geisel in einer Kurve stark ab und fährt auf eine Böschung zu, um sich kurz darauf aus dem rollenden Wagen zu retten und die Beamten zu alarmieren. Der Täter flüchtet zu Fuß zum nahe gelegenen Industriegebiet in Wendlingen.
- 12.01 Uhr: Der Täter betritt ein Autohaus in Wendlingen, fordert einen Wagen. Als ihm nicht sofort ein Auto gegeben wird, erschießt er einen Kunden (46) und einen Verkäufer (36).
- 12.05 Uhr: Als der Amokläufer aus dem Autohaus kommt, eröffnet die Polizei das Feuer und verletzt den jungen Mann am Bein. Tim K. versteckt sich dann auf einem Parkplatz. Bei dem Schusswechsel werden zwei Beamte in Zivil schwer verletzt.
- 12.30 Uhr: Die Beamten finden den Täter zwischen einer Wand und einem parkenden Fahrzeug tot auf dem Rücken liegend. Er hat sich nach Erkenntnissen der Polizei selbst gerichtet.
- 18.45 Uhr: In Winnenden werden die toten Schüler und Lehrer aus der Schule getragen.
- 19.00 Uhr: Zum ökumenischen Trauergottesdienst für die Opfer in der katholischen Kirche St. Karl Borromäus in Winnenden erscheinen hunderte Besucher.
kurz vor 9.30 Uhr
Tim K. dringt in die Albertville-Realschule ein und erschießt während des Unterrichts acht Schülerinnen und einen Schüler im Alter von 14 bis 15 Jahre und drei Lehrerinnen.
9.33 Uhr
Aus der Albertville-Realschule alarmiert ein Schüler per Notruf die Polizei.
gegen 9.35 Uhr
Auf seiner Flucht erschießt der Amokläufer in der Nähe des Psychiatrischen Landeskrankenhauses in Winnenden einen Mann, der dort gearbeitet hat.
9.40 Uhr
Zwei Interventionsteams der Polizei treffen in der Schule ein. Sie finden die erschossenen Schüler und Lehrerinnen vor. Eine Großfahndung mit mehreren Hubschraubern wird eingeleitet.
9.45 Uhr
Der Täter ist in die Innenstadt von Winnenden unterwegs. Er stoppt einen VW Sharan, kidnappt dessen Fahrer und zwingt ihn zur Fahrt in das 40 Kilometer entfernte Wendlingen.
gegen 10 Uhr
Spezialeinheiten der Polizei stürmen das Elternhaus von Tim K. im Stadtteil Weiler zum Stein in Leutenbach (Rems-Murr-Kreis), es ist zwölf Kilometer von der Schule entfernt. Der Vater des Täters besitzt als Mitglied eines Schützenvereins Waffen.
kurz vor 12 Uhr
Der Fahrer des Sharan gerät auf einer Autobahnabzweigung der A 81 in eine Böschung. Der Täter flüchtet zu Fuß zum nahe gelegenen Industriegebiet in Wendlingen. Der Fahrer benachrichtigt eine nahe Polizeistreife.
12.01 Uhr
Tim K. stürmt in ein VW-Autohaus. Dort eröffnet er sofort das Feuer und erschießt einen 46-jährigen Kunden und einen 36-jährigen Mitarbeiter, die gerade in einem Verkaufsgespräch sind.
12.05 Uhr
Als der Amokläufer aus dem Autohaus kommt, eröffnet die Polizei das Feuer und verletzt den jungen Mann am Bein, der sich dann auf einem Parkplatz versteckt. Bei dem Schusswechsel werden zwei Beamte in Zivil schwer verletzt.
12.30 Uhr
Die Beamten finden den Täter zwischen einer Wand und einem parkenden Fahrzeug tot auf dem Rücken liegend. Er hat sich nach Erkenntnissen der Polizei selbst in den Kopf geschossen.
17.15 Uhr
Die Leiche des Amokläufers wird abtransportiert. Etwa eine Stunde später werden auch in Winnenden die toten Schüler und Lehrer aus der Schule getragen.
Zitate zum Amoklauf
"Frau Koma kommt"
Mit einer verschlüsselten Lautsprecherdurchsage hat der Rektor der Albertville-Realschule in Winnenden vor dem Amokläufer gewarnt, während der 17-jährige Tim K. mordend durch Klassenzimmer zog: "Frau Koma kommt", habe der Rektor durchgesagt, berichtete eine Schülerin. Sie fügte hinzu: "Das heißt ja Amok rückwärts. Dann hat die Lehrerin die Tür abgeschlossen."
"Raus jetzt!"
"Wir haben vom Fenster aus gesehen, dass die alle durch die Feuerleiter gegangen sind, dann haben alle gesagt 'Raus jetzt' und dann sind wir in den Zwischenraum gegangen und die Lehrerin, die wurde dann von hinten durch die Tür erschossen", berichtet ein Schüler.
"Rennt, rennt!"
"Ich habe zwei Schüsse und Geschrei gehört. Erst dachte ich, es sei ein Scherz. Aber dann rief jemand: 'Rennt, rennt'. Dann hab ich gesehen, wie Mitschüler aus den Fenstern gesprungen sind und bin losgerannt", erzählt eine 15-Jährige.
"Wir hörten die Schüsse"
"Das war ganz schlimm heute. Wir haben die Schüsse gehört, mussten im Klassenraum eingesperrt warten. Viele haben dann auch angefangen, panisch zu weinen", erzählte ein Mädchen aus einer benachbarten Schule.
"Noch Stifte in der Hand"
"Die Toten hatten zum Teil noch ihre Schreibstifte in der Hand." Baden-Württembergs Innenminister Heribert Rech gab Aussagen des Interventionsteams wieder.
"Das war so erschütternd"
"Das kann man nicht in Worte fassen. Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich geweint habe. Wie sie da in den Stühlen hingen, das war so erschütternd", sagte der baden-württembergische Polizeipräsident Erwin Hetger.
"Er hatte mehr vor"
"Die Menge der nicht abgefeuerten Munition deutet darauf hin, dass er weitaus mehr vorhatte", sagte der leitende Kriminaldirektor Ralf Michelfelder.
"Noch nie erlebt"
"Es war ein Amoklauf in Reinkultur. Er ist mit einer Waffe in die Schule rein und hat dann das Blutbad angerichtet. So etwas habe ich noch nie erlebt", sagte Landespolizeipräsident Erwin Hetger.
"Sympathische Familie"
"Die Familie ist gut in die Gemeinde integriert. Sie ist freundlich und sympathisch", sagte Jürgen Kiesl, Bürgermeister von Tim K.s Heimatort Leutenbach.