Fahnen auf Halbmast

Deutschland trauert um Opfer von Winnenden

In Deutschland wehten die Fahnen auf Halbmast. Angehörige, Politiker und Geistliche nahmen Abschied von den Opfern des Amoktäters Tim K. Ein offener Brief von Opfer-Eltern regte zum Nachdenken an.

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Noch immer herrscht tiefe Trauer und Betroffenheit nach dem blutigen Amoklauf von Winnenden.
Eva Luise und Horst Köhler bei der Trauerfeier in Winnenden: Der Bundespräsident rief zu einem weitgreifenden gesellschaftlichen Diskurs nach der Tat von Tim K. auf.
Video: Abschied von den Opfern - Trauerfeier in Winnenden
In Winnenden herrscht nach dem Amoklauf Ohnmacht und blankes Entsetzen. Das, was die Trauernden jetzt quält, ist die Frage nach dem Warum?
Mit einem ergreifenden ökumenischen Gottesdienst haben etwa tausend Menschen der 16 Opfer gedacht.
Der evangelische Landesbischof Frank Otfried July sprach von einem "furchtbaren, blutigen Tag".
Es mache sprachlos, "dass das hier in Baden-Württemberg, hier in Winnenden geschehen ist, und nicht auf fernen Fernsehbildern", sagte er und fügte an: ...
"Der Tod hat Einzug gehalten in hässlicher und brutaler Form hier in Winnenden."
Er habe in die Gesichter derer geblickt, die schwere Schläge empfangen haben. "Man kann nur erahnen, was dort in ihrem Inneren geschieht", sagte der Bischof.
Das Einzige, was für die Menschen jetzt in Winnenden zählt, ist der Zusammenhalt.
Dutzende Trauernde fanden sich nach dem Blutbad zu einer Mahnwache vor der Realschule zusammen.
Mit hunderten Kerzen gedachten sie der Opfer.
Die Trauernden hatten Kuscheltiere, ...
... Porzellanfiguren, ...
... Frühlingsblumen und ...
... rote Rosen niedergelegt.
Auf einem von vielen Pappschildern stand: "Warum? Wieso? Weshalb?"
Diese Fragen werden Winnenden noch lange beschäftigen.
Das Schlimmste für die Hinterbliebenen ist die Gewissheit, dass die Opfer keine Chance hatten, ihren eigenen Weg zu gehen.
"Ich bin hier, um um meine Freundin zu trauern", sagte eine Schülerin der 8. Klasse.
Ihre Freundin starb im Klassenzimmer über ihr.
Eine andere Schülerin, die ebenfalls eine Freundin verlor berichtet: "Es ist schrecklich, wir haben uns jeden Tag gesehen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie nicht mehr da ist."
Beide Mädchen kommen aus dem selben Ort wie der Täter und beschrieben diesen als ganz normalen, ...
... etwas zurückgezogenen Jungen, der aber ein Einzelgänger gewesen sei.
Und auch die beiden wird die Frage nach dem Warum? noch lange beschäftigen.
Die Direktorin des Erfurter Gutenberg-Gymnasiums, Christiane Alt, hat nach dem Blutbad von Winnenden dazu aufgefordert, den Betroffenen Ruhe und Rückzugsmöglichkeiten zu gönnen.
"Ich weiß, was die Betroffenen noch nicht ahnen können: ...
... Welch langer Prozess vom Aufstehen bis zum wieder Gehen lernen vor ihnen liegt", sagte Alt.
Eins steht fest: Schüler, Lehrer und die Angehörigen von Opfern brauchten Zeit, ...
... um das Unglaubliche akzeptieren zu können.
Was die Betroffenen in Winnenden wohl am meisten brauchen, ist Schutz vor Voyeurismus und Neugier.
Trauer ist ein sehr individueller Prozess, ...
