Doppelerfolg bei Turn-EM

Hambüchen holt auch Gold am Boden

Der Turn-Floh aus Wetzlar hat seinen ohnehin glanzvollen Auftritt bei der EM in Mailand mit einer zweiten Goldmedaille am Boden gekrönt. Es war der erste EM-Sieg eines deutschen Turners seit 1985.

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Nach seinem zweiten Sieg sagte Fabian Hambüchen: "Wenn schon nicht am Reck, dann musste ich es eben woanders versuchen. Einfach irre, dass es auch am Boden geklappt hat."
Olympia ist für den deutschen Vorzeigeturner bis zum Teamwettbewerb super gelaufen. Weder Sprung ...
... noch Pauschenpferd ...
… oder Barren haben ihm Probleme bereitet.
Dann will Hambüchen am Reck die notwendigen Punkte für eine Mannschaftsmedaille holen.
Immerhin ist der Wetzlaer amtierender Reck-Weltmeister.
Er weiß, wenn alles klappt, ist für die Deutschen Bronze drin.
Doch es kommt anders. Hambüchen vergreift sich …
Dem deutschen Team und vielen Zuschauern stockt der Atem.
Aber Hambüchen ist ein Profi und kann sich abfangen.
Nach einem kurzen Check gibt der Turner Entwarnung. Er hat sich nicht verletzt.
Enttäuscht ist er dennoch. Immerhin war es der erste große Patzer des 20-Jährigen.
Das spricht für das deutsche Team. Es tröstet Fabian Hambüchen. Nur nicht aufgeben, die nächste Disziplin, der Boden, wartet.
Da zeigt er noch mal sein ganzes Können.
Das Reck war übrigens auch das Schicksalsgerät von Teamkollege Philipp Boy.
Auch der Cottbuser hatte sich in der Qualifikation vergriffen.
Und auch da haben die Turner zusammengehalten.
Nach Hambüchens Sturz hoffen alle auf Thomas Andergassen, der eine sehr gute Übung turnt. Es reicht aber nicht ganz für Bronze.
Wegen der Patzer gibt es keinen Streit unter den Deutschen. Im russischen Team ist dagegen ein Riesenzoff entbrannt. Anton Golozuzkow (Foto) attackierte Maxim Dewjatowski, der nach einem enttäuschenden sechsten Platz an den Ringen schon aufgab.
Dewjatowski (Foto) könnte jetzt der Ausschluss aus dem Team drohen. Bereits bei der WM 2007 hatte er nach einem Sturz am Barren vorzeitig aufgegeben und war für zwei Monate gesperrt worden.
Die Deutschen freuen sich über ihren vierten Platz. In Athen wurden sie 2004 achter. Zudem witzelt Philipp Boy (r.): "Jetzt sind wir die weltbeste Mannschaft Europas."
Und die könnte man bei dem Teamgeist bald wieder so jubeln sehen …
… wie über Silber bei der EM 2008 in Lausanne oder …
… oder über Bronze bei der WM 2007 in Stuttgart.

Erst heizte er mit beiden Armen das Publikum an, dann fiel er seinem Freund Matthias Fahrig glücklich in die Arme: Fabian Hambüchen hat seine Gala in Mailand mit der Goldmedaille am Boden gekrönt. Am Samstag hatte der Wetzlarer als erster Deutscher in der 54-jährigen Historie von Turn- Europameisterschaften den Mehrkampf-Titel gewonnen. Den bislang einzigen Allround-Sieg deutscher Turner überhaupt hatte der Fürther Alfred Schwarzmann vor 73 Jahren bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin erkämpft.

