Trotz guter Zahlen
Arbeitsmarkt vor der Krise
Der Herbstaufschwung ist saisonal bedingt, sollte aber nach Ansicht von Arbeitsmarktexperten nicht darüber hinwegtäuschen, dass ein massiver Anstieg der Arbeitslosigkeit im kommenden Jahr droht.
Trotz des leichten Herbstaufschwungs im September halten Arbeitsmarktexperten einen starken Anstieg der Arbeitslosigkeit im kommenden Jahr für unausweichlich. "In diesem Herbst wird es noch ganz gut aussehen. Im Januar und Februar 2010 wird die Zahl der Arbeitslosen aber kräftig steigen", prognostizierte der Chef der Bundesagentur für Arbeit (BA), Frank-Jürgen Weise.
Verstärkter Arbeitsplatzabbau im Winter erwartet
Auch das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) rechnet damit, dass es in den Wintermonaten verstärkt zu einem Arbeitsplatzabbau kommen wird. Der DGB befürchtet in den kommenden Monaten eine Entlassungswelle. Im September war die Zahl der Jobsuchenden um 125.000 auf 3.346.000 gesunken. Bereinigt um statistische Änderungen entspreche dies allerdings nur einem Rückgang von 102.000, räumte eine Sprecherin der Bundesagentur ein.
Die Arbeitslosenquote nahm um 0,3 Punkte auf 8,0 Prozent ab. "Die vielfach herbeibeschworene Katastrophe auf dem Arbeitsmarkt ist bisher ausgeblieben", kommentierte der scheidende Arbeitsminister Olaf Scholz (SPD) die Zahlen. BA-Chef Weise warnte dagegen vor zu viel Optimismus: "Dies ist keine Trendwende." Die Auswirkungen der Krise blieben spürbar.
Weichenstellung in den nächsten Monaten
BA-Vorstandsmitglied Raimund Becker geht davon aus, dass viele Unternehmen in den nächsten Wochen vor wichtigen Weichenstellungen stehen. "Dann geht es um die Gretchenfrage, ob sie Kurzarbeit verlängern oder beenden. Aus den Arbeitsagenturen haben wir Signale, dass viele Unternehmen einen Arbeitsplatzabbau planen. Wir rechnen daher mit mehr Arbeitslosigkeit", sagte Becker.
Für die bislang anhaltend gute Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt macht Weise einen Mix vieler Faktoren verantwortlich. Neben dem massiven Einsatz der Kurzarbeit und dem Abbau von Zeitarbeitskonten habe auch die Flexibilität der Beschäftigten in vielen Betrieben Entlassungen verhindert. Auch die Bereitschaft von Mitarbeitern zu befristeten Lohnsenkungen habe Firmenchefs die Entscheidung leichter gemacht, zunächst auf einen Stellenabbau zu verzichten. Zudem sei die Vermittlung in den Arbeitsagenturen effektiver geworden.
Auch andere Eckpunkte weisen auf eine noch vergleichsweise entspannte Lage am Arbeitsmarkt hin. So sank die um saisonale Besonderheiten bereinigte Erwerbslosenzahl im September im 12.000, selbst nach alter Zählweise der Statistik stieg sie nur um 10.000. Die Erwerbstätigkeit nahm von Juli auf August um 43.000 auf 40,19 Millionen zu. Im Vergleich zum Vorjahr verringerte sie sich jedoch um 156.000. Einen sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplatz hatten nach den letzten vorliegenden Daten vom Juli rund 27,34 Millionen Menschen - und damit 102.000 weniger als im Vorjahr.
Private Jobvermittlung abgelehnt
Ablehnend steht Weise Überlegungen der FDP gegenüber, im Fall einer Regierungsbeteiligung die Jobvermittlung der Arbeitsämter zu privatisieren. "Die entscheidende Frage ist doch: Haben wir eine Alternative? Und meine klare Antwort lautet: Nein", betonte Weise.
Er glaube, dass die Bundesagentur-Mitarbeiter einen großen Beitrag dazu geleistet hätten, "das sich der Arbeitsmarkt in der aktuellen Krise so positiv entwickelt hat". Auch Pläne für eine Lockerung des Kündigungsschutzes, die Unions- und FDP-Politiker in die Diskussion gebracht hatten, sehe er skeptisch. "In der Krise muss den Menschen geholfen werden", unterstrich Weise.
Nahles: SPD hinterlässt robusten Arbeitsmarkt
Nach den Worten der arbeitsmarktpolitischen Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, Andrea Nahles, hinterlässt die SPD einen robusten und gut aufgestellten Arbeitsmarkt. Auch ein Jahr nach Beginn der Krise zeige sich der Arbeitsmarkt "bemerkenswert stabil". DGB- Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach warnte jedoch: Der saisontypische Rückgang der Arbeitslosigkeit dürfe nicht darüber hinwegtäuschen, "dass der Arbeitsmarkt ab Herbst vor der Nagelprobe steht". Bisher habe die Arbeitsmarktpolitik verhindert, dass aus dem Konjunktureinbruch ein Beschäftigungseinbruch wird.
Linkspartei-Vize Klaus Ernst forderte "ein Rettungspaket für die Krisenarbeitslosen". Änderungen beim Kündigungsschutz lehnte er ab. In den jüngsten Arbeitsmarktzahlen sieht er "ein letztes Alarmzeichen vor einem bitteren Winter". Die Arbeitsmarkt-Expertin der Grünen, Brigitte Pothmer, erwartet steigende Erwerbslosenzahlen. Darauf sei Schwarz-Gelb bislang nicht vorbereitet. Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) fordert von der neuen Bundesregierung, dafür zu sorgen, dass Firmen nicht in eine Kreditklemme gerieten. "Nur Unternehmen, deren Finanzierung gesichert ist, können Arbeitsplätze halten und neue Beschäftigung schaffen", heißt es in der Erklärung.
(dpa, N24)
30.09.2009 18:01 Uhr