... der Jahre in Anspruch nehmen kann. Gerade, wenn die Opfer auf solch tragische Weise um ihr Leben betrogen wurden wie in Winnenden.
Für die Betroffenen ist die Situation die Hölle.
Das was sie jetzt brauchen ist eine leise Hilfe, ohne sie zu behelligen.
Aber auch für die Eltern des Täters hat das Leben eine jähe Wendung genommen.
Weder sie, noch Bekannte haben eine Erklärung für die Tat von Tim K.
Menschen, die Tim K. kannten, beschrieben ihn als sehr anständig, ruhig und nicht aggressiv.
Eine Ladenbesitzerin sagte nach der Tat: "Ich fühle mit Frau K. ganz arg mit. Sie hat ihren Sohn verloren. Er hat etwas gemacht, was keiner nachvollziehen kann."
Und letztlich bleibt auch hier die Frage: Warum?
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Gräueltat in Winnenden: Ein ehemaliger Schüler der Albertville-Realschule erschoss am 11. März 2009 15 Menschen, anschließend sich selbst. Er sei ein Angeber gewesen, sagen manche. Andere beschreiben ihn als Einzelgänger.
Die Polizei war zwar sofort am Ort des Geschehens, für die Opfer jedoch kam jede Hilfe zu spät.
Mitschüler legten Blumen nieder und zündeten Kerzen an. Sie entgingen nur knapp den tödlichen Schüssen des Amokläufers, dessen Familie …
… von Augenzeugen als "sympathisch" beschrieben wurde.
Andere versuchten ihren Schmerz über diese Tragödie in Worte zu fassen und berichteten von den tragischen Zuständen.
Für diejenigen, denen es sehr schwer fiel mit den Verlusten umzugehen, standen Notfallseelsorger bereit.
In diesem Haus wohnte der Täter. Seine Eltern sollen legal ein ungesichertes Waffenarsenal zu Hause gehabt haben.
Eine der Waffen fehlte bei der Durchsuchung des Hauses. Ob der Vater des Täters dafür in Haft muss, ist noch unklar.
Ein großer Schock für die Angehörigen der Opfer. Aber auch Mitschüler und deren Eltern waren fassungslos.
Die schrecklichen Spuren des Amoklaufes: Abgedeckte Leichen liegen auf dem Rasen vor dem Schulgebäude und …
… die Polizei begann mit dem Sammeln von Spuren. Vom Täter fehlte zu der Zeit, zu der dieses Foto entstand, noch jede Spur.
Währenddessen suchte das Spezialeinsatzkommando der Polizei den Täter. Dieser erschoss auf der Flucht noch einen Mitarbeiter der nahegelegenen Psychiatrie und ...
… zwang einen Autofahrer dazu, ihn einsteigen zu lassen. Nachdem er als nächstes in einem VW-Autohaus seine zwei nächsten Opfer erschoss, kam er selbst ums Leben.
Er schoss auf alles was ihm vor die Augen kam. Kamerateams versuchten, die schrecklichen Geschehnisse …
… in Bildern festzuhalten.
Auch ein Jahr nach der Tat fragt sich Winnenden, Politik und Gesellschaft: Was trieb den Jugendlichen dazu, ...
… so grausam mit seinen Mitmenschen abzurechnen?
Die Reflexe waren die bekannten: Killerspiele, die Tim K. gespielt haben soll, wurden verantwortlich gemacht. Auch ...
... das Waffenrecht kam auf den Prüfstand. Einige Änderungen hat es gegeben, doch ...
... vielen waren die Konsequenzen nicht weitreichend genug.
Und an der Albertville-Schule selbst? Die Realschule blieb zunächst geschlossen. Sie soll nun von Grund auf renoviert werden. Der Unterricht findet bis auf Weiteres in Containern nahe der Schule statt.

