"Ich hab das Lotterleben satt", ein Auszug aus dem Chat-Protokoll des Amokläufers Tim K., der seine kaltblütige Tat im Internet ankündigte. Er war ein geübter Sportschütze und fühlte sich gemobbt.
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Verschlossen, unauffällig und freundlich - aber auch verzweifelt, eiskalt und psychisch krank. Der 17 Jahre alte Amokläufer, der am Mittwoch an der Albertville-Realschule im schwäbischen Winnenden und auf der anschließenden Flucht nach Wendlingen 15 Menschen und sich selbst getötet hat, war ein depressiver Waffennarr. In der Nacht zum Mittwoch schrieb der 17-jährige Tim K. offenbar einem gleichaltrigen Chatpartner aus Bayern.
In dem Chat-Protokoll wird seine Verzweiflung deutlich: "Scheiße (...) es reicht mir, ich habe dieses Lotterleben satt, immer dasselbe, alle lachen mich aus, niemand erkennt mein Potenzial. Ich meine es ernst, Bernd - ich habe Waffen hier, und ich werde morgen früh an meine frühere Schule gehen und mal so richtig gepflegt grillen". Weiter habe es geheißen: "Vielleicht komme ich ja auch davon. Ihr werdet morgen von mir hören, merkt Euch nur den Namen des Orts: Winnenden." Darauf habe ein Jugendlicher in Bayern seinen Vater hingewiesen, den inzwischen gelöschten Eintrag aber nicht ernst genommen. Dann habe er "LOL" ("Laughing out loud" - Chatzeichen für Lachen) daruntergeschrieben.
Chat nicht ernst genommen
Laut Rech meldete sich der Vater des 17-Jährigen aus Bayern am Mittwochabend bei der Polizei und berichtete vom Internetchat seines Sohnes, der die Ankündigung nicht ernst genommen habe. Nach der Medienberichterstattung habe er sich dann an seinen Vater gewandt.
Tim K. war ein geübter Sportschütze. Seinen Vater, ein mittelständischer Unternehmer und Mitglied im Schützenverein, begleitete er oft zu Schießübungen. In seinem Zimmer bewahrte der Schüler zudem mehrere Luftwaffen auf. "Manchmal auf dem Spielplatz hat er mit anderen aus der Klasse oder aus der Umgebung aufeinander geschossen", sagt Mario H., ein ehemaliger Mitschüler des 17-Jährigen dem Radiosender Hit-Radio Antenne. Im Keller soll der Vater von Tim K. einen Schießübungsraum eingerichtet haben.
Noch dazu verbrachte Tim K., der eine drei Jahre jüngere Schwester hat, in den vergangenen Monaten viel Zeit mit Killerspielen am Computer. Auf seinem Rechner entdeckte die Polizei das Spiel Counterstrike - und auch einige Pornobilder. "Er wurde einfach von niemandem akzeptiert, saß den ganzen Tag eigentlich nur daheim vor dem Computer", sagt auch Mario H..
Tim K. war leidenschaftlicher Tischtennisspieler und machte seit etwa drei Jahren Kampfsport. Er hatte einige wenige freundschaftliche Kontakte und schwärmte eine Zeit lang für ein Mädchen aus der Nachbarschaft. Alles deutet auf einen normalen Teenager hin. "Bei dem hat man nichts Schlimmes gemerkt", sagt ein Jugendlicher aus dem Heimatort des Täters Leutenbach-Weiler zum Stein. Tim K. sei zwar immer wieder von Gleichaltrigen geärgert worden, habe das aber runtergeschluckt, fügt der Jugendliche hinzu.
Doch der Amokläufer war psychisch krank. Mehrmals wurde er wegen Depressionen in einer Klinik behandelt. Eine geplante ambulante Behandlung trat der 17-Jährige jedoch gar nicht erst an. Seine wohlhabenden Eltern wussten von seiner Krankheit - trauten ihrem behüteten Sohn eine solche Tat nach Polizeiangaben aber nicht zu.
