16 Tote in drei Stunden

Minutenprotokoll des Amoklaufs

Innerhalb von drei Stunden tötete der 17-jährige Tim K. in einer Realschule in Winnenden und im benachbarten Wendlingen 15 Menschen und sich selbst. Hier die Chronik des Amoklaufs.

Sie benötigen einen Flashplayer, mindestens in Version 8 sowie aktiviertes JavaScript.

Alternativ können Sie sich die Medien-Inhalte (Bilder und Videos) über folgende Links direkt ansehen:

Einsatzkräfte legen die Leiche des Amokläufers auf eine Bahre. Der Jugendliche tötete bei einem Amoklauf 15 Menschen, bevor er sich selbst richtete.
Bitte klicken Sie auf das Bild, um die Galerie zu starten.
Gräueltat in Winnenden: Ein ehemaliger Schüler der Albertville-Realschule erschoss am 11. März 2009 15 Menschen, anschließend sich selbst. Er sei ein Angeber gewesen, sagen manche. Andere beschreiben ihn als Einzelgänger.
Die Polizei war zwar sofort am Ort des Geschehens, für die Opfer jedoch kam jede Hilfe zu spät.
Mitschüler legten Blumen nieder und zündeten Kerzen an. Sie entgingen nur knapp den tödlichen Schüssen des Amokläufers, dessen Familie …
… von Augenzeugen als "sympathisch" beschrieben wurde.
Andere versuchten ihren Schmerz über diese Tragödie in Worte zu fassen und berichteten von den tragischen Zuständen.
Für diejenigen, denen es sehr schwer fiel mit den Verlusten umzugehen, standen Notfallseelsorger bereit.
In diesem Haus wohnte der Täter. Seine Eltern sollen legal ein ungesichertes Waffenarsenal zu Hause gehabt haben.
Eine der Waffen fehlte bei der Durchsuchung des Hauses. Ob der Vater des Täters dafür in Haft muss, ist noch unklar.
Ein großer Schock für die Angehörigen der Opfer. Aber auch Mitschüler und deren Eltern waren fassungslos.
Die schrecklichen Spuren des Amoklaufes: Abgedeckte Leichen liegen auf dem Rasen vor dem Schulgebäude und …
… die Polizei begann mit dem Sammeln von Spuren. Vom Täter fehlte zu der Zeit, zu der dieses Foto entstand, noch jede Spur.
Währenddessen suchte das Spezialeinsatzkommando der Polizei den Täter. Dieser erschoss auf der Flucht noch einen Mitarbeiter der nahegelegenen Psychiatrie und ...
… zwang einen Autofahrer dazu, ihn einsteigen zu lassen. Nachdem er als nächstes in einem VW-Autohaus seine zwei nächsten Opfer erschoss, kam er selbst ums Leben.
Er schoss auf alles was ihm vor die Augen kam. Kamerateams versuchten, die schrecklichen Geschehnisse …
… in Bildern festzuhalten.
Auch ein Jahr nach der Tat fragt sich Winnenden, Politik und Gesellschaft: Was trieb den Jugendlichen dazu, ...
… so grausam mit seinen Mitmenschen abzurechnen?
Die Reflexe waren die bekannten: Killerspiele, die Tim K. gespielt haben soll, wurden verantwortlich gemacht. Auch ...
... das Waffenrecht kam auf den Prüfstand. Einige Änderungen hat es gegeben, doch ...
... vielen waren die Konsequenzen nicht weitreichend genug.
Und an der Albertville-Schule selbst? Die Realschule blieb zunächst geschlossen. Sie soll nun von Grund auf renoviert werden. Der Unterricht findet bis auf Weiteres in Containern nahe der Schule statt.
In Winnenden herrscht nach dem Amoklauf Ohnmacht und blankes Entsetzen. Das, was die Trauernden jetzt quält, ist die Frage nach dem Warum?
Mit einem ergreifenden ökumenischen Gottesdienst haben etwa tausend Menschen der 16 Opfer gedacht.
Der evangelische Landesbischof Frank Otfried July sprach von einem "furchtbaren, blutigen Tag".
Es mache sprachlos, "dass das hier in Baden-Württemberg, hier in Winnenden geschehen ist, und nicht auf fernen Fernsehbildern", sagte er und fügte an: ...
"Der Tod hat Einzug gehalten in hässlicher und brutaler Form hier in Winnenden."
Er habe in die Gesichter derer geblickt, die schwere Schläge empfangen haben. "Man kann nur erahnen, was dort in ihrem Inneren geschieht", sagte der Bischof.
Das Einzige, was für die Menschen jetzt in Winnenden zählt, ist der Zusammenhalt.
Dutzende Trauernde fanden sich nach dem Blutbad zu einer Mahnwache vor der Realschule zusammen.
Mit hunderten Kerzen gedachten sie der Opfer.
Die Trauernden hatten Kuscheltiere, ...
... Porzellanfiguren, ...
... Frühlingsblumen und ...
... rote Rosen niedergelegt.
Auf einem von vielen Pappschildern stand: "Warum? Wieso? Weshalb?"
Diese Fragen werden Winnenden noch lange beschäftigen.
Das Schlimmste für die Hinterbliebenen ist die Gewissheit, dass die Opfer keine Chance hatten, ihren eigenen Weg zu gehen.
"Ich bin hier, um um meine Freundin zu trauern", sagte eine Schülerin der 8. Klasse.
Ihre Freundin starb im Klassenzimmer über ihr.
Eine andere Schülerin, die ebenfalls eine Freundin verlor berichtet: "Es ist schrecklich, wir haben uns jeden Tag gesehen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie nicht mehr da ist."
Beide Mädchen kommen aus dem selben Ort wie der Täter und beschrieben diesen als ganz normalen, ...
... etwas zurückgezogenen Jungen, der aber ein Einzelgänger gewesen sei.
Und auch die beiden wird die Frage nach dem Warum? noch lange beschäftigen.
Die Direktorin des Erfurter Gutenberg-Gymnasiums, Christiane Alt, hat nach dem Blutbad von Winnenden dazu aufgefordert, den Betroffenen Ruhe und Rückzugsmöglichkeiten zu gönnen.
"Ich weiß, was die Betroffenen noch nicht ahnen können: ...
... Welch langer Prozess vom Aufstehen bis zum wieder Gehen lernen vor ihnen liegt", sagte Alt.
Eins steht fest: Schüler, Lehrer und die Angehörigen von Opfern brauchten Zeit, ...
... um das Unglaubliche akzeptieren zu können.
Was die Betroffenen in Winnenden wohl am meisten brauchen, ist Schutz vor Voyeurismus und Neugier.
Trauer ist ein sehr individueller Prozess, ...
... der Jahre in Anspruch nehmen kann. Gerade, wenn die Opfer auf solch tragische Weise um ihr Leben betrogen wurden wie in Winnenden.
Für die Betroffenen ist die Situation die Hölle.
Das was sie jetzt brauchen ist eine leise Hilfe, ohne sie zu behelligen.
Aber auch für die Eltern des Täters hat das Leben eine jähe Wendung genommen.
Weder sie, noch Bekannte haben eine Erklärung für die Tat von Tim K.
Menschen, die Tim K. kannten, beschrieben ihn als sehr anständig, ruhig und nicht aggressiv.
Eine Ladenbesitzerin sagte nach der Tat: "Ich fühle mit Frau K. ganz arg mit. Sie hat ihren Sohn verloren. Er hat etwas gemacht, was keiner nachvollziehen kann."
Und letztlich bleibt auch hier die Frage: Warum?
Video: Gedenkfeier - Ein Jahr nach Amoklauf von Winnenden
Video: Ein Jahr nach Winnenden - Im Studio: Dr. Peter Neu, Psychiater
Video: Winnenden ein Jahr danach - Gedenken an den Amoklauf

