"Kenne den Unterschied"
Herta Müller lobt deutsche Freiheit
Jahrelang schrieb Herta Müller über die Diktatur in Rumänien und erhält dafür jetzt den Nobelpreis. In Deutschland genieße sie die Freiheit, die ihr in der Heimat verwehrt wurde, so Müller.
Die Schriftstellerin Herta Müller hat überhaupt nicht damit gerechnet, in diesem Jahr den Literaturnobelpreis zu bekommen. "Ich habe es nicht erwartet, ich war sicher, es passiert nicht", sagte die 56-Jährige in Berlin. "Ich kann auch noch gar nicht darüber reden", meinte sie. Es sei noch zu früh, sie brauche Zeit, um das einzuordnen. Müller, ganz in schwarz gekleidet, sagte, der Preis sei nicht für sie, sondern für ihre Bücher. "Das ist die richtige Art, damit umzugehen." Sie sagte, sie verstehe ihr Schreiben in dem Sinne, dass sie über 30 Jahre in Rumänien in einer Diktatur gelebt habe und darüber berichte. Ihr Weggehen nach Deutschland sei ein Glück gewesen, denn es habe viele Leute, auch Freunde gegeben, die die Diktatur nicht überlebt hätten.
"Mein Schreiben hatte immer damit zu tun, wie konnte es so weit kommen, dass sich eine Handvoll Mächtige das Land unter den Nagel reißen. Woher nehmen sie sich das Recht", sagte sie in der kurzfristig anberaumten Pressekonferenz, bei der sich auf engsten Raum rund 80 Journalisten drängelten. In Deutschland fühle sie sich frei, betonte Müller, die seit 1987 hier lebt. "Ich kenne den Unterschied, wenn man jeden Tag morgens Angst haben muss, dass man am Abend nicht mehr existiert." Müller sagte, der Nobelpreis werde sie nicht verändern. "Ich bin die Person, die ich bin." Sie werde jetzt nichts Besseres oder Schlechteres.
Glückwünsche von Köhler und Merkel
Mit geradezu hymnischen Lobliedern haben deutsche Politiker auf die Verleihung des Nobelpreises an Herta Müller reagiert. Bundespräsident Horst Köhler, Bundeskanzlerin Angela Merkel sowie weitere Spitzenpolitiker würdigten sie als große Autorin und erinnerten an die in ihren Romanen geschilderten Erfahrungen mit der kommunistischen Diktatur in Rumänien. Glückwünsche erhielt die 56-Jährige auch aus dem Kulturbereich und von Kollegen.
Im Glückwunschschreiben von Köhler hieß es: "Immer wieder haben Sie gegen das Vergessen angeschrieben und so an den hohen Wert der Freiheit erinnert, die niemals selbstverständlich ist." Deswegen sei es eine besonders glückliche Fügung, dass Müller die Auszeichnung gerade in diesem Jahr erhalte, "in dem wir an das Ende der Diktaturen in Osteuropa vor zwanzig Jahren erinnern". Müller habe "immer wieder detailliert und ergreifend geschildert, was ein Unrechtssystem in den Herzen und Seelen der Menschen anrichtet".
Kulturstaatsminister Bernd Neumann würdigte Müller als "Autorin von Weltrang". Sie sei "eine Schriftstellerin von großer poetischer Kraft, die uns die Sprache immer wieder aufs Neue entdecken lässt", sagte der CDU-Politiker. "Sie hat dabei die jüngere rumänisch-deutsche Geschichte lebendig werden lassen und die Verwundungen gezeigt, die unter der langjährigen kommunistischen Diktatur des Ceausescu-Regimes den Menschen zugefügt wurden."
Wowereit schwärmt von Berlin
Der Berliner Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit erklärte: "Herta Müller setzt sich in ihren Arbeiten mit der kommunistischen Vergangenheit in Rumänien und mit dem Schicksal der dort beheimateten deutschsprachigen Minderheit auseinander. Berlin schien ihr der Ort zu sein, in dem sie angemessene Bedingungen für ihre Arbeit vorfand." Berlin erweise sich einmal mehr als eine auch "international immer mehr anerkannte Stadt der künstlerischen und intellektuellen Kreativität".
