Landesweites Schweigen

Baden-Württemberg gedenkt der Amok-Opfer

Baden-Württemberg hat in einer Schweigeminute den Opfern des Amoklaufs von Winnenden gedacht. Auch am Mittwoch werden wieder drei von ihnen beigesetzt.

Sie benötigen einen Flashplayer, mindestens in Version 8 sowie aktiviertes JavaScript.

Alternativ können Sie sich die Medien-Inhalte (Bilder und Videos) über folgende Links direkt ansehen:

Vor der Albertville-Realschule in Winnenden gedenken Angehörige des Roten Kreuzes in einer Schweigeminute der Opfer des Amoklaufs.
In Winnenden herrscht nach dem Amoklauf Ohnmacht und blankes Entsetzen. Das, was die Trauernden jetzt quält, ist die Frage nach dem Warum?
Mit einem ergreifenden ökumenischen Gottesdienst haben etwa tausend Menschen der 16 Opfer gedacht.
Der evangelische Landesbischof Frank Otfried July sprach von einem "furchtbaren, blutigen Tag".
Es mache sprachlos, "dass das hier in Baden-Württemberg, hier in Winnenden geschehen ist, und nicht auf fernen Fernsehbildern", sagte er und fügte an: ...
"Der Tod hat Einzug gehalten in hässlicher und brutaler Form hier in Winnenden."
Er habe in die Gesichter derer geblickt, die schwere Schläge empfangen haben. "Man kann nur erahnen, was dort in ihrem Inneren geschieht", sagte der Bischof.
Das Einzige, was für die Menschen jetzt in Winnenden zählt, ist der Zusammenhalt.
Dutzende Trauernde fanden sich nach dem Blutbad zu einer Mahnwache vor der Realschule zusammen.
Mit hunderten Kerzen gedachten sie der Opfer.
Die Trauernden hatten Kuscheltiere, ...
... Porzellanfiguren, ...
... Frühlingsblumen und ...
... rote Rosen niedergelegt.
Auf einem von vielen Pappschildern stand: "Warum? Wieso? Weshalb?"
Diese Fragen werden Winnenden noch lange beschäftigen.
Das Schlimmste für die Hinterbliebenen ist die Gewissheit, dass die Opfer keine Chance hatten, ihren eigenen Weg zu gehen.
"Ich bin hier, um um meine Freundin zu trauern", sagte eine Schülerin der 8. Klasse.
Ihre Freundin starb im Klassenzimmer über ihr.
Eine andere Schülerin, die ebenfalls eine Freundin verlor berichtet: "Es ist schrecklich, wir haben uns jeden Tag gesehen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie nicht mehr da ist."
Beide Mädchen kommen aus dem selben Ort wie der Täter und beschrieben diesen als ganz normalen, ...
... etwas zurückgezogenen Jungen, der aber ein Einzelgänger gewesen sei.
Und auch die beiden wird die Frage nach dem Warum? noch lange beschäftigen.
Die Direktorin des Erfurter Gutenberg-Gymnasiums, Christiane Alt, hat nach dem Blutbad von Winnenden dazu aufgefordert, den Betroffenen Ruhe und Rückzugsmöglichkeiten zu gönnen.
"Ich weiß, was die Betroffenen noch nicht ahnen können: ...
... Welch langer Prozess vom Aufstehen bis zum wieder Gehen lernen vor ihnen liegt", sagte Alt.
Eins steht fest: Schüler, Lehrer und die Angehörigen von Opfern brauchten Zeit, ...
... um das Unglaubliche akzeptieren zu können.
Was die Betroffenen in Winnenden wohl am meisten brauchen, ist Schutz vor Voyeurismus und Neugier.
Trauer ist ein sehr individueller Prozess, ...
