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Bildungsverlierer als potentielle Amokläufer?

Tim K. schoss vorrangig auf Mädchen. Der Präsident der FU Berlin sieht darin ein Indiz für ein Tatmotiv. Drastische Ungleichheit mache Jungen zu frustrierten Bildungsverlierern.

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Einschusslöcher an der Scheibe eines Autohauses in Wendlingen: Dort endete am Mittwoch der Amoklauf des 17-jährigen Tim K., der zuvor 15 Menschen erschossen hatte.
Gräueltat in Winnenden: Ein ehemaliger Schüler der Albertville-Realschule erschoss 15 Menschen, anschließend sich selbst. Er sei ein Angeber gewesen, sagen manche. Andere beschreiben ihn als Einzelgänger.
Die Polizei war zwar sofort am Unfallort, für die 15 Opfer jedoch kam jede Hilfe zu spät.
Mitschüler legten Blumen nieder und zündeten Kerzen an. Sie entgingen nur knapp den tödlichen Schüssen des Amokläufers, dessen Familie …
… von Augenzeugen als "sympathisch" beschrieben wurde.
Andere versuchten ihren Schmerz über diese Tragödie in Worte zu fassen und berichteten von den tragischen Zuständen.
Für diejenigen, denen es sehr schwer fiel mit den Verlusten umzugehen, standen Notfallseelsorger bereit.
In diesem Haus wohnte der Täter. Seine Eltern sollen legal ein ungesichertes Waffenarsenal zu Hause gehabt haben.
Eine der Waffen fehlte bei der Durchsuchung des Hauses.
Ein großer Schock für die Angehörigen der Opfer. Aber auch Eltern und Mitschüler waren fassungslos.
Die schrecklichen Spuren des Amoklaufes: Abgedeckte Leichen liegen auf dem Rasen vor dem Schulgebäude und …
… die Polizei begann mit dem Sammeln von Spuren. Vom Täter fehlte zu der Zeit noch jede Spur.
Währenddessen suchte das Spezialeinsatzkommando der Polizei den Täter. Dieser erschoss auf der Flucht noch einen Mitarbeiter der nahegelegenen Psychiatrie und ...
… zwang einen Autofahrer dazu, ihn einsteigen zu lassen. Nachdem er als nächstes in einem VW-Autohaus seine zwei nächsten Opfer erschoss, kam er selbst ums Leben.
Er schoss auf alles was ihm vor die Augen kam. Kamerateams versuchten, die schrecklichen Geschehnisse …
… in Bildern festzuhalten.
Die Eltern des Täters besitzen laut Polizei legal Waffen. Eine der Waffen fehlte, ...
… als die Polizei das Haus in Leutenbach in der Nähe von Winnenden durchsuchte.
Die Spurensammlung begann damit, Beweismaterial zu sichern.
In Leichenwagen wurden die Toten weggefahren.
Alles was die Beamten finden konnten, wurde zur Untersuchung mitgenommen.
Die Realschule blieb zunächst geschlossen.
Angela Merkel äußerte sich betroffen: "Es ist unfassbar, dass binnen Sekunden Schüler, Lehrer in den Tod gerissen wurden, durch ein entsetzliches Verbrechen."

Der Präsident der Freien Universität Berlin, Dieter Lenzen, hat eine massive Benachteiligung von Jungen im deutschen Bildungssystem als eine der möglichen Ursachen des Amoklaufs von Winnenden bezeichnet. "An den Auswüchsen sieht man, was an Problemen im System entstehen können", sagte der Vorsitzende des Aktionsrats Bildung am Donnerstag in München.

Jungen seien die Verlierer im deutschen Bildungssystem. Es sei bemerkenswert, dass die meisten Opfer von Tim K. Mädchen und Lehrerinnen seien und dass die meisten Amokläufer Jungen seien. "Das Bildungssystem schafft es nicht, Jungen in den Zustand psychischer Ausgeglichenheit zu versetzen, der solche Taten ausschließt", kritisierte der Professor bei der Vorstellung einer Studie "Geschlechterdifferenz im Bildungssystem".

"Neue Bildungsverlierer die Jungen"

Vom Kindergarten bis zur Hochschule verstärke das deutsche Bildungssystem die Geschlechterunterschiede. "Beim Übergang auf das Gymnasium müssen Jungen eine deutlich höhere Leistung erbringen. Der Weg in die Berufsausbildung ist für Jungen erschwert", kritisierte Lenzen. "Von allen Schulabgängern ohne Abschluss sind 62 Prozent Jungen." Auch bei den Abiturienten seien die Mädchen klar in der Mehrheit. Die einstige Bildungsbenachteiligung "der katholischen Arbeitermädchen vom Lande wurde durch neue Bildungsverlierer abgelöst: die Jungen", sagte Lenzen. Der Dortmunder Professor Wilfried Bos sagte: "Männer sind nicht per se dümmer. Wir werden nur nicht so gefördert."

Am stärksten sei die Benachteiligung in den ostdeutschen Ländern Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Das Risiko für Jungen, in Schule und Beruf zu scheitern, sei hier am größten, sagte Lenzen. Am geringsten seien die Geschlechterunterschiede in den Stadtstaaten Hamburg und Berlin.

(AP, N24)

12.03.2009 11:47 Uhr

Minutenprotokoll des Amoklaufs

öffnenschließenkurz vor 9.30 Uhr Tim K. dringt in die Albertville-Realschule ein und erschießt während des Unterrichts acht Schülerinnen und einen Schüler im Alter von 14 bis 15 Jahre und drei Lehrerinnen.

