Der SPD-Vorsitzende Franz Müntefering spricht sich nach dem Amoklauf von Winnenden gegen einen "Festungscharakter" von Schulen aus. Missbrauch von Waffen ist schwer verhinderbar.
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Nach dem Amoklauf von Winnenden ist die Diskussion über politische Konsequenzen entbrannt. Dabei lehnten Politiker und Polizeigewerkschaften eine weitere Verschärfung des Waffenrechts ab. Zugleich widersprachen Lehrerverbände Forderungen nach Zugangskontrollen an Schulen.
Der SPD-Vorsitzende Franz Müntefering hat sich gegen übereilte Reaktionen der Politik auf den Amoklauf von Winnenden ausgesprochen. "Niemand sollte den Eindruck erwecken, hier eine schnelle, pauschale politische Antwort zu haben", sagte er den "Nürnberger Nachrichten". Missbrauch von Waffen sei nur sehr schwer zu verhindern, "wenn Leute da mit krimineller Gewalt herangehen".
Müntefering sprach sich zugleich gegen einen "Festungscharakter" von Schulen aus. "Es wird immer wieder Menschen geben, die aus der Spur kommen und gewalttätig werden. Hundertprozentig verhindern, etwa durch Festungscharakter von Schulen, wird man die Gewalt nicht können", sagte er.
"Ich kann überhaupt nicht erkennen, welche wie immer geartete Änderung im Waffenrecht an dem Geschehen etwas geändert hätte", sagte Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) in Berlin. Die Vorschriften seien bereits sehr streng. Für den Vorsitzenden des Bundestagsinnenausschusses, Sebastian Edathy (SPD), ist Deutschland waffenrechtlich "auf der Höhe der Zeit", wie er der "Welt" (Donnerstag) sagte. Der Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Volker Kauder, erinnerte im Bayerischen Rundfunk auch daran, dass es eine letzte Sicherheit nicht gebe.
"Keine Rezepte in der Hand"
Der SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier fand es am Rande der Leipziger Buchmesse "nicht angemessen, dass wir 10 bis 20 Stunden nach dem Ereignis so tun, als hätten wir die Rezepte in der Hand, die das verhindern". Klar sei jedoch, dass eine große Verantwortung für das Verhalten der Kinder in deren Familien liege. Der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), Rainer Wendt, sagte dem Fernsehsender N24: "Gesetzlicher Aktionismus täuscht Sicherheit nur vor, damit ändern wir gar nichts."
Der Vizevorsitzende der Linksfraktion im Bundestag, Bodo Ramelow, forderte, die Aufbewahrung von Waffen in Privathaushalten stark einzuschränken. Bosbach entgegnete: Wenn alle Sportwaffen zentral an einem Ort gelagert würden, gäbe es "quer über die Republik verstreut Waffenarsenale, die wir sichern müssten wie den Goldschatz von Fort Knox".
Die Grünen-Vorsitzenden Claudia Roth und Cem Özdemir forderten, die Einhaltung der Waffengesetze besser zu kontrollieren und eine weitere Verschärfung des Gesetzes zu prüfen. Die Innenexpertin der Partei, Silke Stokar, verlangte ein nationales Waffenregister, in dem alle Waffenbesitzer festgehalten werden.
Zugangskontrollen in Schulen
Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) sprach sich für technische Zugangskontrollen an Schulen aus. Wie bei großen Betrieben könne etwa eine Chipkarte Voraussetzung für den Zutritt sein, sagte GdP-Chef Konrad Freiberg dem Hörfunksender NDR-Info. Bei Lehrerverbänden stieß die Forderung nach Videoanlagen, Eingangskontrollen und Metalldetektoren in Schulen auf Kritik. Der Vorsitzende des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, sagte Handelsblatt.com, dies würde ein "Big-Brother-Klima" in den Schulen schaffen. Der Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, Heinz-Peter Meidinger, sagte: "Das sind Vorschläge von Personen, die schon lange keine Schule mehr von innen gesehen haben." Auch Politiker warnten parteiübergreifend davor, Schulen zu "Hochsicherheitstrakten" oder "Festungen" auszubauen.
Der innenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Hans- Peter Uhl, forderte ein generelles Verbot gewaltverherrlichender Computerspiele. "Das Geschäftsmodell für brutale und gewaltverherrlichende Computerspiele muss nachhaltig gestört werden", sagte Uhl der "Leipziger Volkszeitung".
"Leben in einer offenen Gesellschaft"
Der baden-württembergische Kultusminister Helmut Rau sieht keine generelle Möglichkeit, den Zugang zu den Schulen für Fremde massiv zu beschränken. Rau sagte, man könne sie nicht zu Festungen ausbauen. "Wir leben in einer offenen Gesellschaft", sagte der CDU-Politiker. Der Präsident des Lehrerverbandes, Josef Kraus, sagte, vor allem werde an den Schulen mehr psychologisch geschultes Personal gebraucht. Die Hemmschwelle für Gewalt sei deutlich gesunken. Gute Antworten seien überdies das Erproben von Evakuierungsplänen, aber auch die Ausbildung von Streitschlichtern unter Schülern sowie Deeskalationstrainings.
