Tim K. schoss vorrangig auf Mädchen. Der Präsident der FU Berlin sieht darin ein Indiz für ein Tatmotiv. Drastische Ungleichheit mache Jungen zu frustrierten Bildungsverlierern.
Sie benötigen einen Flashplayer, mindestens in Version 8 sowie aktiviertes JavaScript.
Alternativ können Sie sich die Medien-Inhalte (Bilder und Videos) über folgende Links direkt ansehen:
Der Präsident der Freien Universität Berlin, Dieter Lenzen, hat eine massive Benachteiligung von Jungen im deutschen Bildungssystem als eine der möglichen Ursachen des Amoklaufs von Winnenden bezeichnet. "An den Auswüchsen sieht man, was an Problemen im System entstehen können", sagte der Vorsitzende des Aktionsrats Bildung am Donnerstag in München.
Jungen seien die Verlierer im deutschen Bildungssystem. Es sei bemerkenswert, dass die meisten Opfer von Tim K. Mädchen und Lehrerinnen seien und dass die meisten Amokläufer Jungen seien. "Das Bildungssystem schafft es nicht, Jungen in den Zustand psychischer Ausgeglichenheit zu versetzen, der solche Taten ausschließt", kritisierte der Professor bei der Vorstellung einer Studie "Geschlechterdifferenz im Bildungssystem".
"Neue Bildungsverlierer die Jungen"
Vom Kindergarten bis zur Hochschule verstärke das deutsche Bildungssystem die Geschlechterunterschiede. "Beim Übergang auf das Gymnasium müssen Jungen eine deutlich höhere Leistung erbringen. Der Weg in die Berufsausbildung ist für Jungen erschwert", kritisierte Lenzen. "Von allen Schulabgängern ohne Abschluss sind 62 Prozent Jungen." Auch bei den Abiturienten seien die Mädchen klar in der Mehrheit. Die einstige Bildungsbenachteiligung "der katholischen Arbeitermädchen vom Lande wurde durch neue Bildungsverlierer abgelöst: die Jungen", sagte Lenzen. Der Dortmunder Professor Wilfried Bos sagte: "Männer sind nicht per se dümmer. Wir werden nur nicht so gefördert."
Am stärksten sei die Benachteiligung in den ostdeutschen Ländern Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Das Risiko für Jungen, in Schule und Beruf zu scheitern, sei hier am größten, sagte Lenzen. Am geringsten seien die Geschlechterunterschiede in den Stadtstaaten Hamburg und Berlin.
kurz vor 9.30 Uhr
Tim K. dringt in die Albertville-Realschule ein und erschießt während des Unterrichts acht Schülerinnen und einen Schüler im Alter von 14 bis 15 Jahre und drei Lehrerinnen.
9.33 Uhr
Aus der Albertville-Realschule alarmiert ein Schüler per Notruf die Polizei.
gegen 9.35 Uhr
Auf seiner Flucht erschießt der Amokläufer in der Nähe des Psychiatrischen Landeskrankenhauses in Winnenden einen Mann, der dort gearbeitet hat.
9.40 Uhr
Zwei Interventionsteams der Polizei treffen in der Schule ein. Sie finden die erschossenen Schüler und Lehrerinnen vor. Eine Großfahndung mit mehreren Hubschraubern wird eingeleitet.
9.45 Uhr
Der Täter ist in die Innenstadt von Winnenden unterwegs. Er stoppt einen VW Sharan, kidnappt dessen Fahrer und zwingt ihn zur Fahrt in das 40 Kilometer entfernte Wendlingen.
gegen 10 Uhr
Spezialeinheiten der Polizei stürmen das Elternhaus von Tim K. im Stadtteil Weiler zum Stein in Leutenbach (Rems-Murr-Kreis), es ist zwölf Kilometer von der Schule entfernt. Der Vater des Täters besitzt als Mitglied eines Schützenvereins Waffen.
kurz vor 12 Uhr
Der Fahrer des Sharan gerät auf einer Autobahnabzweigung der A 81 in eine Böschung. Der Täter flüchtet zu Fuß zum nahe gelegenen Industriegebiet in Wendlingen. Der Fahrer benachrichtigt eine nahe Polizeistreife.