öffnenschließen9.33 Uhr Aus der Albertville-Realschule alarmiert ein Schüler per Notruf die Polizei.

öffnenschließengegen 9.35 Uhr Auf seiner Flucht erschießt der Amokläufer in der Nähe des Psychiatrischen Landeskrankenhauses in Winnenden einen Mann, der dort gearbeitet hat.

öffnenschließen9.40 Uhr Zwei Interventionsteams der Polizei treffen in der Schule ein. Sie finden die erschossenen Schüler und Lehrerinnen vor. Eine Großfahndung mit mehreren Hubschraubern wird eingeleitet.

öffnenschließen9.45 Uhr Der Täter ist in die Innenstadt von Winnenden unterwegs. Er stoppt einen VW Sharan, kidnappt dessen Fahrer und zwingt ihn zur Fahrt in das 40 Kilometer entfernte Wendlingen.

öffnenschließengegen 10 Uhr Spezialeinheiten der Polizei stürmen das Elternhaus von Tim K. im Stadtteil Weiler zum Stein in Leutenbach (Rems-Murr-Kreis), es ist zwölf Kilometer von der Schule entfernt. Der Vater des Täters besitzt als Mitglied eines Schützenvereins Waffen.

öffnenschließenkurz vor 12 Uhr Der Fahrer des Sharan gerät auf einer Autobahnabzweigung der A 81 in eine Böschung. Der Täter flüchtet zu Fuß zum nahe gelegenen Industriegebiet in Wendlingen. Der Fahrer benachrichtigt eine nahe Polizeistreife.

öffnenschließen12.01 Uhr Tim K. stürmt in ein VW-Autohaus. Dort eröffnet er sofort das Feuer und erschießt einen 46-jährigen Kunden und einen 36-jährigen Mitarbeiter, die gerade in einem Verkaufsgespräch sind.

öffnenschließen12.05 Uhr Als der Amokläufer aus dem Autohaus kommt, eröffnet die Polizei das Feuer und verletzt den jungen Mann am Bein, der sich dann auf einem Parkplatz versteckt. Bei dem Schusswechsel werden zwei Beamte in Zivil schwer verletzt.

öffnenschließen12.30 Uhr Die Beamten finden den Täter zwischen einer Wand und einem parkenden Fahrzeug tot auf dem Rücken liegend. Er hat sich nach Erkenntnissen der Polizei selbst in den Kopf geschossen.

öffnenschließen17.15 Uhr Die Leiche des Amokläufers wird abtransportiert. Etwa eine Stunde später werden auch in Winnenden die toten Schüler und Lehrer aus der Schule getragen.

Zitate zum Amoklauf

öffnenschließen"Frau Koma kommt" Mit einer verschlüsselten Lautsprecherdurchsage hat der Rektor der Albertville-Realschule in Winnenden vor dem Amokläufer gewarnt, während der 17-jährige Tim K. mordend durch Klassenzimmer zog: "Frau Koma kommt", habe der Rektor durchgesagt, berichtete eine Schülerin. Sie fügte hinzu: "Das heißt ja Amok rückwärts. Dann hat die Lehrerin die Tür abgeschlossen."

öffnenschließen"Raus jetzt!" "Wir haben vom Fenster aus gesehen, dass die alle durch die Feuerleiter gegangen sind, dann haben alle gesagt 'Raus jetzt' und dann sind wir in den Zwischenraum gegangen und die Lehrerin, die wurde dann von hinten durch die Tür erschossen", berichtet ein Schüler.

öffnenschließen"Rennt, rennt!" "Ich habe zwei Schüsse und Geschrei gehört. Erst dachte ich, es sei ein Scherz. Aber dann rief jemand: 'Rennt, rennt'. Dann hab ich gesehen, wie Mitschüler aus den Fenstern gesprungen sind und bin losgerannt", erzählt eine 15-Jährige.

öffnenschließen"Wir hörten die Schüsse" "Das war ganz schlimm heute. Wir haben die Schüsse gehört, mussten im Klassenraum eingesperrt warten. Viele haben dann auch angefangen, panisch zu weinen", erzählte ein Mädchen aus einer benachbarten Schule.

öffnenschließen"Noch Stifte in der Hand" "Die Toten hatten zum Teil noch ihre Schreibstifte in der Hand." Baden-Württembergs Innenminister Heribert Rech gab Aussagen des Interventionsteams wieder.

öffnenschließen"Das war so erschütternd" "Das kann man nicht in Worte fassen. Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich geweint habe. Wie sie da in den Stühlen hingen, das war so erschütternd", sagte der baden-württembergische Polizeipräsident Erwin Hetger.

öffnenschließen"Er hatte mehr vor" "Die Menge der nicht abgefeuerten Munition deutet darauf hin, dass er weitaus mehr vorhatte", sagte der leitende Kriminaldirektor Ralf Michelfelder.

öffnenschließen"Noch nie erlebt" "Es war ein Amoklauf in Reinkultur. Er ist mit einer Waffe in die Schule rein und hat dann das Blutbad angerichtet. So etwas habe ich noch nie erlebt", sagte Landespolizeipräsident Erwin Hetger.

öffnenschließen"Sympathische Familie" "Die Familie ist gut in die Gemeinde integriert. Sie ist freundlich und sympathisch", sagte Jürgen Kiesl, Bürgermeister von Tim K.s Heimatort Leutenbach.

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