10. März, kurz vor 24 Uhr: Tims Vater gibt bei der Polizei an, sich kurz vor Mitternacht vergewissert zu haben, dass die Pistole, die spätere Tatwaffe, noch im Kleiderschrank war. Dies habe er meistens gemacht, wenn er Wäsche herausgeholt habe. An diesem Tag erzählte Tim K. seinen Eltern, dass er am 11. März erst zwei Stunden später zur Schule müsse und länger schlafen wolle. Dazu steht im Polizeibericht weiter: Durch diese offensichtliche Lüge verschaffte er sich Zeit für Vorbereitungshandlungen zur Amoktat.

11. März, gegen 8 Uhr: Tim K. frühstückt gemeinsam mit seiner Mutter. Danach geht die Mutter in den Keller ins Büro, wo sie bleibt, bis ihr Sohn geht. Da nicht ermittelt werden konnte, zu welchem Zeitpunkt Tim K. die Pistole nahm, gibt es folgende Hypothese: Tim K. geht laut Ermittlungsbericht nach dem Frühstück ins Obergeschoss. Er weiß, dass sich seine Mutter im Keller aufhält. Er geht ins Schlafzimmer und nimmt unbemerkt die Pistole sowie aus dem Nachtkästchen des Vaters ein dort verstecktes Magazin.

