Wimpel aus dem Internet

Dresden im Obama-Fieber

Der US-Präsident kommt und Dresden ist aus dem Häuschen. Deutschland ist bei Obamas Europareise zwar nur ein kleiner Abstecher, dennoch lauern politische Fallstricke.

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Etwa drei Kilometer Absperrzaun sollen während des kurzen Besuches des US-Präsidenten Barack Obama Teile der historischen Innenstadt abriegeln.
"Das ist die Bedeutung unserer Freiheit und unserer Überzeugungen - der Grund dafür, dass Männer und Frauen und Kinder jeder Rasse und jedes Glaubens hier bei dieser Feier sind ...
... und dafür, dass ein Mann, dessen Vater vor weniger als 60 Jahren in einem Restaurant hier vielleicht nicht bedient worden wäre, ...
... jetzt vor Ihnen stehen kann, um diesen heiligen Eid zu sprechen." (in seiner Antrittsrede in Washington am 20. Januar)
"Heute sage ich Ihnen, dass die Herausforderungen, denen wir uns gegenübersehen, real sind. Sie sind schwerwiegend ...
... und zahlreich. Sie werden nicht leicht und nicht in kurzer Zeit zu bewältigen sein. Aber wisse Amerika: Wir werden sie meistern." (am 20. Januar)
"An die muslimische Welt: Wir suchen einen neuen Weg nach vorn, der auf gemeinsamen Interessen und gegenseitigem Respekt aufbaut." (in der Antrittsrede am 20. Januar)
"Ich weigere mich, unseren Kindern Schulden zu überlassen, die sie nicht zurückzahlen können." (auf einem "Etatgipfel" im Weißen Haus am 23. Februar angesichts gigantischer Staatsschulden)
"Wenn Länder wie der Iran bereit sind, ihre Faust zu öffnen, werden sie unsere ausgestreckte Hand finden." (in einem Interview des arabischsprachigen TV-Senders Al-Arabija am 26. Januar)
"Das ist beschämend." (zu milliardenschweren Bonus-Zahlungen an Manager von in Not geratenen Banken am 29. Januar in Washington)
"Der heutige Tag markiert nicht das Ende unserer Wirtschaftsprobleme, aber er markiert den Anfang vom Ende." (unmittelbar vor der Unterzeichnung des milliardenschweren Konjunkturpakets am 17. Februar)
"Wir werden uns wieder erholen, und die USA werden stärker sein als zuvor." (vor dem Kongress am 24. Februar)
"Wir lebten in einer Ära, in der zu oft kurzfristige Gewinne höher geschätzt wurden als langfristiges Wachstum." (am 24. Februar)
"Nein." (Zur Frage, ob die USA derzeit den Krieg in Afghanistan gewinnen. Interview mit der "New York Times" vom 8. März)
"Ejde Schoma Mobarak." (Neujahrsgruß Obamas auf persisch, in einer Video-Botschaft am 20. März)
"Wir müssen ein Ende machen mit rücksichtsloser Spekulation und Ausgaben, die über unsere Mittel gehen; ...
... mit faulen Krediten, mit überschuldeten Banken und fehlender Aufsicht." (in einem Positionspapier in der Tageszeitung "Die Welt" vom 23. März)
"Wir sind in Afghanistan, um die Operationen von El Kaida zu stören, zu stoppen und sie zu besiegen." (am 27. März in Washington)
"Ich übernehme die Verantwortung, auch wenn ich damals noch gar nicht Präsident war." (auf dem G20-Gipfel in London laut "Spiegel" zur Finanzkrise, im Bild: Obama (v.l.n.r.) mit Italiens Ministerpräsident Berlusconi und Russlands Präsident Medwedew)
