Alltags-Belastung

Lärm schlägt auf Herz und Gemüt

Herz-Kreislauf-Erkrankungen, psychosomatische Störungen oder Hörschäden. So vielfältig wie die Geräuschquellen des Alltags sind auch die daraus resultierenden physischen und psychischen Folgen.

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Ab wann ist laut zu laut? Ab 85 dB wird es für die menschlichen Hörzellen gefährlich.

"Lärm ist nicht nur in Städten ein großes Problem", beobachtet die Hals-Nasen-Ohren-Ärztin Martina Casper aus Berlin. "Er kann überall auftreten: am Arbeitsplatz durch Großraumbüros oder laute Maschinen, unterwegs durch Schienenverkehr sowie zu Hause durch ständig vorbei fahrende Autos, Flugzeuge oder hellhörige Wände." Außerdem gibt es Ereignisse, bei denen eine gewisse Lautstärke programmiert ist - wie die Knaller an Silvester oder die Live-Musik auf einem Konzert.

"Dabei wird unterschieden zwischen Lärm, der als belästigend empfunden wird und Lärm, der langfristig auch gesundheitliche Schäden verursacht", erklärt der Lärmwirkungsforscher Wolfgang Babisch vom Umweltbundesamt in Dessau-Roßlau. Grundsätzlich gilt: Ab einem Dauerschallpegel von 55 Dezibel (dB) tagsüber außerhalb der Wohnung steigt der Anteil der Menschen stark an, die sich durch den Lärm belästigt fühlen - das ist etwa so laut wie ein normales Gespräch zwischen zwei Leuten an einem Tisch. Dabei gibt es jedoch einen entscheidenden Unterschied: Einen unfreiwillig einwirkenden Schall empfindet man als wesentlich unangenehmer.

Richtig problematisch wird es, wenn es nur 10 Dezibel lauter ist - also 65 dB. "Das wird vom Menschen ungefähr als doppelt so laut wie 55 Dezibel wahrgenommen", sagt Babisch. "Ab einem Tagesmittelwert von 65 Dezibel außen vor dem Fenster können auch gesundheitliche Schäden auftreten, zum Beispiel Herz-Kreislauf-Erkrankungen." Solche Pegel werden an stark befahrenen Haupt- und Durchgangsstraßen erreicht. Doch auch Geräuschbelastungen aus der Nachbarschaft können starke Belästigungs- und Stressreaktionen hervorrufen. "Dabei spielt jedoch weniger der gemessene Schallpegel eine Rolle, sondern vielmehr das Ausmaß der Störung."

Permanente Alarmbereitschaft

Ist es dauerhaft laut, sei der Körper permanent in Alarmbereitschaft und gestresst, warnt Anna Goeldel, Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Berlin. "Das liegt daran, dass verstärkt die Hormone Cortison und Adrenalin ausgeschüttet werden und der Blutdruck und der Puls steigen." Langfristig erhöhe das das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Herzinfarkt oder Schlaganfall. Hinzu kämen Schlafstörungen, die zu Konzentrationsproblemen, Gereiztheit und Kopfschmerzen führen können.

Das ist aber nicht alles. "Wer sich durch den Lärm regelrecht eingeengt fühlt - weil beispielsweise selbst in der eigenen Wohnung ständig Geräusche vom Nachbarn herüber dringen -, kann irgendwann an psychosomatischen Erkrankungen leiden", sagt Goeldel, die stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie in Berlin-Brandenburg ist. Dazu gehören zum Beispiel Muskelverkrampfungen, aber auch diffuse Schmerzen und Depressionen. "Das liegt daran, dass man sich in seiner Privatsphäre gestört fühlt und nie richtig zur Ruhe kommt."

Lärm kann außerdem eine Folge direkt im Ohr haben: in Form eines Hörschadens. "Den bemerkt man zuerst selber nicht", erläutert die HNO-Ärztin Casper von der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin. "Doch wer jeden Tag nur zehn Minuten lang seinen MP3-Player zu laut hört, kann schon nach etwa einem Jahr etwas schlechter hören." "Zu laut" heißt dabei 85 dB und mehr. Das entspricht ungefähr einem direkt in der Nähe vorbei fahrenden Auto.

Hörzellen brauchen Sauerstoff

Die Ursache für einen Hörschaden liegt im Innenohr: "Die Hörzellen brauchen eine bestimmte Menge Sauerstoff, um richtig versorgt zu sein", erklärt Casper. Durch Lärm steigt jedoch der Sauerstoffbedarf. Bekommen die Sinneszellen dann aber nicht ausreichend Sauerstoff, sterben sie ab. Bis der Schaden aber von den Patienten wahrgenommen wird, seien schon viele Hörzellen abgestorben, die sich auch nicht erholen. "Das ist ein dauerhafter Schaden", sagt Casper.

Schwierig ist bei Lärm daher, dass er lange Zeit nicht ernst genommen wird: "Viele Menschen glauben, dass sie damit leben müssen." Erst wenn der Leidensdruck zu groß ist und möglicherweise schon gesundheitliche Probleme aufgetreten sind, wenden sie sich an einen Arzt. "Dann ist es aber oft schon zu spät", sagt Casper. Deswegen empfiehlt sie: besser früh Lärmquellen ausfindig machen, sie vermeiden und den Ohren täglich Ruhe gönnen.

(Aliki Nassoufis, dpa, N24)

22.04.2009 09:20 Uhr

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