... der Jahre in Anspruch nehmen kann. Gerade, wenn die Opfer auf solch tragische Weise um ihr Leben betrogen wurden wie in Winnenden.
Für die Betroffenen ist die Situation die Hölle.
Das was sie jetzt brauchen ist eine leise Hilfe, ohne sie zu behelligen.
Aber auch für die Eltern des Täters hat das Leben eine jähe Wendung genommen.
Weder sie, noch Bekannte haben eine Erklärung für die Tat von Tim K.
Menschen, die Tim K. kannten, beschrieben ihn als sehr anständig, ruhig und nicht aggressiv.
Eine Ladenbesitzerin sagte nach der Tat: "Ich fühle mit Frau K. ganz arg mit. Sie hat ihren Sohn verloren. Er hat etwas gemacht, was keiner nachvollziehen kann."
Und letztlich bleibt auch hier die Frage: Warum?
Bitte klicken Sie auf das Bild, um die Galerie zu starten.
Gräueltat in Winnenden: Ein ehemaliger Schüler der Albertville-Realschule erschoss am 11. März 2009 15 Menschen, anschließend sich selbst. Er sei ein Angeber gewesen, sagen manche. Andere beschreiben ihn als Einzelgänger.
Die Polizei war zwar sofort am Ort des Geschehens, für die Opfer jedoch kam jede Hilfe zu spät.
Mitschüler legten Blumen nieder und zündeten Kerzen an. Sie entgingen nur knapp den tödlichen Schüssen des Amokläufers, dessen Familie …
… von Augenzeugen als "sympathisch" beschrieben wurde.
Andere versuchten ihren Schmerz über diese Tragödie in Worte zu fassen und berichteten von den tragischen Zuständen.
Für diejenigen, denen es sehr schwer fiel mit den Verlusten umzugehen, standen Notfallseelsorger bereit.
In diesem Haus wohnte der Täter. Seine Eltern sollen legal ein ungesichertes Waffenarsenal zu Hause gehabt haben.
Eine der Waffen fehlte bei der Durchsuchung des Hauses. Ob der Vater des Täters dafür in Haft muss, ist noch unklar.
Ein großer Schock für die Angehörigen der Opfer. Aber auch Mitschüler und deren Eltern waren fassungslos.
Die schrecklichen Spuren des Amoklaufes: Abgedeckte Leichen liegen auf dem Rasen vor dem Schulgebäude und …
… die Polizei begann mit dem Sammeln von Spuren. Vom Täter fehlte zu der Zeit, zu der dieses Foto entstand, noch jede Spur.
Währenddessen suchte das Spezialeinsatzkommando der Polizei den Täter. Dieser erschoss auf der Flucht noch einen Mitarbeiter der nahegelegenen Psychiatrie und ...
… zwang einen Autofahrer dazu, ihn einsteigen zu lassen. Nachdem er als nächstes in einem VW-Autohaus seine zwei nächsten Opfer erschoss, kam er selbst ums Leben.
Er schoss auf alles was ihm vor die Augen kam. Kamerateams versuchten, die schrecklichen Geschehnisse …
… in Bildern festzuhalten.
Auch ein Jahr nach der Tat fragt sich Winnenden, Politik und Gesellschaft: Was trieb den Jugendlichen dazu, ...
… so grausam mit seinen Mitmenschen abzurechnen?
Die Reflexe waren die bekannten: Killerspiele, die Tim K. gespielt haben soll, wurden verantwortlich gemacht. Auch ...
... das Waffenrecht kam auf den Prüfstand. Einige Änderungen hat es gegeben, doch ...
... vielen waren die Konsequenzen nicht weitreichend genug.
Und an der Albertville-Schule selbst? Die Realschule blieb zunächst geschlossen. Sie soll nun von Grund auf renoviert werden. Der Unterricht findet bis auf Weiteres in Containern nahe der Schule statt.

