Tausende Menschen haben bei einem Gedenkgottesdienst Abschied von den 16 Opfern des Amoklaufs genommen. Bundesinnenminister Schäuble hat für Donnerstag eine bundesweite Trauerbeflaggung angeordnet.
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Mit einem ergreifenden ökumenischen Gottesdienst haben etwa tausend Menschen der 16 Opfer des Amoklaufs von Winnenden gedacht. In der bis auf den letzten Platz gefüllten katholischen Kirche St. Karl Borromäus kamen Bewohner des Städtchens in der Nähe von Stuttgart zusammen, aber auch Politiker wie Ministerpräsident Günther Oettinger, Geistliche, Sanitäter und Polizisten. Sie beteten und zündeten Kerzen an. Viele hatten Tränen in den Augen.
"Es herrscht Fassungslosigkeit, Ratlosigkeit, Ohnmacht und blankes Entsetzen", sagte der katholische Weihbischof Thomas Maria Renz. Seit dem Vormittag lähme die Menschen Hilflosigkeit. "In dieser Situation tut es gut, einen Ort zum gemeinsamen Trauern zu haben", sagte er.
Der evangelische Landesbischof Frank Otfried July sprach von einem "furchtbaren, blutigen Tag". Es mache sprachlos, "dass das hier in Baden-Württemberg, hier in Winnenden geschehen ist, und nicht auf fernen Fernsehbildern", sagte er und fügte an: "Der Tod hat Einzug gehalten in hässlicher und brutaler Form hier in Winnenden." Er habe in die Gesichter derer geblickt, die schwere Schläge empfangen haben. "Man kann nur erahnen, was dort in ihrem Inneren geschieht", sagte der Bischof.
Oettinger zeigte sich beeindruckt von der großen Resonanz auf den Gottesdienst. Die Menschen hätten Zusammenhalt gezeigt. Zugleich kündigte er für voraussichtlich kommende Woche eine Trauerfeier an, zu der auch zahlreiche Spitzenpolitiker aus Berlin kommen sollten.
Der Landesvorsitzende der Grünen, Daniel Mouratidis, erklärte, die Nachricht von dem Amoklauf habe ihn sehr betroffen gemacht, besonders weil er selbst aus der Nähe stamme. "Eine Erklärung für die Tat wird man nicht finden", sagte er. Stadtrat Erich Pfleiderer erklärte, er wolle Anteilnahme zeigen. "Ich war sprachlos, das muss man jetzt erstmal verarbeiten", sagte er.
Ein weiterer Gottesdienst soll am Donnerstag um 19.00 Uhr in der Evangelischen Schlosskirche Winnenden stattfinden.
Bundesweit Fahnen auf Halbmast
Wegen des Amoklaufs von Winnenden hat Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble für Donnerstag bundesweite Trauerbeflaggung angeordnet. Auch für den Tag der Trauerfeier sollen als Zeichen der Anteilnahme und des Zusammenhalts an allen Bundesbehörden die Flaggen auf Halbmast wehen, hieß es in einer Erklärung des Ministeriums.
kurz vor 9.30 Uhr
Tim K. dringt in die Albertville-Realschule ein und erschießt während des Unterrichts acht Schülerinnen und einen Schüler im Alter von 14 bis 15 Jahre und drei Lehrerinnen.
9.33 Uhr
Aus der Albertville-Realschule alarmiert ein Schüler per Notruf die Polizei.
gegen 9.35 Uhr
Auf seiner Flucht erschießt der Amokläufer in der Nähe des Psychiatrischen Landeskrankenhauses in Winnenden einen Mann, der dort gearbeitet hat.
9.40 Uhr
Zwei Interventionsteams der Polizei treffen in der Schule ein. Sie finden die erschossenen Schüler und Lehrerinnen vor. Eine Großfahndung mit mehreren Hubschraubern wird eingeleitet.