Mit einer bewegenden Trauerfeier hat Deutschland Abschied von den Opfern des Amoklaufs in Winnenden genommen. Eineinhalb Wochen nach der Tat gedachten 900 Trauergäste - darunter Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundespräsident Horst Köhler - in der Kirche St. Karl Borromäus der 15 Menschen, die der 17-jährige Tim K. am 11. März erschossen hatte.

Tausende weitere Trauernde vor Großleinwänden in Winnenden sowie Millionen Fernsehzuschauer verfolgten den Gottesdienst und den anschließenden Staatsakt. Dort rief der sichtlich bewegte Bundespräsident zur Ächtung von Gewalt in den Medien auf. In ganz Deutschland wehten die Flaggen auf Halbmast, in Baden-Württemberg läuteten eine Viertelstunde vor dem Gottesdienst die Kirchenglocken.

Laut Polizei nahmen in Winnenden und Umgebung insgesamt rund 8.500 Menschen an den Trauerfeierlichkeiten teil. Zu Beginn der Feier in der St. Karl Borromäus-Kirche, an der neben Merkel und Köhler auch Außenminister Frank-Walter Steinmeier, Ministerpräsident Günther Oettinger, die Vorsitzenden der Bundestagsfraktionen sowie weitere Spitzenpolitiker teilnahmen, wurden die Namen der 15 Opfer verlesen. Nach dem Verlesen jedes Namens trugen Schüler eine Kerze nach vorne, entzündeten sie und stellten sie zusammen mit einer gelben Rose auf den Altar.

Köhler kämpfte mit den Tränen

Köhler, dessen Ehefrau Eva Luise in den 70er Jahren als Lehrerin an einer Winnender Grundschule unterrichtete, hatte bei seiner Rede mit den Tränen zu kämpfen. Mehrfach zitterte und stockte seine Stimme. Das Staatsoberhaupt forderte, dem Dauerkonsum von gewaltverherrlichenden Filmen und Computerspielen Einhalt zu gebieten. Dabei sei nicht nur der Staat gefordert. Es sei auch eine Frage der Selbstachtung, welches Vorbild man Freunden, Kindern und Mitmenschen gebe.

Der Bundespräsident, der sich nach der Feier gemeinsam mit Kanzlerin Merkel noch mit Angehörigen der Opfer traf, kritisierte zugleich eine Gesellschaft, die täglich scheinbare Stars produziere und diese morgen schon wieder vergessen habe. "Was wird aus denen, die solchen Bildern nicht entsprechen? Wie schnell fällt einer aus dem Rahmen, nur weil er anders ist, als wir es von ihm erwarten?", fragte Köhler.

Oettinger gegen übereilte Konsequenzen

Oettinger forderte, aus der Tat müssten Lehren gezogen werden, "die über diesen Tag, über unsere Fassungslosigkeit und unsere Trauer hinausreichen". Es müsse überlegt werden, wie "solchen Ausbrüchen von Gewalt" entgegen gewirkt werden könne. Diese seien eine Mahnung, dass die Gesellschaft nicht in unterschiedliche Welten mit unterschiedlichen Werten auseinanderbrechen dürfe.

Der Evangelische Landesbischof Frank Otfried July rief dazu auf, Kinder vor "falschen Bildern und falschen Verhaltensweisen" zu schützen. Zugleich forderte er, auch den Amokläufer nicht totzuschweigen. Der katholische Bischof Gebhard Fürst sagte: "Jetzt ist die Zeit, Trauer, Schreien und Klagen zuzulassen und all dem Raum zu geben."

Offener Brief der Eltern der Opfer

Bei dem Amoklauf am 11. März hatte Tim K. in der Albertville-Realschule 12 Menschen und anschließend auf der Flucht drei weitere Personen und sich selbst erschossen. Vor der Trauerfeier forderten die Eltern von fünf getöteten Schülerinnen in einem Offenen Brief eine Verschärfung des Waffenrechts, ein Verbot von gewaltverherrlichenden Computerspielen und mehr Jugendschutz im Internet: "Wir wollen, dass sich etwas ändert in dieser Gesellschaft, und wir wollen mithelfen, damit es kein zweites Winnenden mehr geben kann."

Zu einem Bericht der "Bild"-Zeitung, nach dem die Leiche Tim K.s bereits eingeäschert wurde und auf einem entlegenen Waldfriedhof anonym beigesetzt werden soll, erklärte die Polizei, davon sei ihr nichts bekannt.

(Oliver Schmale, AP, N24)

20.03.2009 09:20 Uhr

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