- 9.30 Uhr: Tim K. dringt in Winnenden in seine ehemalige Schule ein und erschießt mit einer großkalibrigen Waffe während des Unterrichts acht Schülerinnen, einen Schüler und drei Lehrerinnen.

- 9.33 Uhr: Ein Notruf eines Schülers aus der Albertville-Realschule geht bei der Polizei ein.

- 9.35 Uhr: Eine Streife mit drei Beamten trifft am Tatort ein und verhindert damit wahrscheinlich ein noch größeres Blutbad. Der Täter feuert auf die Beamten und flüchtet. Auf dem Weg in die Innenstadt erschießt der Amokläufer einen Mann, der im Zentrum für Psychiatrie gearbeitet hat.

- gegen 9.45 Uhr: Der Täter kidnappt auf dem Parkplatz der Psychiatrie einen 41 Jahre alten Autofahrer und zwingt ihn mit der Waffe zur Fahrt zunächst durch Stuttgart und dann auf die Autobahn 81 in das 40 Kilometer entfernte Wendlingen.

- gegen 10 Uhr: Spezialeinheiten der Polizei stürmen das Elternhaus von Tim K. in Leutenbach, zwölf Kilometer von der Schule entfernt. Der Vater des Täters besitzt als Mitglied eines Schützenvereins Waffen.

- kurz vor 12 Uhr: An einer Kontrollstelle der Polizei am Autobahnkreuz Wendlingen bremst die Geisel in einer Kurve stark ab und fährt auf eine Böschung zu, um sich kurz darauf aus dem rollenden Wagen zu retten und die Beamten zu alarmieren. Der Täter flüchtet zu Fuß zum nahe gelegenen Industriegebiet in Wendlingen.

- 12.01 Uhr: Der Täter betritt ein Autohaus in Wendlingen, fordert einen Wagen. Als ihm nicht sofort ein Auto gegeben wird, erschießt er einen Kunden (46) und einen Verkäufer (36).

- 12.05 Uhr: Als der Amokläufer aus dem Autohaus kommt, eröffnet die Polizei das Feuer und verletzt den jungen Mann am Bein. Tim K. versteckt sich dann auf einem Parkplatz. Bei dem Schusswechsel werden zwei Beamte in Zivil schwer verletzt.

- 12.30 Uhr: Die Beamten finden den Täter zwischen einer Wand und einem parkenden Fahrzeug tot auf dem Rücken liegend. Er hat sich nach Erkenntnissen der Polizei selbst gerichtet.

- 18.45 Uhr: In Winnenden werden die toten Schüler und Lehrer aus der Schule getragen.

- 19.00 Uhr: Zum ökumenischen Trauergottesdienst für die Opfer in der katholischen Kirche St. Karl Borromäus in Winnenden erscheinen hunderte Besucher.

(dpa, AP, N 24)

13.09.2010 16:06 Uhr

Minutenprotokoll des Amoklaufs

öffnenschließenkurz vor 9.30 Uhr Tim K. dringt in die Albertville-Realschule ein und erschießt während des Unterrichts acht Schülerinnen und einen Schüler im Alter von 14 bis 15 Jahre und drei Lehrerinnen.

öffnenschließen9.33 Uhr Aus der Albertville-Realschule alarmiert ein Schüler per Notruf die Polizei.

öffnenschließengegen 9.35 Uhr Auf seiner Flucht erschießt der Amokläufer in der Nähe des Psychiatrischen Landeskrankenhauses in Winnenden einen Mann, der dort gearbeitet hat.

öffnenschließen9.40 Uhr Zwei Interventionsteams der Polizei treffen in der Schule ein. Sie finden die erschossenen Schüler und Lehrerinnen vor. Eine Großfahndung mit mehreren Hubschraubern wird eingeleitet.

öffnenschließen9.45 Uhr Der Täter ist in die Innenstadt von Winnenden unterwegs. Er stoppt einen VW Sharan, kidnappt dessen Fahrer und zwingt ihn zur Fahrt in das 40 Kilometer entfernte Wendlingen.

öffnenschließengegen 10 Uhr Spezialeinheiten der Polizei stürmen das Elternhaus von Tim K. im Stadtteil Weiler zum Stein in Leutenbach (Rems-Murr-Kreis), es ist zwölf Kilometer von der Schule entfernt. Der Vater des Täters besitzt als Mitglied eines Schützenvereins Waffen.

