Iraker joggen nicht. Sie fahren auch kein Fahrrad. Um sich fit zu halten, gehen sie in die Mucki-Bude. Kein Wunder also, dass die Studios in der Hauptstadt Bagdad boomen.
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Iraker joggen nicht. Sie fahren kein Fahrrad. Um sich fit zu halten, gehen sie ins Fitness-Studio. Wie Pilze schießen die Clubs in der Hauptstadt Bagdad in letzter Zeit aus dem Boden. Gab es vor dem Einmarsch der Amerikaner 2003 gerade einmal 30 "Mucki-Buden" in der Millionenstadt, wird ihre Zahl jetzt auf mindestens 300 geschätzt. In der lange Zeit vom Rest der Welt abgeschotteten Metropole, die ansonsten wenig Ablenkung zu bieten hat, ist der Boom der Studios ein weiteres Zeichen dafür, dass die Iraker die Jahre der Diktatur und des Krieges langsam hinter sich lassen.
"Der Einzug des Satellitenfernsehens im Irak hat unsere Augen für viele Sachen geöffnet, darunter auch für die Notwendigkeit, fit zu sein", erklärt Haidar Muwaffak, einer der neuen Bodybuilding-Jünger. Der 28-jährige Autoteileverkäufer pumpt noch etwas Eisen und fügt hinzu: "Ich will gut aussehen, körperlich stark sein und stilvoll leben."
Die wachsende Beliebtheit der Fitness-Studios spiegeln eine langsame Einstellungsänderung der irakischen Bevölkerung gegenüber dem Thema Gesundheit wider. Gesunde Lebensführung hat nie zu den Prioritäten im Irak gehört, wo es für junge Männer fast zum guten Ton gehört, am Übergang von der Kindheit zum Erwachsenenalter mit dem Rauchen anzufangen. Die Iraker ernähren sich vor allem von Fleisch, das reich an ungesunden gesättigten Fettsäuren ist. Und dicke Bäuche sind im Irak auch bei jungen Männern um die 20 kein seltener Anblick.
Volkssport ist Fußball
Das einzelgängerische Streben nach persönlicher Fitness ist im Irak ein recht neues Phänomen, das sich zudem meist auf Männer beschränkt. Die meisten Fitness-Studios in Bagdad sind nur für Männer zugänglich, einige lassen aber zu bestimmten Zeiten auch Frauen trainieren. Die Herren der Schöpfung bevorzugen dabei ein echtes Macho-Training. So gibt es in den Spitzenzeiten zwar Warteschlangen vor Hantelablagen und den Geräten zum Kraftaufbau, nicht aber vor Steppern und Ergometern. Wer Interesse an Yoga- oder Aerobic-Kursen hat, sollte sich vielleicht einmal Gedanken über einen Umzug nach Jordanien machen. Das Schlucken von Anabolika-Pillen, die aus dem Iran eingeschmuggelt werden, ist nach Angaben eines Studiobesitzers weit verbreitet.
Bodybuilding hatte im Irak schon früher eine recht kleine Fangemeinde. Zumeist wurde der Kraftsport in kleinen, unklimatisierten, übelriechenden Studios mit wenig Licht und Frischluft praktiziert. Die neuen Studios sind anders und ähneln ihren Vorbildern im Westen: Aus Lautsprecherboxen tönt Musik nonstop, die meisten Wände sind mit Spiegeln bedeckt, und an den Theken werden Proteine und andere Nahrungsergänzungsmittel verkauft.
"Wo sollen junge Leute sonst hingehen?"
Das Training ist eine der wenigen Ablenkungsmöglichkeiten in einer Stadt, in der es keine Diskotheken, Kinos oder Cafes nach westlichem Vorbild gibt, in denen sich Männer und Frauen treffen können. "Wo sollen junge Leute sonst hingehen», fragt Ahmed Sami, Manager des «Dragon Gym». «Sie kommen hierher, trainieren und gehen dann nach Hause zum Essen und Schlafen."
Geschäftsführer Ali Abbas berichtet, sein Umsatz habe sich seit 2003 um rund 80 Prozent erhöht. "Es ist eine Modeerscheinung. Viele Leute wollen jetzt trainieren. Sie wollen gut aussehen." An der Wand seines Studios, das sich in einem verstaubten sechsstöckigen Gebäude befindet, hängen zwei dutzend Bilder von Abbas, die aufgenommen wurden, als er im März an einem Bodybuildingwettbewerb in den USA teilgenommen hat.
Schwarzenegger in Bagdad
Sahab Taleb leitet eines der ältesten Studios in Bagdad, das "Arnold Classic", benannt nach der Bodybuilding-Legende Arnold Schwarzenegger, dem jetzigen Gouverneur von Kalifornien. 140 Poster des Namengebers hat Taleb in seinem Studio aufgehängt - und alle gezählt. Unter dem früheren Staatschefs Saddam Hussein hatte das «Arnold Classic» bis Mitternacht geöffnet, jetzt schließt es um 20.00 Uhr. "Die Sicherheitslage hat sich zwar ein wenig verbessert", sagt der 49-Jährige. "Ich kann das Studio aber nicht bis Mitternacht geöffnet lassen, weil es gefährlich für mich wäre, so spät nach Hause zu gehen."
Mancher Kunde taucht schon mal mit einer Waffe in der Sporttasche im «Arnold Classic» auf, zum Selbstschutz, wie sie sagen. Taleb lässt das allerdings nicht zu. "Ich sage ihnen, dass sie keine Waffen mitbringen dürfen. Sie können sie im Auto lassen."