"Das Angebot lautet: Länder mit Nuklearwaffen rüsten ab, Länder ohne Atomwaffen streben nicht nach ihnen, und alle Länder ...
... können Zugang zur friedlichen Nutzung von Atomenergie bekommen." (am 5. April in Prag)
"Lasst mich das so klar wie nur möglich sagen: Die USA sind nicht in einem Krieg mit dem Islam, und werden es nie sein." (vor dem türkischen Parlament am 6. April)
Als Barack Obama am 4. November zum 44. US-Präsidenten gewählt wurde, stand die Welt Kopf.
Nicht nur in den USA wurde gejubelt, …
… in der ganzen Welt feierte man den Sieg des ersten afroamerikanischen Präsidenten. In Kenia, wo Obamas Familie väterlicherseits lebt, tanzte seine Großmutter Sarah auf der Straße vor Freude.
Am 20. Januar 2009 wird Barack Obama in Washington vereidigt.
Die Aufbauarbeiten sind schon in vollem Gange: An dem Bühnenpodest für die Amtseinführungs-Parade wird schon fleißig geschraubt und gehämmert.
Die Souvenirläden, wie hier in Washington, haben alles, um sich für den Tag der Vereidigung richtig auszustatten.
Obama-Poster, Obama T-Shirts, Obama Basecaps…egal was, Hauptsache Obama ist drauf zu sehen.
Die japanische Stadt Obama City in der Nähe von Tokyo macht sich ihren Namen auch zu Nutzen.
Auch Kenia bereitet sich auf den 20. Januar vor. So werden z.B. verbilligte Flugtickets nach Washington angeboten.
Mit dem Sieg hofft das Land aber auch, mehr Touristen anzulocken. Obamas Wurzeln liegen im kenianischen Kogelo, wo seine Großmutter lebt und sein Vater begraben ist.
Und wie vertreibt sich der künftige Präsident die Zeit?
In den letzte Wochen war er vor allem damit beschäftigt, sein Kabinett zu nominieren.
Was lange spekuliert wurde, hat sich bestätigt: Seine frühere Widersacherin Hillary Clinton wird das Außenministerium übernehmen.
Privat versucht Obama noch ein "normales" Leben zu führen.
Man sieht ihn bei der Mittagspause im Coffe Shop in Chicago, …
… auf dem Weg zum Basketball-Spiel …
… oder ins Fitness-Studio.
Seine Hemden bringt er noch in seine Reinigung in Chicago.
Wo Obama auch auftritt, ist er sofort von Menschen umgeben, die ihn anfassen wollen.
Immer mit dabei sind die Sicherheitsbeamten, die auf Schritt und Tritt Barack Obama überall hin begleiten.
Auch das Leben seiner beiden Töchter ändert sich: Der Weg zur Schule findet unter Begleitung von Sicherheitspersonal statt.
Wenn Obama der "mächtigste Mann der Welt" sein wird, darf er vieles, nur wird er, natürlich aus Sicherheitsgründen, sein heiß geliebtes Blackberry abgeben müssen. Der kleine "Tastenfreund" war in den letzten Jahren sein ständiger Begleiter.
Ab 20. Januar wohnt Familie Obama dann im Weißen Haus. Barack Obama unternahm bereits mit seiner Frau Michelle eine Vorabbesichtigung.
Begrüßt wurden die beiden von den derzeitigen Bewohnern George und Laura Bush.
Während sich Laura Bush und Michelle Obama zu einem Gespräch unter First Ladies zurückzogen, …
… machten George Bush und sein Nachfolger eine Rundumbesichtigung …
… mit Abstecher in den Rosengarten, …
…um sich dann in Obamas künftigen Büro auszutauschen.

