Drohung gegen Sörgel

Streit nach Pechsteins Last-Minute-Diagnose

Nach der Last-Minute-Diagnose über eine "angeborene leicht kompensierte Hämolyse", die die Blutwerte von Claudia Pechstein verfälsche, ist der Streit der Experten erneut entflammt.

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"Ich bitte um Verständnis, dass ich jetzt nichts mehr sage", so Pechstein vor Beginn ihrer Berufungsverhandlung vor dem Internationalen Sportgerichtshof CAS in Lausanne.

Als Claudia Pechstein das noble Chateau de Bethusy betrat, stand ihr die Anspannung ins Gesicht geschrieben. "Ich bitte um Verständnis, dass ich jetzt nichts mehr sage", meinte die fünfmalige Olympiasiegerin kurz vor Beginn ihrer Berufungsverhandlung vor dem Internationalen Sportgerichtshof CAS in Lausanne.

Anwalt versprüht Optimismus

Ihr Anwalt Simon Bergmann versprühte dagegen Optimismus. "Wir sind zuversichtlich. Dass wir starke Hinweise auf eine natürliche Ursache für Claudias schwankende Blutwerte gefunden haben, hat uns zusätzlichen Rückenwind gegeben", sagte Bergmann in Richtung der drei Kamerateams. Vertreter des Eislauf-Weltverbandes ISU, der Pechstein nur anhand von Indizien für zwei Jahre gesperrt hatte, wollten sich nicht mehr äußern. Bevor die bislang wichtigste Verhandlung in Pechsteins Leben begann, hatte von Ruhe vor dem Sturm in ihrem Lager keine Rede sein können.

Nachdem Bergmann am Mittwoch die für den Fall möglicherweise entscheidende Last-Minute-Diagnose ("angeborene leicht kompensierte Hämolyse") öffentlich gemacht hatte, flammte der Streit mit Kritikern und Experten neu auf. Möglicherweise sieht man sich sogar vor Gericht wieder. "Natürlich gibt es Hämolysen, aber keine mit einer Periodik, die immer mal wieder gerne mit Claudia Pechsteins Auftritten bei Wettkämpfen korreliert", sagte der Heidelberger Molekularbiologe und Dopingexperte Werner Franke nicht ohne sarkastischen Unterton.

"Meinungen schwanken mehr als die Retikulozytenwerte"

Doch nicht Franke, sondern in erster Linie Professor Fritz Sörgel, Leiter des Instituts für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung (IBMP) in Heroldsberg, sieht sich derzeit dem geballten Zorn des Pechstein-Lagers ausgesetzt. "Die Vielzahl der Meinungen von Sörgel zu Claudias Blutwerten sind mittlerweile schwankender als ihre Retikulozytenwerte. Mit seinen unqualifizierten Äußerungen hat er dem Ansehen Claudias in der Öffentlichkeit sehr geschadet. Von daher werden wir nach dem CAS-Verfahren rechtliche Schritte gegen ihn prüfen", sagte Pechsteins Manager Ralf Grengel.

Sörgel, einer ihrer schärfsten Kritiker, hatte offenbar schon vor der Bekanntgabe der möglichen Ursache für Pechsteins schwankende Blutwerte geahnt, dass es eine solche geben könnte und als abwegig bezeichnet. `Ich denke, das ist absurd. Das Gesamtbild, das bei Frau Pechstein vorliegt, gibt das nicht wieder. Man muss immer wieder betonen, wenn irgendwelche Hämolyseerkrankungen oder Ähnliches im Spiel sein sollen, dann wäre das mit Sicherheit bei früheren sportmedizinischen Untersuchungen aufgetaucht. Das ist es aber nicht", hatte Sörgel der ARD gesagt.

Experten sind sich uneins

Grengel dagegen verwies darauf, dass zu dem jüngsten Befund `ein Gutachten eines seit Jahrzehnten anerkannten Spezialisten auf dem Gebiet der Hämatologie" vorliege. Grundlage dafür seien monatelange Untersuchungen. "Es ist einmal mehr typisch, dass es sogenannte Experten gibt, die in einer Ferndiagnose an diesem Befund zweifeln, ohne auch nur ein einziges Detail zu kennen. Ich empfinde ein solches Verhalten als unseriös und beschämend", sagte Grengel. Ihm sei nicht bekannt, "dass einer der Herren Hämatologe ist".

Ein anderer Experte, Doping-Analytiker Wilhelm Schänzer, gibt Grengel indirekt Recht, indem er sich zur jüngsten Enthüllung der Pechstein-Seite nicht konkret äußern will. "Das ist schwierig, ohne den Befund genau zu kennen", sagte der Leiter des Instituts für Biochemie an der Deutschen Sporthochschule Köln dem SID wenige Stunden vor Beginn des Verfahrens in Lausanne. Mit Blick auf die Verhandlung warnt Schänzer vor übertriebenen Erwartungen. "Ich sehe dem Verfahren völlig entspannt entgegen. Sollte Claudia Pechstein den Fall verlieren, würden andere Verbände sicherlich stimuliert werden, gegen auffällige Athleten vorzugehen.

Sollte sie wiederum gewinnen, wären die Verbände in Zukunft vielleicht etwas vorsichtiger. Aber aus analytischer Sicht ist für mich klar, dass es auch in Zukunft möglich sein wird, den indirekten Dopingnachweis anzuwenden", sagte Schänzer. Er verweist auf einen "Prozess" in der Welt-Antidoping-Agentur WADA: "Die WADA verfasst ja gerade erst die Richtlinien, die künftig aus analytischer Sicht bei Verfahren eingehalten werden müssen."

(Jörg Mebus und Heinz Anders, sid, N24)

22.10.2009 18:40 Uhr

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