Nicht genügend Zeit

Marco-Prozess gerät zur Justiz-Posse

Ankläger im Urlaub, keine Zeit fürs Aktenstudium: Der Prozess um die angebliche Vergewaltigung einer Britin durch den Deutschen Marco Weiss in der Türkei gerät immer mehr zur Justiz-Posse.

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Marco Weiss muss weiter auf das Urteil wegen der angeblichen Vergewaltigung einer Minderjährigen in der Türkei warten.

Der Missbrauchs-Prozess in der Türkei gegen den Schüler Marco aus Uelzen entwickelt sich zur Justiz-Posse. Am Mittwoch vertagte das Gericht in Antalya die Verhandlung nach nur zwei Minuten erneut auf den 16. September. Bei der Verhandlung habe der Staatsanwalt gefehlt, der sich im Urlaub befinde, teilten Marcos türkische Anwälte mit.

Ein Gerichtssprecher begründete die Vertagung damit, dass man nicht genügend Zeit gehabt hätte, die neuen Akten zu studieren. Welche Akten damit gemeint waren, ließ er offen. Marco wird vorgeworfen, im Osterurlaub 2007 die damals 13-jährige Britin Charlotte sexuell missbraucht zu haben. Der Schüler bestreitet dies. Der Staatsanwalt hatte für Marco eine Verurteilung wegen Vergewaltigung und sexuellen Missbrauchs gefordert.

"Dieses Argument für die Vertagung zieht mir die Schuhe aus. Das muss sich erstmal setzen", sagte Marcos deutscher Anwalt, Jürgen Schmidt, in Uelzen. "Auf den Nerven von Marco und seiner Familie wird herumgetrampelt." Die Mutter hatte sich lediglich bei einem Urteilsspruch öffentlich äußern wollen. Tags zuvor hatte die Familie die Situation als unerträglich beschrieben. Niemand könne sich ausmalen, welche Ängste und Befürchtungen Marco bereits durchgestanden habe und auch heute noch durchstehen müsse.

Bei Schuldspruch in Revision

Marcos türkischer Verteidiger konnte die Begründung des Gerichts für die Vertagung zwar auch nicht verstehen. Ahmet Ersoy betonte jedoch in Antalya: "Das Wichtigste ist aber, ein gerechtes Urteil zu bekommen." Nun wird der Prozess gegen Marco erst nach der Sommerpause des Gerichts fortgesetzt. "Wenn es dann entgegen meiner Erwartung keinen Freispruch gibt, gehen meine türkischen Kollegen in Revision", kündigte der deutsche Anwalt Schmidt an.

Gut zwei Jahre und vier Monate nach der Festnahme des damals 17 Jahre alten Schülers hatten sämtliche Prozessbeteiligte an diesem Mittwoch mit einem Ende des Prozesses gerechnet. Als dann jedoch ein vor der Marco-Verhandlung anberaumter Prozess bis zum Ende der Dienstzeit des Gerichtes dauerte, gab es bei den Anwälten und dem Dutzend deutscher und türkischer Pressevertreter lange Gesichter. Die Verteidigung konnte nicht einmal ihr Plädoyer halten. Marcos Anwälte hatten zuvor angekündigt, einen Freispruch für den Schüler fordern zu wollen.

247 Tage in U-Haft

Für Marco geht damit die Nervenprobe weiter. Nach der Festnahme in der Hotellobby an der türkischen Riviera am 12. April 2007, den stundenlangen Verhören und insgesamt 247 Tagen in türkischer Untersuchungshaft, ist nun wieder alles offen. Zu den Prozessterminen muss Marco allerdings nicht mehr anreisen. In Deutschland hatte die Staatsanwaltschaft Lüneburg Anfang Mai ihr Ermittlungsverfahren gegen Marco eingestellt, weil sich der Verdacht nicht bestätigt hatte. Der junge Mann besucht inzwischen eine Berufsbildende Schule.

Marcos Freunde und Unterstützer überraschte die Nachricht der Vertagung nicht mehr. "Das Bemühen der türkischen Seite wird sein, die Untersuchungshaft in irgendeiner Weise zu rechtfertigen", sagte Siegfried Rabenau vom Freundeskreis Marco. Er vermutet, dass der Schüler eine Haftstrafe erhalten wird, die dann mit der U-Haft abgegolten wäre.

(dpa, N24)

15.07.2009 16:58 Uhr

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