12.01 Uhr
Tim K. stürmt in ein VW-Autohaus. Dort eröffnet er sofort das Feuer und erschießt einen 46-jährigen Kunden und einen 36-jährigen Mitarbeiter, die gerade in einem Verkaufsgespräch sind.
12.05 Uhr
Als der Amokläufer aus dem Autohaus kommt, eröffnet die Polizei das Feuer und verletzt den jungen Mann am Bein, der sich dann auf einem Parkplatz versteckt. Bei dem Schusswechsel werden zwei Beamte in Zivil schwer verletzt.
12.30 Uhr
Die Beamten finden den Täter zwischen einer Wand und einem parkenden Fahrzeug tot auf dem Rücken liegend. Er hat sich nach Erkenntnissen der Polizei selbst in den Kopf geschossen.
17.15 Uhr
Die Leiche des Amokläufers wird abtransportiert. Etwa eine Stunde später werden auch in Winnenden die toten Schüler und Lehrer aus der Schule getragen.
Zitate zum Amoklauf
"Frau Koma kommt"
Mit einer verschlüsselten Lautsprecherdurchsage hat der Rektor der Albertville-Realschule in Winnenden vor dem Amokläufer gewarnt, während der 17-jährige Tim K. mordend durch Klassenzimmer zog: "Frau Koma kommt", habe der Rektor durchgesagt, berichtete eine Schülerin. Sie fügte hinzu: "Das heißt ja Amok rückwärts. Dann hat die Lehrerin die Tür abgeschlossen."
"Raus jetzt!"
"Wir haben vom Fenster aus gesehen, dass die alle durch die Feuerleiter gegangen sind, dann haben alle gesagt 'Raus jetzt' und dann sind wir in den Zwischenraum gegangen und die Lehrerin, die wurde dann von hinten durch die Tür erschossen", berichtet ein Schüler.
"Rennt, rennt!"
"Ich habe zwei Schüsse und Geschrei gehört. Erst dachte ich, es sei ein Scherz. Aber dann rief jemand: 'Rennt, rennt'. Dann hab ich gesehen, wie Mitschüler aus den Fenstern gesprungen sind und bin losgerannt", erzählt eine 15-Jährige.
"Wir hörten die Schüsse"
"Das war ganz schlimm heute. Wir haben die Schüsse gehört, mussten im Klassenraum eingesperrt warten. Viele haben dann auch angefangen, panisch zu weinen", erzählte ein Mädchen aus einer benachbarten Schule.
"Noch Stifte in der Hand"
"Die Toten hatten zum Teil noch ihre Schreibstifte in der Hand." Baden-Württembergs Innenminister Heribert Rech gab Aussagen des Interventionsteams wieder.
"Das war so erschütternd"
"Das kann man nicht in Worte fassen. Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich geweint habe. Wie sie da in den Stühlen hingen, das war so erschütternd", sagte der baden-württembergische Polizeipräsident Erwin Hetger.
"Er hatte mehr vor"
"Die Menge der nicht abgefeuerten Munition deutet darauf hin, dass er weitaus mehr vorhatte", sagte der leitende Kriminaldirektor Ralf Michelfelder.
"Noch nie erlebt"
"Es war ein Amoklauf in Reinkultur. Er ist mit einer Waffe in die Schule rein und hat dann das Blutbad angerichtet. So etwas habe ich noch nie erlebt", sagte Landespolizeipräsident Erwin Hetger.
"Sympathische Familie"
"Die Familie ist gut in die Gemeinde integriert. Sie ist freundlich und sympathisch", sagte Jürgen Kiesl, Bürgermeister von Tim K.s Heimatort Leutenbach.