Kultusminister Helmut Rau (CDU) vermutet Medienberichten zufolge, dass der 17-Jährige "eine doppelte Identität" hatte - "dabei ist die zweite verborgen geblieben." Tim K. sei "lernschwach", aber an der Schule nie auffällig gewesen. Er hatte im vergangenen Sommer seinen Abschluss an der Schule gemacht und war dann auf einem kaufmännischen Berufskolleg in Waiblingen gewesen. Seine Noten waren mehr oder weniger durchschnittlich.
Sechs weitere Amokdrohungen nach der Bluttat
Bei dem Amoklauf am Mittwoch hatte der der 17-jährige Tim K. an seiner früheren Realschule in Winnenden (Rems-Murr-Kreis) und auf der Flucht 15 Menschen und sich selbst in Wendlingen (Kreis Esslingen) erschossen. Seither gab es in Baden-Württemberg sechs Amokdrohungen. Landespolizeipräsident Erwin Hetger nannte den Bereich Stuttgart sowie die Städte Pforzheim, Ulm, Freiburg, Metzingen und Esslingen. Die Schulen würden verstärkt von der Polizei beobachtet.
Er habe in der Schule 60 Schüsse abgegeben, weitere 44 am Ende seiner Flucht in Wendlingen. Der Vater des Amokläufers habe in seinem Waffenschrank 4600 Schuss Munition verwahrt. Gegen den Vater wurde bislang kein Ermittlungsverfahren eingeleitet.
Am Ende seiner Flucht ist dem Amoktäter in Wendlingen zweimal ins Bein geschossen worden. Er sei dann in ein Firmengebäude geflüchtet, sagte Hans-Dieter Wagner von der Polizei Esslingen. Dort habe der 17-jährige Tim K. mindestens zwölf Schüsse durch die Scheibe auf einen Streifenwagen abgegeben. Dann flüchtete der Amokläufer durch den Hintereingang und schoss auf einen Streifenwagen, zwei Polizisten wurden schwer verletzt. Anschließend schoss er auf Mitarbeiter auf einem angrenzenden Firmengelände und tötete sich selbst.
Der Leiter der Staatsanwaltschaft Stuttgart, Siegfried Mahler, sagte, der 17-Jährige habe zuletzt ein Berufskolleg besucht zur Vorbereitung auf einen kaufmännischen Beruf. Auf seinem Computer seien Pornobilder gefunden worden. Er habe sich zudem mit Gewaltspielen beschäftigt. Bei Tim K. habe es keine Hinweise auf eine Amoktat gegeben.
kurz vor 9.30 Uhr
Tim K. dringt in die Albertville-Realschule ein und erschießt während des Unterrichts acht Schülerinnen und einen Schüler im Alter von 14 bis 15 Jahre und drei Lehrerinnen.
9.33 Uhr
Aus der Albertville-Realschule alarmiert ein Schüler per Notruf die Polizei.
gegen 9.35 Uhr
Auf seiner Flucht erschießt der Amokläufer in der Nähe des Psychiatrischen Landeskrankenhauses in Winnenden einen Mann, der dort gearbeitet hat.
9.40 Uhr
Zwei Interventionsteams der Polizei treffen in der Schule ein. Sie finden die erschossenen Schüler und Lehrerinnen vor. Eine Großfahndung mit mehreren Hubschraubern wird eingeleitet.
9.45 Uhr
Der Täter ist in die Innenstadt von Winnenden unterwegs. Er stoppt einen VW Sharan, kidnappt dessen Fahrer und zwingt ihn zur Fahrt in das 40 Kilometer entfernte Wendlingen.
gegen 10 Uhr
Spezialeinheiten der Polizei stürmen das Elternhaus von Tim K. im Stadtteil Weiler zum Stein in Leutenbach (Rems-Murr-Kreis), es ist zwölf Kilometer von der Schule entfernt. Der Vater des Täters besitzt als Mitglied eines Schützenvereins Waffen.
kurz vor 12 Uhr
Der Fahrer des Sharan gerät auf einer Autobahnabzweigung der A 81 in eine Böschung. Der Täter flüchtet zu Fuß zum nahe gelegenen Industriegebiet in Wendlingen. Der Fahrer benachrichtigt eine nahe Polizeistreife.
