In Deutschland wehten die Fahnen auf Halbmast. Angehörige, Politiker und Geistliche nahmen Abschied von den Opfern des Amoktäters Tim K. Ein offener Brief von Opfer-Eltern regte zum Nachdenken an.
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Mit einer bewegenden Trauerfeier hat Deutschland Abschied von den Opfern des Amoklaufs in Winnenden genommen. Eineinhalb Wochen nach der Tat gedachten 900 Trauergäste - darunter Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundespräsident Horst Köhler - in der Kirche St. Karl Borromäus der 15 Menschen, die der 17-jährige Tim K. am 11. März erschossen hatte.
Tausende weitere Trauernde vor Großleinwänden in Winnenden sowie Millionen Fernsehzuschauer verfolgten den Gottesdienst und den anschließenden Staatsakt. Dort rief der sichtlich bewegte Bundespräsident zur Ächtung von Gewalt in den Medien auf. In ganz Deutschland wehten die Flaggen auf Halbmast, in Baden-Württemberg läuteten eine Viertelstunde vor dem Gottesdienst die Kirchenglocken.
Laut Polizei nahmen in Winnenden und Umgebung insgesamt rund 8.500 Menschen an den Trauerfeierlichkeiten teil. Zu Beginn der Feier in der St. Karl Borromäus-Kirche, an der neben Merkel und Köhler auch Außenminister Frank-Walter Steinmeier, Ministerpräsident Günther Oettinger, die Vorsitzenden der Bundestagsfraktionen sowie weitere Spitzenpolitiker teilnahmen, wurden die Namen der 15 Opfer verlesen. Nach dem Verlesen jedes Namens trugen Schüler eine Kerze nach vorne, entzündeten sie und stellten sie zusammen mit einer gelben Rose auf den Altar.
Köhler kämpfte mit den Tränen
Köhler, dessen Ehefrau Eva Luise in den 70er Jahren als Lehrerin an einer Winnender Grundschule unterrichtete, hatte bei seiner Rede mit den Tränen zu kämpfen. Mehrfach zitterte und stockte seine Stimme. Das Staatsoberhaupt forderte, dem Dauerkonsum von gewaltverherrlichenden Filmen und Computerspielen Einhalt zu gebieten. Dabei sei nicht nur der Staat gefordert. Es sei auch eine Frage der Selbstachtung, welches Vorbild man Freunden, Kindern und Mitmenschen gebe.
Der Bundespräsident, der sich nach der Feier gemeinsam mit Kanzlerin Merkel noch mit Angehörigen der Opfer traf, kritisierte zugleich eine Gesellschaft, die täglich scheinbare Stars produziere und diese morgen schon wieder vergessen habe. "Was wird aus denen, die solchen Bildern nicht entsprechen? Wie schnell fällt einer aus dem Rahmen, nur weil er anders ist, als wir es von ihm erwarten?", fragte Köhler.
Oettinger gegen übereilte Konsequenzen
Oettinger forderte, aus der Tat müssten Lehren gezogen werden, "die über diesen Tag, über unsere Fassungslosigkeit und unsere Trauer hinausreichen". Es müsse überlegt werden, wie "solchen Ausbrüchen von Gewalt" entgegen gewirkt werden könne. Diese seien eine Mahnung, dass die Gesellschaft nicht in unterschiedliche Welten mit unterschiedlichen Werten auseinanderbrechen dürfe.
Der Evangelische Landesbischof Frank Otfried July rief dazu auf, Kinder vor "falschen Bildern und falschen Verhaltensweisen" zu schützen. Zugleich forderte er, auch den Amokläufer nicht totzuschweigen. Der katholische Bischof Gebhard Fürst sagte: "Jetzt ist die Zeit, Trauer, Schreien und Klagen zuzulassen und all dem Raum zu geben."
Offener Brief der Eltern der Opfer
Bei dem Amoklauf am 11. März hatte Tim K. in der Albertville-Realschule 12 Menschen und anschließend auf der Flucht drei weitere Personen und sich selbst erschossen. Vor der Trauerfeier forderten die Eltern von fünf getöteten Schülerinnen in einem Offenen Brief eine Verschärfung des Waffenrechts, ein Verbot von gewaltverherrlichenden Computerspielen und mehr Jugendschutz im Internet: "Wir wollen, dass sich etwas ändert in dieser Gesellschaft, und wir wollen mithelfen, damit es kein zweites Winnenden mehr geben kann."
Zu einem Bericht der "Bild"-Zeitung, nach dem die Leiche Tim K.s bereits eingeäschert wurde und auf einem entlegenen Waldfriedhof anonym beigesetzt werden soll, erklärte die Polizei, davon sei ihr nichts bekannt.