Nobelpreis für Medizin

US-Forscher entdecken Jungbrunnen

Elizabeth H. Blackburn, Carol W. Greider und Jack W. Szostak haben entdeckt, wie Zellen altern und wie sie den Prozess steuern können. Dafür wurden sie mit dem Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet.

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Die beiden US-amerikanischen Biologinnen Elizabeth H. Blackburn (r.) und Carol Greider sind zwei von drei US-Forschern, die in diesem Jahr den Nobelpreis für Medizin erhalten (Foto: Archiv).
Der erste Nobelpreis überhaupt ging 1901 an den deutschen Physiker Wilhelm Conrad Röntgen – für Physik. Er entdeckte am 8. November 1895 die nach ihm benannten Röntgenstrahlen. Seine Entdeckung revolutionierte u. a. die medizinische Diagnostik.
Emil Adolf von Behring war ein deutscher Bakteriologe und Serologe. Er wurde durch seine Entdeckungen zur erfolgreichen Behandlung von Diphtherie 1901 erster Träger des Nobelpreises für Physiologie und Medizin.
Robert Koch entdeckte 1882 den Erreger der Tuberkulose und entwickelte später das Tuberkulin. Am 12. Dezember 1905 nahm Koch den Nobelpreis für Medizin für seine Arbeit über die Tuberkulose in Empfang.
Gerhart Hauptmann gilt als der bedeutendste deutsche Vertreter des Naturalismus. 1912 wurde er "vor allem als Anerkennung für sein fruchtbares und vielseitiges Wirken im Bereich der dramatischen Dichtung" mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet.
Der deutsche Physiker Max Planck gilt als Begründer der Quantenphysik. Im letzten Kriegsjahr, 1918, erhielt Planck den Nobelpreis für die Entdeckung des planckschen Wirkungsquantums. Der Preis wurde ihm erst 1919 verliehen.
Albert Einstein erhielt seinen Nobelpreis für Physik nicht für „e=mc²", sondern für seine Theorie des Lichts. Diese Entdeckung publizierte Einstein bereits 1905, wurde aber erst 1921 mit dem Nobelpreis für Physik ausgezeichnet.
Gustav Stresemann war deutscher Politiker (DVP), Reichskanzler sowie Reichsminister des Auswärtigen in der Zeit der Weimarer Republik. Als erster Deutscher erhielt er 1926 den Friedensnobelpreis.
Thomas Mann zählt zu den bedeutendsten Erzählern deutscher Sprache im 20. Jahrhundert. Für seinen ersten Roman "Buddenbrooks" (1900, erschienen 1901) erhielt er 1929 den Nobelpreis für Literatur.
Der deutsche Chemiker Otto Hahn gilt als Vater der Kernchemie. „Für seine Entdeckung der Spaltung schwerer Atomkerne“, so die offizielle Begründung der Jury, wurde Hahn 1944 mit dem Nobelpreis für Chemie ausgezeichnet.
Albert Schweitzer war evangelischer Theologe, Orgelkünstler, Musikforscher, Philosoph und Arzt. Als Arzt gründete Schweitzer das Krankenhaus in Lambaréné im Gabun (Zentralafrika). Er erhielt 1952 den Friedensnobelpreis.
Unter den 180 Physik-Nobelpreisträgern bis 2007 befanden sich nur zwei Frauen: Marie Curie und Maria Goeppert-Mayer. Die Physikerin Goeppert-Mayer wurde 1963 für ihre Entdeckungen über die Struktur des Atomkerns ausgezeichnet.
Willy Brandt erhielt 1971 den Friedensnobelpreis für seine Verdienste um die Ostpolitik, die auf Entspannung und Ausgleich ausgerichtet war. Der weltweit beachtete Kniefall von Warschau am 7. Dezember 1970 leitete symbolisch die Entspannungspolitik ein.
Der bisher einzige deutsche Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften: Der Volkswirt Reinhard Selten erhielt 1994 zusammen mit John Forbes Nash und John Harsanyi den Preis für die gemeinsamen Leistungen auf dem Gebiet der Spieltheorie.
Eine von den wenigen deutschen Preisträgerinnen: Christiane Nüsslein-Volhard. Die Biologin erhielt 1995 den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin für ihre Forschungen über die genetische Kontrolle der frühen Embryonalentwicklung.
Günter Grass gilt als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Autoren der Gegenwart. 1999 erhielt er den Nobelpreis für Literatur für sein Lebenswerk im Alter von 72 Jahren.
Der deutsche Physiker Peter Grünberg: Sein Forschungsschwerpunkt liegt auf dem Gebiet der Festkörperforschung. Seine bekannteste Entdeckung ist der Riesenmagnetwiderstand. 2007 wurde ihm dafür der Nobelpreis für Physik zuerkannt.
Und noch ein Nobelpreis ging im Jahr 2007 an einen Deutschen: Für seine "Studien von chemischen Prozessen auf Festkörperoberflächen" erhielt ihn der deutsche Physiker und Oberflächenchemiker Gerhard Ertl im Bereich Chemie.
Im Jahr 2008 erhielt der deutsche Mediziner Harald zur Hausen den "Nobelpreis für Physiologie oder Medizin" für seine "Entdeckung der Auslösung von Gebärmutterhalskrebs durch humane Papillomviren".
Die in Rumänien geborene Deutsche Herta Müller bekommt den Literatur-Nobelpreis 2009. In ihren Werken setzt sie sich unter anderem mit der einstigen Diktatur in Rumänien auseinander und mit den Lebensbedingungen der Menschen dort.
Video: Deutscher Preisträger - Medizin-Nobelpreis für Harald zur Hausen
Video: Entscheidung in Oslo - Friedensnobelpreis für Martti Ahtisaari

Mit ihrer Arbeit schufen sie Therapieansätze gegen das Altern und gegen Krebs. Die US-Biologen Elizabeth Blackburn, Carol Greider und Jack Szostak fanden heraus, was eine Zelle altern lässt, was sie dagegen tun kann und was passiert, wenn diese Reaktion aus dem Ruder läuft. Diese Erkenntnisse sind nun den Nobelpreis für Medizin wert, der in diesem Jahr zum hundertsten Mal vergeben wird.

