Aktuelle Studie
Überstunden machen krank
Wer rastet, der rostet? Eine aktuelle Studie belegt: Bei Mehrarbeit "steigt die Gefahr von psycho-vegetativen Beschwerden pro Überstunde um etwa 2,5 Prozent".
Je länger die Menschen arbeiten, desto größer ist die Gefahr für ihre Gesundheit. Beschwerden wie Rückenschmerzen, Schlafstörungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, aber auch psychische Beeinträchtigungen nehmen signifikant mit der Arbeitsdauer zu, wie eine Untersuchung der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) ergab. "Bei einer durchschnittlichen wöchentlichen Arbeitszeit zwischen 35 und 40 Stunden steigt die Gefahr von psycho-vegetativen Beschwerden pro Überstunde um etwa 2,5 Prozent", erklärte Professor Friedhelm Nachreiner von der Universität Oldenburg, einer der Autoren der Studie.
Die Wissenschaftler werteten für ihre Untersuchung vier Befragungen mit rund 50.000 Personen in Europa aus. Bei den Ergebnissen handele es sich um den bislang umfassendsten Nachweis für den Zusammenhang zwischen Arbeitszeit und Gesundheit.
In allen vier Datensätzen zeige sich ein nahezu linearer Anstieg der Beschwerdehäufigkeit, der von der Dauer der Arbeitszeit abhänge, erklärten die Autoren. Faktoren wie Schichtarbeit, variable Arbeitszeiten, Arbeit an Abenden und Wochenenden oder schlechte Planbarkeit wirken sich verstärkend auf gesundheitliche Beeinträchtigungen aus, wie es weiter hieß. Auch körperliche Belastungen wie schweres Heben oder psychische Belastungen, wie viele Dinge gleichzeitig beachten zu müssen, bestimmten die Höhe der Beschwerden entscheidend mit.
Mittlere Altersgruppe mit den meisten Beschwerden
Auch wenn sich die Tendenzen in allen untersuchten Ländern laut Nachreiner gleichen, sind die Ergebnisse bei den Umfragen aus Deutschland besonders deutlich: Hier klagt nur jeder zehnte Befragte in Teilzeit - also mit weniger als 19 Arbeitsstunden pro Woche - über Schlafstörungen. Bei Beschäftigten in Vollzeit zwischen 35 und 44 Stunden ist es bereit jeder Fünfte. Bei den Beschäftigten mit Arbeitszeiten von mehr als 60 Stunden pro Woche leidet sogar etwa jeder vierte unter Schlafbeschwerden.
Die meisten Beschwerden finden sich den Autoren zufolge in der Gruppe der 40- bis 54-Jährigen. Jüngere Beschäftigte unter 25 Jahre stecken die Belastungen demnach am besten weg. Bei den Älteren war der Zusammenhang zwischen Beschwerden und hohen Arbeitszeiten über 40 Stunden etwas schwächer ausgeprägt.
Überlebenspopulation ab 55 Jahren
Allerdings seien in der Altersgruppe ab 55 Jahre auch nur noch knapp 42 Prozent der Menschen erwerbstätig, erklärten die Autoren. Sie gehen davon aus, dass es sich dabei um eine sogenannte Überlebenspopulation handele, die hohe Belastungen aushalten könne. Gesundheitlich beeinträchtigte Personen seien zu diesem Zeitpunkt bereits aus der Erwerbstätigkeit ausgeschieden oder in andere Arbeitsbedingungen gewechselt.
Neben den längerfristigen Gesundheitsrisiken gibt es bei hoher Arbeitsbelastung auch kurzfristige Gefahren. Frühere Studien hätten gezeigt, dass schon bei einer Arbeitszeit von mehr als etwa sieben Stunden das Unfallrisiko sprunghaft ansteige, erklärte Nachreiner.
Nicht nur auf wirtschaftliche Komponenten achten
Die Autoren kommen unter anderem zu dem Schluss, dass in Diskussionen um die Flexibilisierung und Verlängerung der Arbeitszeit nicht nur auf die wirtschaftliche Komponente geachtet werden solle, sondern unbedingt auch die gesundheitlichen Effekte berücksichtigt werden müssten. Letztlich hätten diese nämlich auch wieder wirtschaftliche Auswirkungen. Zudem kann eine hohe Arbeitszeit auch zu massiven sozialen Beeinträchtigungen wie familiären Problemen oder dem Verlust des Freundeskreises führen, wie Nachreiner betont. Grundsätzlich, so stellt der Psychologie-Professor klar, sei es etwa bei Beschäftigten in Schichtarbeit sinnvoller, einen entsprechenden Freizeitausgleich für die Belastungszeiten zu schaffen, statt ihnen ein paar Cent mehr zu bezahlen.
(Stephan Köhnlein, AP, N24)
05.05.2009 13:03 Uhr