Hambüchen besser als Altmeister Gienger

Mit nunmehr fünfmal EM-Gold übertraf Hambüchen in der deutschen Hierarchie Altmeister Eberhard Gienger und ist nun der erfolgreichste Deutsche der EM-Geschichte. "Unfassbar: Nachdem es am Reck nicht geklappt hat, musste ich es woanders reißen", sagte Hambüchen nach seiner mit 15,45 Punkten bewerteten Super-Show und strahlte über das ganze Gesicht. Es war es das erste deutsche Boden-Gold seit 28 Jahren: 1981 hatte der Berliner Roland Brückner in Rom gesiegt.

Deutscher Doppelerfolg am Boden - Fahrig holt Silber

Matthias Fahrig brachte seine Übung fast genauso gut auf den Punkt und sorgte mit 15,40 für den ersten deutschen EM-Doppelerfolg auf der Bodenmatte. Beide sorgten damit für das beste deutsche Abschneiden seit 20 Jahren. Tags zuvor hatte Hambüchen mit geschlossenen Augen bei der Nationalhymne den Mehrkampf-Triumph ausgekostet. "Dieser Titel steht jetzt bei mir ganz weit oben", meinte er. "Es war aber ein Auf und Ab", gab der Star-Turner von der TSG Niedergimes zu, nachdem er sich mit 89,175 Punkten trotz Fehlern am Barren und Reck zum Titel gefightet hatte.

Er kompensierte damit seinen Vortags-Ärger über das verpasste Reck-Finale. "Das war eine prima Entschädigung", meinte er. "Eigentlich müsste wir dieses Gold feiern, als ob es das letzte wäre. Man weiß doch nie, was kommt", fügte Vater Wolfgang hinzu und schüttelte am Sonntag nach dem Boden-Erfolg ungläubig den Kopf. "Zunächst hatte ich nur wenig Fun, aber nach dem Patzer am Barren ging die Hölle ab», kommentierte sein Sprössling den Sechskampf, in dem er enorme mentale Stärke demonstriert hatte.

Kolman-Salto am Reck weggelassen

Am Reck gelang trotz eines Wacklers beim Adler der Poker, den nicht ganz sicheren Kolman-Salto aus dem Programm zu lassen. "Vater hat es mir beim Einturnen empfohlen. Eine goldrichtige Entscheidung", lobte der Champion. Am Seitpferd brachte er nach einer perfekten Boden-Übung den Titel nach Hause. "Diesmal hat er durch die Stabilität an seinen sonst schwächeren Geräten gewonnen", urteilte der Vater. Glänzend verlief der Sechskampf auch für Philipp Boy, der als Vierter nur knapp an seiner ersten Medaille vorbeischrammte. "Ich könnte mich nur ohrfeigen, dass es am Vortag am Reck nicht so gut geklappt hat. Da wäre die Medaille drin gewesen", sagte der Cottbuser.

Die Schau stahl ihm aber nicht nur Hambüchen, sondern auch Matthias Fahrig, der nach Bronze in Amsterdam zum zweiten Mal das Boden-Podest bestieg. "Als es durch war, habe ich keine Luft mehr bekommen", meinte der Hallenser, legte aber dennoch ein Freuden-Tänzchen auf dem Podium hin. "Ich hoffe, ich konnte beweisen, dass es in Deutschland nicht nur einen Top-Turner gibt", fügte er an.

Auch Frauen im Aufwind

Auch die Mini-Riege der Frauen zeigte Fortschritte. Anja Brinker holte mit Bronze die erste deutsche EM-Medaille seit 22 Jahren am Stufenbarren. "Ich freue mich riesig. Ich bin volles Risiko gegangen, es hat sich gelohnt", meinte die Gymnasiastin aus Herkenrath. Tags zuvor hatte sie auf Platz acht ihren bislang besten Vierkampf absolviert und sich gegenüber dem Championat von Amsterdam 2007 um zwei Plätze verbessert. Den Titel holte die erst 16 Jahre alte Ksenia Semjonowa und machte das Dutzend russischer Mehrkampfsiege voll. Kim Bui (Tübingen) kam beim Sprung auf den fünften Platz.

(dpa, N24)

05.04.2009 11:38 Uhr

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