In gesunden Zellen geht bei jeder Teilung ein Stück des Erbguts verloren. Die Enden des Erbgutstrangs, die Telomere, werden immer kürzer, die Zelle altert und stirbt schließlich. Stammzellen und Krebszellen hingegen haben ein sehr aktives "Jungbrunnen"-Enzym, die Telomerase. Es lagert immer wieder Erbmaterial an die Erbgutenden an, so dass die Zellen sich immer weiter vermehren können und quasi unsterblich werden.

Diese Erkenntnisse entstammen einer langen Zusammenarbeit der Forscher: Elizabeth Blackburn (60) von der University of California in San Francisco entdeckte, dass die Enden der Erbgutträger aus einem sich mehrfach wiederholenden Bausteinmuster bestehen. Sie wurden Telomere getauft, aus den griechischen Worten "Telos" für Ende und "Meros" für Teil.

Geheimnis des Jungbrunnens

Jack Szostak (56) vom Massachusetts General Hospital in Boston fand heraus, dass diese Endteile die Erbgutträger vor dem Ausfasern und Zusammenkleben schützen wie Plastikhülsen die Schnürsenkel. Zudem werden die Telomere bei jeder Teilung der Zelle kürzer - ein Alterungsprozess.

Zusammen mit ihrer damaligen Doktorandin Carol Greider (48; Johns Hopkins University in Baltimore) fand Blackburn zudem das Enzym Telomerase, das die Endteile wieder verlängert und daher auch als Jungbrunnenenzym bezeichnet wird. Genau an Weihnachten 1984 hatte die Doktorandin einen Hinweis auf das Enzym in ihren Zellkulturen entdeckt. Damit hatten die drei Forscher die Grundlage gelegt für weitere Arbeiten über Krebs, Alterung und speziellen Erbkrankheiten. Nobel-Entscheidung bejubelt

Die Wahl des Nobelkomitees wurde von anderen Wissenschaftlern begeistert aufgenommen. "Endlich, endlich! Das ist eine ganz tolle Nachricht", sagte Krebsforscher Tim Brümmendorf vom Universitätsklinikum Aachen. Die drei Forscher hätten einen zentralen Mechanismus in den Zellen entdeckt. Etliche Forscher versuchten fieberhaft, Medikamente zu finden, die die Telomerase beeinflussen. "Bis heute ist es jedoch noch nicht gelungen." Auch Prof. Hendrik Veelken vom Universitätsklinikum Freiburg äußerte sich begeistert. "Das hat die Vorstellungen revolutioniert, wie die Zellalterung funktionieren könnte."

Jugend-Enzym kann Krebs auslösen

Die Entdeckungen hatten gewaltige Auswirkungen auf die weltweite Forschung. So untersuchte Maria Blasco vom Spanischen Krebsforschungszentrum (CNIO) in Madrid, wie die Telomerase praktisch wirkt. "95 Prozent aller Arten von Krebszellen enthalten sehr hohe Mengen an Telomerase", sagte Blasco anlässlich der Vergabe des Körber-Preises 2008. Diese Zellen vermehren sich immer weiter.

Wenn sie das Enzym hingegen in Mäusen ausschaltete, starben die Tiere beispielsweise aufgrund alternder Muskelzellen an Herzversagen früher als gewöhnlich. Das Besondere an diesen Mäusen war jedoch ihr natürlicher Krebsschutz. Trotz krebserregender Tinktur auf der Haut bekamen sie kaum Tumore. Dagegen hatten Mäuse mit genetisch besonders aktiver Telomerase ein dichtes Fell und lebten auch zehn Prozent länger als ihre gewöhnlichen Artgenossen, wenn sie nicht vorher an Krebs erkrankt waren. Chance für neues Krebsmittel?

Die Pharmaindustrie forscht derzeit an Telomerase-Medikamenten, die kürzer gewordene Telomere in den Zellen nachwachsen lassen sollen. "Wenn solche Medikamente nur über einen kurzen Zeitraum eingenommen werden, ist die von ihnen ausgehende Krebsgefahr nicht allzu hoch, sofern man die Mittel richtig dosiert", meint Blasco. Die Telomere blieben dann jedoch verlängert. Ebenso gibt es Ansätze, die Telomerase-Aktivität zu hemmen, damit Krebszellen absterben.

Der philosophische Blick

Auf eine ganz andere Nebenwirkung eines Jungbrunnens machte der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Bischof Wolfgang Huber mit einem philosophischen Blick aufmerksam: "Hätten wir ein Unsterblichkeitsenzym entdeckt und wären dazu fähig es einzusetzen, dann hätte unser zeitliches Leben keine Zukunft mehr", erläuterte er im vergangenen Jahr in Hamburg. "Die Unterscheidung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ist nur dem Menschen möglich. Und dies nur, so lange er sich als ein Wesen versteht, dessen Leben und dessen Freiheit endlich sind."

( Simone Humml, dpa, N24)

06.10.2009 12:16 Uhr

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