öffnenschließenkurz vor 12 Uhr Der Fahrer des Sharan gerät auf einer Autobahnabzweigung der A 81 in eine Böschung. Der Täter flüchtet zu Fuß zum nahe gelegenen Industriegebiet in Wendlingen. Der Fahrer benachrichtigt eine nahe Polizeistreife.

öffnenschließen12.01 Uhr Tim K. stürmt in ein VW-Autohaus. Dort eröffnet er sofort das Feuer und erschießt einen 46-jährigen Kunden und einen 36-jährigen Mitarbeiter, die gerade in einem Verkaufsgespräch sind.

öffnenschließen12.05 Uhr Als der Amokläufer aus dem Autohaus kommt, eröffnet die Polizei das Feuer und verletzt den jungen Mann am Bein, der sich dann auf einem Parkplatz versteckt. Bei dem Schusswechsel werden zwei Beamte in Zivil schwer verletzt.

öffnenschließen12.30 Uhr Die Beamten finden den Täter zwischen einer Wand und einem parkenden Fahrzeug tot auf dem Rücken liegend. Er hat sich nach Erkenntnissen der Polizei selbst in den Kopf geschossen.

öffnenschließen17.15 Uhr Die Leiche des Amokläufers wird abtransportiert. Etwa eine Stunde später werden auch in Winnenden die toten Schüler und Lehrer aus der Schule getragen.

Zitate zum Amoklauf

öffnenschließen"Frau Koma kommt" Mit einer verschlüsselten Lautsprecherdurchsage hat der Rektor der Albertville-Realschule in Winnenden vor dem Amokläufer gewarnt, während der 17-jährige Tim K. mordend durch Klassenzimmer zog: "Frau Koma kommt", habe der Rektor durchgesagt, berichtete eine Schülerin. Sie fügte hinzu: "Das heißt ja Amok rückwärts. Dann hat die Lehrerin die Tür abgeschlossen."

öffnenschließen"Raus jetzt!" "Wir haben vom Fenster aus gesehen, dass die alle durch die Feuerleiter gegangen sind, dann haben alle gesagt 'Raus jetzt' und dann sind wir in den Zwischenraum gegangen und die Lehrerin, die wurde dann von hinten durch die Tür erschossen", berichtet ein Schüler.

öffnenschließen"Rennt, rennt!" "Ich habe zwei Schüsse und Geschrei gehört. Erst dachte ich, es sei ein Scherz. Aber dann rief jemand: 'Rennt, rennt'. Dann hab ich gesehen, wie Mitschüler aus den Fenstern gesprungen sind und bin losgerannt", erzählt eine 15-Jährige.

öffnenschließen"Wir hörten die Schüsse" "Das war ganz schlimm heute. Wir haben die Schüsse gehört, mussten im Klassenraum eingesperrt warten. Viele haben dann auch angefangen, panisch zu weinen", erzählte ein Mädchen aus einer benachbarten Schule.

öffnenschließen"Noch Stifte in der Hand" "Die Toten hatten zum Teil noch ihre Schreibstifte in der Hand." Baden-Württembergs Innenminister Heribert Rech gab Aussagen des Interventionsteams wieder.

öffnenschließen"Das war so erschütternd" "Das kann man nicht in Worte fassen. Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich geweint habe. Wie sie da in den Stühlen hingen, das war so erschütternd", sagte der baden-württembergische Polizeipräsident Erwin Hetger.

öffnenschließen"Er hatte mehr vor" "Die Menge der nicht abgefeuerten Munition deutet darauf hin, dass er weitaus mehr vorhatte", sagte der leitende Kriminaldirektor Ralf Michelfelder.

öffnenschließen"Noch nie erlebt" "Es war ein Amoklauf in Reinkultur. Er ist mit einer Waffe in die Schule rein und hat dann das Blutbad angerichtet. So etwas habe ich noch nie erlebt", sagte Landespolizeipräsident Erwin Hetger.

öffnenschließen"Sympathische Familie" "Die Familie ist gut in die Gemeinde integriert. Sie ist freundlich und sympathisch", sagte Jürgen Kiesl, Bürgermeister von Tim K.s Heimatort Leutenbach.

SchließenSchließen Artikel versenden

Name des Absenders*:

E-Mail-Adresse des Empfängers*:


Ihre Mitteilung an den Empfänger:

Es gelten unsere Allgemeinen Nutzungsbedingungen

Sie befinden sich in: Nachrichten » Panorama » Amoklauf