Eine Woche nach dem Amoklauf von Winnenden hat Baden-Württemberg am Mittwoch um 10.00 Uhr mit einer Schweigeminute der 15 Opfer gedacht. Viele Behörden, Institutionen, kulturelle Einrichtungen und Unternehmen unterbrachen ihren Betrieb. In einigen Städten blieben Straßenbahnen stehen. Hörfunksender unterbrachen ihre Sendungen. Beim Autobauer Daimler standen die Bänder in Stuttgart, Sindelfingen und Rastatt für eine Minute still. Auch Amtsgerichte wie in Stuttgart beteiligten sich an der Gedenkminute. Vor dem Tatort, der Albertville-Realschule, gedachten 200 Menschen der Opfer.

Im Landtag in Stuttgart erhoben sich die schwarz gekleideten Parlamentarier zu Beginn der Sitzung zu einer Schweigeminute. Landtagspräsident Peter Straub (CDU) sagte: "Unsere Erschütterung und Beklommenheit sind übergroß und übermächtig. Unsere Trauer gerinnt zur Totenklage." Mit dem Amoklauf sei ein Alptraum Realität geworden. Eine Woche nach dem Blutbad wolle niemand das "parlamentarische Tagwerk geschäftsmäßig beginnen", sagte Straub. Das einzige Licht im Dunkel sei das Handeln von Menschen gewesen, die geistesgegenwärtig versucht hätten, Schlimmeres zu verhindern. Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) dankte den Helfern und Seelsorgern für ihren Einsatz.

Weitere Beerdigungen von Amok-Opfern

Unterdessen werden drei weitere Opfer der Gewalttat zu Grabe getragen. Auf dem Friedhof in Leutenbach-Weiler zum Stein (Rems-Murr-Kreis) werden zwei weitere Schülerinnen beigesetzt, auf dem Waldfriedhof in Backnang am Mittag eine ihrer Lehrerinnen. Parallel laufen die Vorbereitungen zu der zentralen Trauerfeier am Samstag. Bis zu 100.000 Gäste werden dabei erwartet - darunter Bundespräsident Horst Köhler und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU).

Am Dienstag hatte die Familie des Amokläufers Tim K. erstmals den Opfern ihr Mitgefühl ausgesprochen. Unmittelbar nach der Tat des 17 Jahre alten Todesschützen hatten sie den Heimatort Leutenbach verlassen. In einem offenen Brief, der vom Anwalt der in dem Schreiben genannten "Familie Kretschmer" aus Leutenbach am Dienstagnachmittag in Stuttgart verbreitet wurde, hieß es nun: "Ihnen wurde das Wertvollste und Wichtigste, ein geliebter Mensch, durch die entsetzliche und unbegreifbare Tat unseres Sohnes und Bruders, genommen. (...) Wir hätten Tim so etwas nie zugetraut und kannten ihn anders. (...) Alle unsere Gedanken sind auch bei den körperlich und seelisch Verletzten."

Erstes Urteil gegen Trittbrettfahrer

In Stuttgart ist derweil der erste Trittbrettfahrer vor Gericht zu einer fünfmonatigen Bewährungsstrafe verurteilt worden. Das Urteil vor dem Amtsgericht Stuttgart erging nach Angaben von Richter Alexander Brost wegen erheblicher Störung des öffentlichen Friedens durch Androhung einer Straftat. Der 24-jährige geständige Arbeitslose hatte am Tag des Amoklaufs im Internetportal Kwick.de einen fiktiven Pressetext eingestellt mit der Beschreibung einer Amoktat an einer Waiblinger Berufsschule. Der Mann muss zudem 120 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten.

(dpa, N24)

18.03.2009 10:45 Uhr

N24 in den Sozialen Netzwerken:

N24 auf Facebook N24 auf Twitter N24 auf Google+
SchließenSchließen Artikel versenden

Name des Absenders*:

E-Mail-Adresse des Empfängers*:


Ihre Mitteilung an den Empfänger:

Es gelten unsere Allgemeinen Nutzungsbedingungen

Sie befinden sich in: Nachrichten » Panorama