12.01 Uhr
Tim K. stürmt in ein VW-Autohaus. Dort eröffnet er sofort das Feuer und erschießt einen 46-jährigen Kunden und einen 36-jährigen Mitarbeiter, die gerade in einem Verkaufsgespräch sind.
12.05 Uhr
Als der Amokläufer aus dem Autohaus kommt, eröffnet die Polizei das Feuer und verletzt den jungen Mann am Bein, der sich dann auf einem Parkplatz versteckt. Bei dem Schusswechsel werden zwei Beamte in Zivil schwer verletzt.
12.30 Uhr
Die Beamten finden den Täter zwischen einer Wand und einem parkenden Fahrzeug tot auf dem Rücken liegend. Er hat sich nach Erkenntnissen der Polizei selbst in den Kopf geschossen.
17.15 Uhr
Die Leiche des Amokläufers wird abtransportiert. Etwa eine Stunde später werden auch in Winnenden die toten Schüler und Lehrer aus der Schule getragen.
Zitate zum Amoklauf
"Frau Koma kommt"
Mit einer verschlüsselten Lautsprecherdurchsage hat der Rektor der Albertville-Realschule in Winnenden vor dem Amokläufer gewarnt, während der 17-jährige Tim K. mordend durch Klassenzimmer zog: "Frau Koma kommt", habe der Rektor durchgesagt, berichtete eine Schülerin. Sie fügte hinzu: "Das heißt ja Amok rückwärts. Dann hat die Lehrerin die Tür abgeschlossen."
"Raus jetzt!"
"Wir haben vom Fenster aus gesehen, dass die alle durch die Feuerleiter gegangen sind, dann haben alle gesagt 'Raus jetzt' und dann sind wir in den Zwischenraum gegangen und die Lehrerin, die wurde dann von hinten durch die Tür erschossen", berichtet ein Schüler.
"Rennt, rennt!"
"Ich habe zwei Schüsse und Geschrei gehört. Erst dachte ich, es sei ein Scherz. Aber dann rief jemand: 'Rennt, rennt'. Dann hab ich gesehen, wie Mitschüler aus den Fenstern gesprungen sind und bin losgerannt", erzählt eine 15-Jährige.
"Wir hörten die Schüsse"
"Das war ganz schlimm heute. Wir haben die Schüsse gehört, mussten im Klassenraum eingesperrt warten. Viele haben dann auch angefangen, panisch zu weinen", erzählte ein Mädchen aus einer benachbarten Schule.
"Noch Stifte in der Hand"
"Die Toten hatten zum Teil noch ihre Schreibstifte in der Hand." Baden-Württembergs Innenminister Heribert Rech gab Aussagen des Interventionsteams wieder.
"Das war so erschütternd"
"Das kann man nicht in Worte fassen. Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich geweint habe. Wie sie da in den Stühlen hingen, das war so erschütternd", sagte der baden-württembergische Polizeipräsident Erwin Hetger.
"Er hatte mehr vor"
"Die Menge der nicht abgefeuerten Munition deutet darauf hin, dass er weitaus mehr vorhatte", sagte der leitende Kriminaldirektor Ralf Michelfelder.
"Noch nie erlebt"
"Es war ein Amoklauf in Reinkultur. Er ist mit einer Waffe in die Schule rein und hat dann das Blutbad angerichtet. So etwas habe ich noch nie erlebt", sagte Landespolizeipräsident Erwin Hetger.
"Sympathische Familie"
"Die Familie ist gut in die Gemeinde integriert. Sie ist freundlich und sympathisch", sagte Jürgen Kiesl, Bürgermeister von Tim K.s Heimatort Leutenbach.