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Wenig Euphorie

Kanzlerwahl wird Denkzettel für Merkel

Die neue Regierung ist in Amt und Würden. Doch ein Makel bleibt am Tag der Kanzlerwahl. Nicht alle Koalitionsabgeordneten stimmten für Merkel. Und auch sonst ist von Aufbruch wenig zu spüren.

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Angela Merkel und Guido Westerwelle haben mit ihren Parteikollegen wochenlang beraten, das grobe Programm steht - und das Personaltableau ebenfalls.
Schon lange war klar, dass Guido Westerwelle traditionellerweise das Außenamt übernehmen wird. Aber es gab auch einige unerwartete Personalentscheidungen.
Größte Überraschung ist Wolfgang Schäuble. Der ehemalige Innenminister wechselt ins Finanzressort - das Amt, das zuvor SPD-Mann Peer Steinbrück innehatte.
Viel spekuliert wurde über den Verbleib des CSU-Shootingstar Karl-Theodor zu Guttenberg. Nun ist es raus: Der bisherige Wirtschaftsminister übernimmt das Verteidigungsressort. Da ...
... hatte bisher Franz Josef Jung gesessen. Doch der Hesse wird nicht arbeitslos. Jung übernimmt künftig das Bundesarbeitsministerium.
Neben Wolfgang Schäubles Wechsel ins Finanzressort ist die Besetzung des Gesundheitsministeriums eine Überraschung. Der niedersächsische FDP-Wirtschaftsminister Philipp Rösler machte das Rennen. Dabei hatten ...
... viele Ursula von der Leyen (CDU) auf dem Zettel. Ihr wurden Ambitionen auf das schwierige Ressort nachgesagt. Doch bei ihr bleibt alles beim Alten: Sie führt das Familienministerium.
Das Bundesinnenministerium von Wolfgang Schäuble besetzt künftig der CDU-Mann und bisherige Kanzleramtsminister Thomas de Maizière. Seinen frei werdenden Posten als rechte Hand der Kanzlerin ...
... bekommt CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla. Er gilt schon seit langem als Angela Merkel extrem treu verbunden. Genauso treuer Merkelianer ist ...
... Norbert Röttgen, Parlamentarischer Geschäftsführer der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Das wird nun von der Kanzlerin belohnt: Röttgen rückt in die Ministerriege auf und übernimmt das Umweltressort.
FDP-Haudegen Rainer Brüderle ist im neuen Kabinett auch untergekommen. Er beerbt Guttenberg als oberster Kopf des Bundeswirtschaftsministeriums. Neben Westerwelle, Rösler und ihm haben es noch zwei weitere Liberale zu Ministerweihen geschafft: ...
Zum einen ist das Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP), die Justizministerin wird und dieses Amt bereits von 1992 bis 1996 inne hatte. Zum anderen ...
… schicken die Liberalen ihren Generalsekretär Dirk Niebel ins Kabinett. Er übernimmt das Ministerium für Entwicklung und wirtschaftliche Zusammenarbeit.
Bildungsministerin Annette Schavan ist eine treue Gefolgsfrau von Merkel. Der Lohn: Sie darf das Ressort behalten.
Im Amt bleibt auch Ilse Aigner. Mit den Bayern als Stammklientel legt die CSU Wert darauf, dass sie den Bereich Agrar/Verbraucher behält.
Einer fehlt noch - ein Neuling: CSU-Landesgruppenchef im Bundestag Peter Ramsauer. Der bayerische Mann fürs Grobe wird Bundesverkehrsminister.
Ach so, und eines ist ja sowieso klar: Angela Merkel (CDU) wird auch in der neuen Regierung Bundeskanzlerin bleiben.

Sie ist wieder Kanzlerin. Um 10.58 Uhr erfährt Angela Merkel, dass sie eine sichere Mehrheit bekommen hat. Doch glanzvoll fällt der Start nicht aus. Mindestens neun Stimmen aus dem schwarz-gelben Koalitionslager fehlen der CDU-Chefin. Das Resultat passt zu den holprigen Koalitionsverhandlungen von Union und FDP. Es kündigt sich für die wiedergewählte Bundeskanzlerin eine schwierige Wahlperiode an.

