Besonders Ehrenmorde, Gewalt gegen Frauen und Folter prangert die EU an: Vier Jahre nach Beginn der Beitrittsverhandlungen mit der Türkei liegen dort weiter zu viele Reformvorhaben brach.
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Die Europäische Union hat der Türkei vier Jahre nach Beginn der Beitrittsverhandlungen erhebliche Defizite bei den Bürgerrechten und der Meinungsfreiheit bescheinigt. Die EU-Kommission prangerte in ihrem in Brüssel vorgelegten Fortschrittsbericht unter anderem sogenannte Ehrenmorde und Foltervorwürfe an. Zugleich rief die Kommission zur Öffnung der "Berliner Mauer" auf der geteilten Mittelmeerinsel Zypern auf.
"Wir erwarten, dass die Türkei ihre demokratischen Reformen wieder mit Leben erfüllt", sagte EU-Erweiterungskommissar Olli Rehn bei der Vorstellung des Jahresberichts. Sorge bereiten der EU unter anderem die Frauenrechte. "Häusliche Gewalt, Ehrenmorde und erzwungene Hochzeiten sind immer noch schwerwiegende Probleme", heißt es in dem Bericht. Die Kommission zitiert eine Regierungsstudie, nach der 39 Prozent der türkischen Frauen über körperliche Gewalt klagen und 15 Prozent über sexuellen Missbrauch.
Umgang mit Regierungskritikern nicht akzeptabel
Grund zur Sorge sind laut dem Bericht auch Vorwürfe der Folter sowie Misshandlungen durch Staatsbeamte. "Journalisten und andere Intellektuelle werden für ihre Arbeit immer noch drangsaliert", kritisierte Rehn. "Sehr enttäuscht" zeigte sich der finnische Kommissar über den erneuten Prozess gegen Literatur-Nobelpreisträger Orhan Pamuk wegen Äußerungen zur Armenierfrage. Der FDP-Europaabgeordnete Alexander Graf Lambsdorff nannte das harte Vorgehen gegen Regierungskritiker "für einen Beitrittskandidaten nicht akzeptabel".
Als "historischen Meilenstein" lobte die Kommission dagegen das Versöhnungsabkommen der Türkei mit Armenien. Am Wochenende hatten beide Länder Protokolle unterzeichnet, welche die Grenzöffnung und die Aufnahme diplomatischer Beziehungen vorsehen. Rückschläge fürchtet Brüssel dagegen bei den Verhandlungen über eine Wiedervereinigung der geteilten Insel Zypern. "Es ist ein Anachronismus, dass es immer noch eine Berliner Mauer auf Zypern gibt", sagte Rehn. Zypern ist seit einem griechisch-zyprischen Putsch und einer anschließenden türkischen Militärintervention 1974 geteilt.
Partner ja - Mitglied vorerst nein
Deutsche Unionspolitiker im Europaparlament forderten Konsequenzen aus dem Fortschrittsbericht. Sie stören sich vor allem daran, dass die Türkei das sogenannte Ankara-Protokoll weiter nicht umsetzt. Danach muss die Türkei ihre Häfen und Flughäfen für die griechische Republik Zypern öffnen. Ankara hat bereits signalisiert, dass dies nicht fristgemäß zum Jahresende der Fall sein wird.
"Die EU muss die Türkei-Gespräche aussetzen, um nicht die eigene Glaubwürdigkeit zu verlieren", forderte der Vorsitzende der CSU-Gruppe im Europaparlament, Markus Ferber. Der CDU-Gruppenführer Werner Langen bekräftigte die Forderung von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) nach einer "privilegierten Partnerschaft" mit der Türkei.
Kroatien mit den besten Karten
Zugleich legte die Kommission Fortschrittsberichte zu sieben Beitrittsinteressenten auf dem Balkan vor, darunter Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Serbien, Albanien und Montenegro. Rehn rief alle Balkanstaaten erneut zu einem entschiedeneren Kampf gegen die Korruption auf.
Als aussichtsreichster Beitrittskandidat gilt derzeit Kroatien. Rehn sagte, das Land "nähere sich nach vier Jahren intensiver Verhandlungen der Ziellinie". Eine Aufnahme in die EU gilt frühestens 2011 als möglich. Insgesamt verhandelt die EU mit neun Staaten über einen möglichen Beitritt, darunter auch Island.