Auch Grünen-Chefin Claudia Roth gratulierte Müller. "Die Entscheidung für den diesjährigen Literatur-Nobelpreis bedeutet eine riesige Anerkennung nicht nur für die deutsche Literatur, sondern auch für die Widerspiegelung jüngster europäischer Geschichte in der Literatur", erklärte sie. Die Vorsitzende der Frauen-Union, Maria Böhmer, erklärte, es sei eine besondere Freude, dass Herta Müller nach Nelly Sachs als zweite deutsche Schriftstellerin den Literatur-Nobelpreis erhalte.
"Eine herausragende Stimme"
Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung, deren Mitglied Müller seit 2005 ist, zeigte sich ebenfalls erfreut. "Seit vielen Jahren ist Herta Müller eine herausragende Stimme der deutschsprachigen Literatur, die in beklemmenden Büchern das Leben in dem menschenverachtenden Regime des rumänischen Diktators Ceausescu in unverwechselbarer Sprache dargestellt hat", sagte Präsident Klaus Reichert.
Der Deutsche Kulturrat bezeichnete Müller als eine der wichtigsten Chronisten "des alten, noch durch die Konfrontation der zwei Machtblöcke bestimmten Europas". Mit Müller werde zum dreizehnten Mal ein deutschsprachiger Autor mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet, sagte Geschäftsführer Olaf Zimmermann.
"Dieses Unbeirrbare, das imponiert mir"
Der Präsident der Freien Universität Berlin, Dieter Lenzen, zeigte sich ebenfalls erfreut. Das Seminargespräch mit Müller habe den Studenten und jungen Nachwuchsautoren eine außergewöhnliche Gelegenheit geboten, "Möglichkeiten und Grenzen der Sprache, des Sagbaren, mit einer großen Autorin auszuloten", hieß es in einem Glückwunschschreiben. Müller war 2005 als erste Heiner-Müller-Professorin an die Freie Universität berufen worden.
Müllers Kollege Thomas Brussig meinte auf MDR Info, "es hat auf jeden Fall die Richtige getroffen". Er finde es auch bemerkenswert, dass der Preis damit zum zweiten Mal innerhalb von zehn Jahren in die deutsche Literatur verliehen wurde. "Dieses Unbeirrbare, das imponiert mir."
"Herta who?"
Weniger positiv fiel das Echo auf die Preisvergabe an Herta Müller in den USA aus. US-Medien reagierten distanziert. "Und noch ein obskurer Nobelpreisgewinner! Seufz", schrieb die Zeitschrift "Entertainment Weekly" in ihrer Internetausgabe. Die "New York Times" wies darauf hin, dass nur vier von Müllers Büchern bisher in die englische Sprache übersetzt wurden. Die Verlegerin Sara Bertschel von Metropolitan Books sagte, dass Herta Müller trotz guter Kritiken bisher nur eine bescheidene Leserschaft in den USA für sich gewonnen habe. Metropolitan Books, eine Einheit des Verlagsverbandes Macmillan, hat die Müller-Bände "The Land of Green Plums" und "The Appointment" in Nordamerika herausgegeben.
Die "Los Angeles Times" bemerkte nach der Bekanntgabe der diesjährigen Gewinnerin des Nobelpreises in Literatur: "Vielleicht sind (Müllers) Werke künftig leichter bei uns zu bekommen. Wenn man allerdings den letztjährigen Gewinner, Jean-Marie Gustave Le Clézio als Maßstab nimmt, könnte noch eine Weile vergehen." Auf die Herausgabe seines englischen Romantitels "Desert" hatten Leser ein Jahr warten müssen. "Herta who?", fragte "Entertainment Weekly" und nannte Müller eine "so gut wie unbekannte" Schriftstellerin. Literarische Kreise in den USA warten seit Jahren auf die nach ihrer Meinung lang überfällige Auszeichnung für amerikanische Autoren wie Thomas Pynchon, Philip Roth, Don DeLillo oder Joyce Carol Oates.
(dpa, AP, N24)
08.10.2009 18:44 Uhr