Der Präsident der Deutschen Stiftung für Verbrechensbekämpfung, Hans-Dieter Schwind, verlangte ein totales Verbot von Computer-Gewaltspielen. Der "Neuen Osnabrücker Zeitung" sagte der Professor für Kriminologie: "Dass der 17-Jährige auf der Flucht noch weiter um sich geschossen hat, ist ein Verhalten, das Jugendliche auch in Spielen wie Counter Strike oder Crysis lernen können."
kurz vor 9.30 Uhr
Tim K. dringt in die Albertville-Realschule ein und erschießt während des Unterrichts acht Schülerinnen und einen Schüler im Alter von 14 bis 15 Jahre und drei Lehrerinnen.
9.33 Uhr
Aus der Albertville-Realschule alarmiert ein Schüler per Notruf die Polizei.
gegen 9.35 Uhr
Auf seiner Flucht erschießt der Amokläufer in der Nähe des Psychiatrischen Landeskrankenhauses in Winnenden einen Mann, der dort gearbeitet hat.
9.40 Uhr
Zwei Interventionsteams der Polizei treffen in der Schule ein. Sie finden die erschossenen Schüler und Lehrerinnen vor. Eine Großfahndung mit mehreren Hubschraubern wird eingeleitet.
9.45 Uhr
Der Täter ist in die Innenstadt von Winnenden unterwegs. Er stoppt einen VW Sharan, kidnappt dessen Fahrer und zwingt ihn zur Fahrt in das 40 Kilometer entfernte Wendlingen.
gegen 10 Uhr
Spezialeinheiten der Polizei stürmen das Elternhaus von Tim K. im Stadtteil Weiler zum Stein in Leutenbach (Rems-Murr-Kreis), es ist zwölf Kilometer von der Schule entfernt. Der Vater des Täters besitzt als Mitglied eines Schützenvereins Waffen.
kurz vor 12 Uhr
Der Fahrer des Sharan gerät auf einer Autobahnabzweigung der A 81 in eine Böschung. Der Täter flüchtet zu Fuß zum nahe gelegenen Industriegebiet in Wendlingen. Der Fahrer benachrichtigt eine nahe Polizeistreife.
12.01 Uhr
Tim K. stürmt in ein VW-Autohaus. Dort eröffnet er sofort das Feuer und erschießt einen 46-jährigen Kunden und einen 36-jährigen Mitarbeiter, die gerade in einem Verkaufsgespräch sind.
12.05 Uhr
Als der Amokläufer aus dem Autohaus kommt, eröffnet die Polizei das Feuer und verletzt den jungen Mann am Bein, der sich dann auf einem Parkplatz versteckt. Bei dem Schusswechsel werden zwei Beamte in Zivil schwer verletzt.
12.30 Uhr
Die Beamten finden den Täter zwischen einer Wand und einem parkenden Fahrzeug tot auf dem Rücken liegend. Er hat sich nach Erkenntnissen der Polizei selbst in den Kopf geschossen.
17.15 Uhr
Die Leiche des Amokläufers wird abtransportiert. Etwa eine Stunde später werden auch in Winnenden die toten Schüler und Lehrer aus der Schule getragen.
Zitate zum Amoklauf
"Frau Koma kommt"
Mit einer verschlüsselten Lautsprecherdurchsage hat der Rektor der Albertville-Realschule in Winnenden vor dem Amokläufer gewarnt, während der 17-jährige Tim K. mordend durch Klassenzimmer zog: "Frau Koma kommt", habe der Rektor durchgesagt, berichtete eine Schülerin. Sie fügte hinzu: "Das heißt ja Amok rückwärts. Dann hat die Lehrerin die Tür abgeschlossen."
"Raus jetzt!"
"Wir haben vom Fenster aus gesehen, dass die alle durch die Feuerleiter gegangen sind, dann haben alle gesagt 'Raus jetzt' und dann sind wir in den Zwischenraum gegangen und die Lehrerin, die wurde dann von hinten durch die Tür erschossen", berichtet ein Schüler.
"Rennt, rennt!"
"Ich habe zwei Schüsse und Geschrei gehört. Erst dachte ich, es sei ein Scherz. Aber dann rief jemand: 'Rennt, rennt'. Dann hab ich gesehen, wie Mitschüler aus den Fenstern gesprungen sind und bin losgerannt", erzählt eine 15-Jährige.
"Wir hörten die Schüsse"
"Das war ganz schlimm heute. Wir haben die Schüsse gehört, mussten im Klassenraum eingesperrt warten. Viele haben dann auch angefangen, panisch zu weinen", erzählte ein Mädchen aus einer benachbarten Schule.
"Noch Stifte in der Hand"
"Die Toten hatten zum Teil noch ihre Schreibstifte in der Hand." Baden-Württembergs Innenminister Heribert Rech gab Aussagen des Interventionsteams wieder.
"Das war so erschütternd"
"Das kann man nicht in Worte fassen. Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich geweint habe. Wie sie da in den Stühlen hingen, das war so erschütternd", sagte der baden-württembergische Polizeipräsident Erwin Hetger.
"Er hatte mehr vor"
"Die Menge der nicht abgefeuerten Munition deutet darauf hin, dass er weitaus mehr vorhatte", sagte der leitende Kriminaldirektor Ralf Michelfelder.
"Noch nie erlebt"
"Es war ein Amoklauf in Reinkultur. Er ist mit einer Waffe in die Schule rein und hat dann das Blutbad angerichtet. So etwas habe ich noch nie erlebt", sagte Landespolizeipräsident Erwin Hetger.
"Sympathische Familie"
"Die Familie ist gut in die Gemeinde integriert. Sie ist freundlich und sympathisch", sagte Jürgen Kiesl, Bürgermeister von Tim K.s Heimatort Leutenbach.