9.45 Uhr
Der Täter ist in die Innenstadt von Winnenden unterwegs. Er stoppt einen VW Sharan, kidnappt dessen Fahrer und zwingt ihn zur Fahrt in das 40 Kilometer entfernte Wendlingen.
gegen 10 Uhr
Spezialeinheiten der Polizei stürmen das Elternhaus von Tim K. im Stadtteil Weiler zum Stein in Leutenbach (Rems-Murr-Kreis), es ist zwölf Kilometer von der Schule entfernt. Der Vater des Täters besitzt als Mitglied eines Schützenvereins Waffen.
kurz vor 12 Uhr
Der Fahrer des Sharan gerät auf einer Autobahnabzweigung der A 81 in eine Böschung. Der Täter flüchtet zu Fuß zum nahe gelegenen Industriegebiet in Wendlingen. Der Fahrer benachrichtigt eine nahe Polizeistreife.
12.01 Uhr
Tim K. stürmt in ein VW-Autohaus. Dort eröffnet er sofort das Feuer und erschießt einen 46-jährigen Kunden und einen 36-jährigen Mitarbeiter, die gerade in einem Verkaufsgespräch sind.
12.05 Uhr
Als der Amokläufer aus dem Autohaus kommt, eröffnet die Polizei das Feuer und verletzt den jungen Mann am Bein, der sich dann auf einem Parkplatz versteckt. Bei dem Schusswechsel werden zwei Beamte in Zivil schwer verletzt.
12.30 Uhr
Die Beamten finden den Täter zwischen einer Wand und einem parkenden Fahrzeug tot auf dem Rücken liegend. Er hat sich nach Erkenntnissen der Polizei selbst in den Kopf geschossen.
17.15 Uhr
Die Leiche des Amokläufers wird abtransportiert. Etwa eine Stunde später werden auch in Winnenden die toten Schüler und Lehrer aus der Schule getragen.
Zitate zum Amoklauf
"Frau Koma kommt"
Mit einer verschlüsselten Lautsprecherdurchsage hat der Rektor der Albertville-Realschule in Winnenden vor dem Amokläufer gewarnt, während der 17-jährige Tim K. mordend durch Klassenzimmer zog: "Frau Koma kommt", habe der Rektor durchgesagt, berichtete eine Schülerin. Sie fügte hinzu: "Das heißt ja Amok rückwärts. Dann hat die Lehrerin die Tür abgeschlossen."
"Raus jetzt!"
"Wir haben vom Fenster aus gesehen, dass die alle durch die Feuerleiter gegangen sind, dann haben alle gesagt 'Raus jetzt' und dann sind wir in den Zwischenraum gegangen und die Lehrerin, die wurde dann von hinten durch die Tür erschossen", berichtet ein Schüler.
"Rennt, rennt!"
"Ich habe zwei Schüsse und Geschrei gehört. Erst dachte ich, es sei ein Scherz. Aber dann rief jemand: 'Rennt, rennt'. Dann hab ich gesehen, wie Mitschüler aus den Fenstern gesprungen sind und bin losgerannt", erzählt eine 15-Jährige.
"Wir hörten die Schüsse"
"Das war ganz schlimm heute. Wir haben die Schüsse gehört, mussten im Klassenraum eingesperrt warten. Viele haben dann auch angefangen, panisch zu weinen", erzählte ein Mädchen aus einer benachbarten Schule.
"Noch Stifte in der Hand"
"Die Toten hatten zum Teil noch ihre Schreibstifte in der Hand." Baden-Württembergs Innenminister Heribert Rech gab Aussagen des Interventionsteams wieder.
"Das war so erschütternd"
"Das kann man nicht in Worte fassen. Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich geweint habe. Wie sie da in den Stühlen hingen, das war so erschütternd", sagte der baden-württembergische Polizeipräsident Erwin Hetger.
"Er hatte mehr vor"
"Die Menge der nicht abgefeuerten Munition deutet darauf hin, dass er weitaus mehr vorhatte", sagte der leitende Kriminaldirektor Ralf Michelfelder.
"Noch nie erlebt"
"Es war ein Amoklauf in Reinkultur. Er ist mit einer Waffe in die Schule rein und hat dann das Blutbad angerichtet. So etwas habe ich noch nie erlebt", sagte Landespolizeipräsident Erwin Hetger.
"Sympathische Familie"
"Die Familie ist gut in die Gemeinde integriert. Sie ist freundlich und sympathisch", sagte Jürgen Kiesl, Bürgermeister von Tim K.s Heimatort Leutenbach.