Der Führer schwankt
Chamenei verliert sein Gesicht
Noch vor ein paar Wochen wäre das im Iran undenkbar gewesen: gegen den geistlichen Führer aufzustehen, seine Warnungen in den Wind zu schlagen, ihm gar den Tod an den Hals zu wünschen.
Die ungestümen Proteste gegen die umstrittene Präsidentenwahl haben ein Tabu gebrochen. Manche betrachten Ayatollah Ali Chamenei bereits als Opfer der Krise. Sie fragen sich, ob es das hohe Amt des unnahbaren Geistlichen noch geben wird, wenn der 70-Jährige einmal nicht mehr ist. Seit zwei Jahrzehnten ist Chameneis Wort Gesetz. Der Nachfolger von Revolutionsführer Ayatollah Ruhollah Chomeini gilt manchen als Stellvertreter Gottes auf Erden.
"Tod Chamenei!"
Doch heute wird er von den Demonstranten auf der Straße verunglimpft statt verehrt. Rufe wie "Tod Chamenei!" zeigen eine erstaunliche Schwächung seines Ansehens. "Der Streit über die Wahl könnte seine religiöse und politische Autorität weiter untergraben, besonders unter dem traditionellen Klerus, so dass er noch abhängiger von den Revolutionsgarden wäre", vermutet der Iran-Experte Ali Nader von der Rand Corporation. Tatsächlich hat sich Chamenei über die Jahre bei Militär und Justiz eine Machtbasis aufgebaut, die ihm jetzt den Amtserhalt sichern könnte.
Führungsrolle infrage gestellt
Nach der Präsidentschaftswahl bestätigte er alsbald den Sieg des ihm verbundenen Amtsinhabers Mahmud Ahmadinedschad. Seine getreuen Milizen gingen gewaltsam gegen Demonstranten vor, nachdem er für den Fall weiterer Proteste vor Blutvergießen gewarnt hatte. Sein Verhalten in der Krise und seine Unterstützung für den Hardliner Ahmadinedschad ermutigten die Demonstranten nur noch.
Aus der herrschenden Elite sympathisierten zwei ehemalige Präsidenten, Mohammed Chatami und Haschemi Rafsandschani, mit den Protestierenden und untergruben Chameneis Stellung noch weiter. Chamenei hat Gesicht verloren. Seine Schwächung dürfte Fragen über seine Führungsrolle aufwerfen. Ihn abzusetzen, mag schwierig sein - wenn auch keinesfalls unmöglich. Er wird wohl kaum vergessen machen können, dass er in Krisenzeiten eher die Spaltung vertiefte denn als Vater der Nation aufzutreten. Allerdings drängt sich zur Zeit niemand als Nachfolger auf.
Streit programmiert
Experten schließen nicht aus, dass nun die lange schwelende Diskussion darüber wieder aufflammt, ob Chamenei überhaupt die erforderliche theologische Qualifikation für das höchste Amt im Gottesstaat mitbringt. Zudem gärt unter der hohen Geistlichkeit ein Streit, ob der Iran 30 Jahre nach der Islamischen Revolution überhaupt noch einen Revolutionsführer braucht.
Um das Amt abzuschaffen, bedürfte es allerdings einer Verfassungsänderung, die angesichts der zersplitterten Machtverhältnisse nicht leicht zustandezubringen wäre. Iran-Fachmann Frederic Tellier hält eine Amtsenthebung Chameneis für unwahrscheinlich, schließt aber nicht aus, dass sich nach seinem Tod etwas ändert. "Nach Chamenei erscheint die Möglichkeit einer gemeinschaftlichen Führung glaubhafter und als ein Weg, die Balance zwischen den Fraktionen und den diversen Empfindlichkeiten der Islamischen Republik zu halten", glaubt der Experte der International Crisis Group in Brüssel.
(Hamza Hendawi, AP, N24)
24.06.2009 22:03 Uhr









