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Fehlende Wahlkampfthemen

Deutsche Truppen so verhasst wie Taliban

Es ist ein Thema, dass die Deutschen berührt. Dennoch wird der Afghanistan-Krieg im Wahlkampf ausgeklammert. Dabei spitzt sich die Lage der Truppen zu. Ein Journalist deckt Hintergründe auf.

"Deutschland kann mehr", lächelt Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier vom Wahlkampfplakat. "...Menschen töten", hat jemand im Frankfurter Nordend den Slogan ergänzt. "Wir haben die Kraft", strotzt Kanzlerin Angela Merkel. "...zum Krieg", wird der Spruch auf den Postern fortgeführt.

Das mag zynisch klingen. Den Willen zur Kriegsführung darf man weder Merkel noch Steinmeier unterstellen. Doch es ist Realität. Der von Deutschland angeordnete verheerende Luftschlag auf zwei am Kundus-Ufer steckengebliebene Tanklaster hat ja stattgefunden. Und obwohl es die Menschen interessiert, wie die bemalten Plakate zeigen: Eine substanzielle Debatte über den folgenschwersten Einsatz in der Geschichte der Bundeswehr findet im Wahlkampf nicht statt. Im sogenannten Kanzlerduell war das Thema nach vier Minuten erledigt.

Der deutsche Umgang mit dem Krieg in seinem Land treibt dem afghanischen Journalisten Hussain Mosawe die Wut ins Gesicht. Der Redakteur des Internetportals afgazad.com (Freies Afghanistan) besucht seine Familie in Deutschland. Seine Kollegen am Kundus haben berichtet, was am frühen Morgen des 4. September in Chardara passierte.

Politik der verbrannten Erde?

Zunächst seien es nur vier Taliban gewesen, die im Nachbardorf die Bevölkerung mit vorgehaltenen Waffen gezwungen hätten, die gekaperten Tanker aus dem Schlamm zu ziehen. Als das nicht klappte, seien die Menschen gedrängt worden, Eimer und Wannen zu holen und Benzin abzuzapfen - damit die Lastwagen leichter werden. Wie viele unschuldige, friedliche Menschen von den Bomben zerfetzt und verbrannt wurden, lässt sich vermutlich nicht herausfinden. 30 waren es nach offiziellen afghanischen Angaben, zudem 60 Taliban.

Der Luftangriff sei eine "Politik der verbrannten Erde", sagt Mosawe. Spricht man von einem verhängnisvollen Fehler, kann er seinen Zorn kaum zurückhalten. "Fast hundert Tote bei der Bombardierung einer Hochzeitsgesellschaft, genau so viele bei einer Trauerfeier. Jetzt Chardara. Was glaubt Ihr denn im Westen?", ruft er. "Wir sind nicht dumm. Nach acht Jahren heißt es immer noch Fehler, Fehler, Fehler."

Dass sich Kanzlerin Merkel hinter Oberst Georg Klein stellte, der das Bombardement angefordert hatte, war politisch geboten. Indem sie sich barsch jede internationale Kritik verbat, drehte sie den moralischen Zeigefinger um. Dass sie im gleichen Atemzug auch noch auf eine internationale Konferenz pochte, um über eine neue Strategie zu verhandeln, war Wahlkampf pur. Für ihre Glaubwürdigkeit in Washington kann das nur abträglich sein.

"Ein Desaster mit dramatischen Konsequenzen"

Denn die USA haben ihre Strategie längst geändert. Praktisch keine Luftschläge mehr in Afghanistan, sondern erheblich mehr Bodentruppen zum Kampf gegen die Extremisten der Taliban. Nur so, das ist US-Präsident Barack Obama und seinen Generälen schmerzhaft klargeworden, kann man zivile Opfer vermeiden, auch wenn die eigenen Verluste steigen. Nur so kann man dem wachsenden Widerstand der gesamten afghanischen Bevölkerung entgegenwirken. Wenn es dafür nicht schon zu spät ist.

"Der deutsche Luftschlag war ein Desaster mit dramatischen Auswirkungen", sagt der Erfurter Professor für vergleichende Regierungslehre und mehrfache Afghanistan-Reisende Dietmar Herz. Denn mit den Tanklastwagen wurde auch der amerikanische Strategiewechsel torpediert. "Die Zeit der Ruhe für die Bundeswehr ist vorbei", prophezeit Mosawe. Ihm sind die internationalen Truppen, und darunter die Deutschen, mittlerweile genauso verhasst wie die Taliban.

"Wir werden mit den Taliban alleine fertig"

Aber was muss geschehen, damit Afghanistan nach 30 Jahren Besatzungskrieg, Bürgerkrieg und Taliban-Knechtschaft zum Frieden kommt? "Der Westen muss sofort abziehen", sagt Mosawe. "Und zwar mit allem drum und dran, den Waffen, dem Geld, den Taliban, mit seinem Karsai!" Obama müsse Pakistan und Saudi-Arabien dazu zwingen, jede Unterstützung der Taliban komplett zu stoppen. Die indischen und iranischen Einmischungen müssten eingedämmt werden. "Wenn die Taliban keine Hilfe mehr aus Pakistan bekommen, werden wir selbst mit ihnen fertig. Das sollte die Welt uns glauben."

Afghanistan-Kenner Herz glaubt nicht, dass es möglich wäre, die Afghanen sich selbst zu überlassen. Zwar sei das "Große Spiel" aus der vorvergangenen Jahrhundertwende endgültig vorbei. Weder lieferten sich zwei Imperien noch zwei politische Blöcke am Hindukusch heute einen Stellvertreterkrieg. Aber für die Erzfeinde Indien und Pakistan ist Afghanistan der eigene Hinterhof. "Und gegenüber den indischen Ambitionen wäre für Islamabad eine moderate Talibanherrschaft in Kabul vermutlich das geringere Übel." Daran könne Obama gar nichts ändern.

Witzfigur Karsai

Wenn Afghanistan noch eine Chance haben soll, dann müsse der Westen, dann müsse die Bundesregierung die Realität endlich anerkennen und sich ihr stellen, meint Herz. Also zu entschlossenem militärischen Engagement gegen die islamistischen Extremisten bereit sein und alles tun, um die Bevölkerung zu schützen. Und anstatt auf Karsai zu setzen, dessen Ansehen mit der jüngsten Wahl weiter zusammengescholzen ist, traditionelle regionale Machtstrukturen wiederzubeleben.

Bundesaußenminister Steinmeier will bis 2013 die Grundlagen für einen Abzug der Bundeswehr schaffen. Noch sei es möglich, in Afghanistan keine verbrannte Erde zu hinterlassen, sondern ein Mindestmaß an Stabilität zu erreichen, schätzt Herz. Aber noch mindestens zehn Jahre müssten die internationalen Truppen dazu vor Ort bleiben. Und auch immer wieder kämpfen. Ob die Bundesregierung den Mut dazu hat, wird man erfahren. Nach der Wahl.

(Tobias Schmidt, AP; N24)

23.09.2009 08:02 Uhr

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