Hintergrund: Winnenden

Der offene Biref der Eltern des Tim K.

Die Eltern und die Schwester des Amokläufers von Winnenden haben sechs Tage nach der Bluttat ihr Schweigen gebrochen und erstmals den Opfern von Tim K. ihr Mitgefühl ausgesprochen.

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"Wir sind bestürzt und stehen weinend und stumm vor der unfassbaren Tragödie", so die Eltern und die Schwester des Amokläufers von Winnenden, Tim K. in einem offenen Brief.
Video: Winnenden - Beisetzung weiterer Opfer
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Gräueltat in Winnenden: Ein ehemaliger Schüler der Albertville-Realschule erschoss am 11. März 2009 15 Menschen, anschließend sich selbst. Er sei ein Angeber gewesen, sagen manche. Andere beschreiben ihn als Einzelgänger.
Die Polizei war zwar sofort am Ort des Geschehens, für die Opfer jedoch kam jede Hilfe zu spät.
Mitschüler legten Blumen nieder und zündeten Kerzen an. Sie entgingen nur knapp den tödlichen Schüssen des Amokläufers, dessen Familie …
… von Augenzeugen als "sympathisch" beschrieben wurde.
Andere versuchten ihren Schmerz über diese Tragödie in Worte zu fassen und berichteten von den tragischen Zuständen.
Für diejenigen, denen es sehr schwer fiel mit den Verlusten umzugehen, standen Notfallseelsorger bereit.
In diesem Haus wohnte der Täter. Seine Eltern sollen legal ein ungesichertes Waffenarsenal zu Hause gehabt haben.
Eine der Waffen fehlte bei der Durchsuchung des Hauses. Ob der Vater des Täters dafür in Haft muss, ist noch unklar.
Ein großer Schock für die Angehörigen der Opfer. Aber auch Mitschüler und deren Eltern waren fassungslos.
Die schrecklichen Spuren des Amoklaufes: Abgedeckte Leichen liegen auf dem Rasen vor dem Schulgebäude und …
… die Polizei begann mit dem Sammeln von Spuren. Vom Täter fehlte zu der Zeit, zu der dieses Foto entstand, noch jede Spur.
Währenddessen suchte das Spezialeinsatzkommando der Polizei den Täter. Dieser erschoss auf der Flucht noch einen Mitarbeiter der nahegelegenen Psychiatrie und ...
… zwang einen Autofahrer dazu, ihn einsteigen zu lassen. Nachdem er als nächstes in einem VW-Autohaus seine zwei nächsten Opfer erschoss, kam er selbst ums Leben.
Er schoss auf alles was ihm vor die Augen kam. Kamerateams versuchten, die schrecklichen Geschehnisse …
… in Bildern festzuhalten.
Auch ein Jahr nach der Tat fragt sich Winnenden, Politik und Gesellschaft: Was trieb den Jugendlichen dazu, ...
… so grausam mit seinen Mitmenschen abzurechnen?
Die Reflexe waren die bekannten: Killerspiele, die Tim K. gespielt haben soll, wurden verantwortlich gemacht. Auch ...
... das Waffenrecht kam auf den Prüfstand. Einige Änderungen hat es gegeben, doch ...
... vielen waren die Konsequenzen nicht weitreichend genug.
Und an der Albertville-Schule selbst? Die Realschule blieb zunächst geschlossen. Sie soll nun von Grund auf renoviert werden. Der Unterricht findet bis auf Weiteres in Containern nahe der Schule statt.
In Winnenden herrscht nach dem Amoklauf Ohnmacht und blankes Entsetzen. Das, was die Trauernden jetzt quält, ist die Frage nach dem Warum?
Mit einem ergreifenden ökumenischen Gottesdienst haben etwa tausend Menschen der 16 Opfer gedacht.
Der evangelische Landesbischof Frank Otfried July sprach von einem "furchtbaren, blutigen Tag".
Es mache sprachlos, "dass das hier in Baden-Württemberg, hier in Winnenden geschehen ist, und nicht auf fernen Fernsehbildern", sagte er und fügte an: ...
"Der Tod hat Einzug gehalten in hässlicher und brutaler Form hier in Winnenden."