Die Dresdner können sich die Willkommensfähnchen für Barack Obama aus dem Internet herunterladen, doch ob sie den US-Präsidenten auch zu Gesicht bekommen, ist äußerst ungewiss. Deutschland ist ein Nebenschauplatz auf seiner Reise in den Nahen Osten und nach Europa. Eine Massenkundgebung wie voriges Jahr an der Siegessäule oder eine große Bühne für deutsche Politiker sind nicht vorgesehen. Doch Nebenschauplatz heißt nicht Nebensache: Dresden und Buchenwald sind wichtige Spannungspunkte des historischen Bogens, den Obama diese Woche schlagen will.

Den Höhepunkt seiner Reise dürfte der US-Präsident gleich am Anfang mit einer Ansprache an die islamische Welt am Donnerstag in Kairo setzen. Deutschland kommt hier nach Ansicht des Politologen Josef Braml von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) ins Spiel, weil es zur Umsetzung von Lösungskonzepten gebraucht wird, vom Iran über den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern bis hin zu Pakistan und Afghanistan. Immer im Hinterkopf habe Obama dabei die Wirtschaftskrise. "Außenpolitik ist zweitrangig, und damit sind wir auch zweitrangig", sagt Braml über den Stellenwert Deutschlands für die USA.

Frieden zwischen dem Westen und dem Islam zu schaffen, könnte Obama als ähnlich große Aufgabe darstellen wie seinerzeit den Zweiten Weltkrieg, spekuliert der Politikwissenschaftler Dieter Herz von der Universität Erfurt. Die Landung der Westalliierten in der Normandie 1944 und die Befreiung der Konzentrationslager 1945 empfinden die Amerikaner als sehr positive Kapitel ihrer Geschichte. "Diese Bezugspunkte wird er mit Sicherheit sehr sorgfältig aufgreifen", sagt Herz. Obama denke sehr stark in historischen Kategorien. Er sei ein intellektueller Präsident, ganz anders als Vorgänger George W. Bush. Für Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bedeutet dies eine Umstellung nach dem Texaner Bush, der sich gern zum hemdsärmeligen Grillabend einladen ließ und ein eher sentimentales Geschichtsverständnis hatte. Ganz andere Bilder dürften entstehen, wenn sie Obama am Freitag ins ehemalige KZ Buchenwald begleitet, zu dem der US-Präsident einen ganz persönlichen Bezug hat, weil sein Großonkel an der Befreiung des Außenlagers Ohrdruf mitwirkte.

Politische Gespräche statt einem "Bad in der Menge"

Auch in Dresden geht es nicht um freundliche Foto-Ops mit Frauenkirche. Die Zerstörung der Stadt durch alliierte Luftangriffe ist für Obama ein heikles Thema. Konservative Kreise in den USA haben ihn schon in Verdacht, er wolle sich in Europa für den Zweiten Weltkrieg "entschuldigen". Geplant sind nüchterne politische Gespräche statt einem "Bad in der Menge", das sich Merkel oder Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) vielleicht gewünscht hatten.

Die Bundesregierung ist laut einem Bericht des "Spiegel" gar nicht erfreut darüber, die Besuchsplanung so völlig den Vorstellungen des Gastes unterordnen zu müssen. Ob ein Treffen mit Steinmeier geplant sei, darauf könne er noch keine konkrete Antwort geben, sagte ein Sprecher des Auswärtigen Amtes am Dienstag. Dabei hätte gerade Steinmeier ein bisschen Wahlkampfhilfe verdient gehabt. Hatte er doch anders als Merkel dafür geworben, den Kandidaten Obama im Juli 2008 am Brandenburger Tor auftreten zu lassen. Letztlich fand die Kundgebung dann in Sichtweite an der Siegessäule statt.

Die Sachsen und die Thüringer lassen sich den Besuch von solchen diplomatischen Spannungen bisher nicht verdrießen. Die Stadt Dresden informiert auf einer eigens eingerichteten Website (www. obama.dresden.de) über Protokollvorschriften für den Fall, dass ein Bürger doch auf den Präsidenten trifft. Zwar sei der Hype etwas abgeflaut, sagt Herz. Doch Obama genieße selbst bei den eher Amerika-skeptischen Ostdeutschen "nach wie vor sehr, sehr hohes Ansehen".

(Henriette Löwisch, AFP, N24)

02.06.2009 13:09 Uhr

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