Er habe in die Gesichter derer geblickt, die schwere Schläge empfangen haben. "Man kann nur erahnen, was dort in ihrem Inneren geschieht", sagte der Bischof.
Das Einzige, was für die Menschen jetzt in Winnenden zählt, ist der Zusammenhalt.
Dutzende Trauernde fanden sich nach dem Blutbad zu einer Mahnwache vor der Realschule zusammen.
Mit hunderten Kerzen gedachten sie der Opfer.
Die Trauernden hatten Kuscheltiere, ...
... Porzellanfiguren, ...
... Frühlingsblumen und ...
... rote Rosen niedergelegt.
Auf einem von vielen Pappschildern stand: "Warum? Wieso? Weshalb?"
Diese Fragen werden Winnenden noch lange beschäftigen.
Das Schlimmste für die Hinterbliebenen ist die Gewissheit, dass die Opfer keine Chance hatten, ihren eigenen Weg zu gehen.
"Ich bin hier, um um meine Freundin zu trauern", sagte eine Schülerin der 8. Klasse.
Ihre Freundin starb im Klassenzimmer über ihr.
Eine andere Schülerin, die ebenfalls eine Freundin verlor berichtet: "Es ist schrecklich, wir haben uns jeden Tag gesehen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie nicht mehr da ist."
Beide Mädchen kommen aus dem selben Ort wie der Täter und beschrieben diesen als ganz normalen, ...
... etwas zurückgezogenen Jungen, der aber ein Einzelgänger gewesen sei.
Und auch die beiden wird die Frage nach dem Warum? noch lange beschäftigen.
Die Direktorin des Erfurter Gutenberg-Gymnasiums, Christiane Alt, hat nach dem Blutbad von Winnenden dazu aufgefordert, den Betroffenen Ruhe und Rückzugsmöglichkeiten zu gönnen.
"Ich weiß, was die Betroffenen noch nicht ahnen können: ...
... Welch langer Prozess vom Aufstehen bis zum wieder Gehen lernen vor ihnen liegt", sagte Alt.
Eins steht fest: Schüler, Lehrer und die Angehörigen von Opfern brauchten Zeit, ...
... um das Unglaubliche akzeptieren zu können.
Was die Betroffenen in Winnenden wohl am meisten brauchen, ist Schutz vor Voyeurismus und Neugier.
Trauer ist ein sehr individueller Prozess, ...
... der Jahre in Anspruch nehmen kann. Gerade, wenn die Opfer auf solch tragische Weise um ihr Leben betrogen wurden wie in Winnenden.
Für die Betroffenen ist die Situation die Hölle.
Das was sie jetzt brauchen ist eine leise Hilfe, ohne sie zu behelligen.
Aber auch für die Eltern des Täters hat das Leben eine jähe Wendung genommen.
Weder sie, noch Bekannte haben eine Erklärung für die Tat von Tim K.
Menschen, die Tim K. kannten, beschrieben ihn als sehr anständig, ruhig und nicht aggressiv.
Eine Ladenbesitzerin sagte nach der Tat: "Ich fühle mit Frau K. ganz arg mit. Sie hat ihren Sohn verloren. Er hat etwas gemacht, was keiner nachvollziehen kann."
Und letztlich bleibt auch hier die Frage: Warum?

In einem von ihrem Rechtsanwalt verbreiteten offenen Brief schreiben die Eltern und die Schwester des Amokläufers von Winnenden, Tim K., an alle Hinterbliebenen der 15 Todesopfer:

"Ihnen wurde das Wertvollste und Wichtigste, ein geliebter Mensch, durch die entsetzliche und unbegreifbare Tat unseres Sohnes und Bruders genommen. Immer und immer wieder fragen wir uns, wieso dies geschehen konnte. Warum wir seine Verzweiflung und seinen Hass nicht bemerkt haben. Bis zu dem furchtbaren Geschehen waren auch wir eine ganz normale Familie.

Wir hätten Tim so etwas nie zugetraut und kannten ihn anders. Wir sind bestürzt und stehen weinend und stumm vor der unfassbaren Tragödie. Unser tiefstes Mitgefühl möchten wir den Opfern, Angehörigen und Freunden aussprechen. Alle unsere Gedanken sind auch bei den körperlich und seelisch Verletzten. Leutenbach, den 17.03. 2009".

(dpa, N24)

17.03.2009 08:09 Uhr

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