Aber zunächst einmal ist sie stolz. Als Merkel kurz nach 13.00 Uhr die Eidesformel spricht, hat sie erstmals in der Öffentlichkeit das Bundesverdienstkreuz angelegt, das sie im vergangenen Jahr verliehen bekommen hat. Dann nimmt sie auf ihrem gewohnten Sessel ganz rechts außen auf der Regierungsbank Platz. Die Abgeordneten von Union und FDP sind aufgestanden und applaudieren. Ein wenig verlegen blickt Merkel in die Runde. Bei einem Parteitag könnte sie wenigstens aufstehen und winken. Doch das geht natürlich im Bundestag an einem solchen Tag nicht, der viele Facetten hat.

Ein Routinesieg, mehr nicht

Merkel erfährt von ihrer Wahl nicht wie noch 2005 per SMS. Diesmal wird ihr das Resultat zugeflüstert. Sie steht mit Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) kurz vor elf Uhr zusammen, als der Chef der Zählkommission, Hans-Joachim Fuchtel, eilig auf Merkel zukommt. Der gewichtige CDU-Mann sagt kurz etwas. Merkel nickt. Sie ist durch.

Kurz danach teilt Bundestagspräsident Norbert Lammert offiziell das Ergebnis mit. "Mit Ja haben gestimmt 323 Mitglieder des Hauses." Der Applaus unterbricht ihn. Diese 323 Stimmen sind deutlich weniger als die 332 Sitze, die Union und FDP zusammen im 17. Bundestag haben. Im Fußball würde man sagen: Es ist ein Routinesieg, mehr nicht.

De Maizière stinkig

Merkel wirkt dennoch erleichtert: "Herr Präsident! Ich nehme die Wahl an und bedanke mich für das Vertrauen." Dann folgt die Gratulationskur mit Blumen und vielem Händeschütteln. Der erste Gratulant ist Unions-Fraktionschef Volker Kauder. FDP-Chef Guido Westerwelle will unbedingt der zweite sein.

Nach der Bekanntgabe des Wahlausgangs sind die Abgeordneten nach draußen geeilt. Das Gesprächsthema: Die neun fehlenden Stimmen. Der künftige Innenminister Thomas de Maizière (CDU) meint zu den fehlenden Stimmen aus dem eigenen Lager, dass so etwas bei "einer so großen Gruppe" immer passieren könnte. "Manche denken nicht zu Ende", fügt er aber leicht verärgert hinzu. Morgen sei es vergessen.

Neue Regierung irgendwie abgehakt

In der Tat hat es solche Kanzlerwahl-Resultate immer gegeben. Beim letzten Mal hatte Merkel sogar 51 Stimmen weniger erhalten als die große Koalition von Union und SPD Mandate hatte. Einige Abgeordnete erinnern daran, dass die schwarz-gelbe Mehrheit offenbar zu groß sei. Das verleite immer Unzufriedene - insbesondere die, die vielleicht keinen Posten bekommen hätten - dazu, Denkzettel zu erteilen. Merkel strebt nach den Gratulationen einem kleinen Nebenraum im Reichstag zu. Dort treffen auch ihre Eltern ein. "Ich bin zufrieden", sagt sie beim Hineingehen. "Wirklich."

Natürlich ist jede Kanzlerwahl ein bedeutender Tag. Aber im Plenum flirrt es nicht. Vielleicht liegt es daran, dass anders als 2005 nur eine Wiederwahl auf der Tagesordnung stand. Dass eine neue Koalition die Arbeit aufnimmt, wird von den Abgeordneten irgendwie abgehakt.

Kanzler-Gatte kommt nicht

Auch die Besuchertribüne ist im Vergleich zum 22. November 2005, als Merkel als erste Frau zur Kanzlerin gewählt wurde, erstaunlich dünn besetzt. Merkels Eltern - Herlinde und Horst Kastner - sind da. Ursula von der Leyens Ehemann hat vier der sieben Kinder mitgebracht. Die Mama winkt ihnen zwischendurch zu. Auch die Kanzlerin grüßt.

Ihr Mann, Joachim Sauer, ist wie vor vier Jahren jedoch nicht gekommen. Er verbrachte, wie zu hören war, den Tag in seinem Uni-Büro. Dafür sitzt Michael Mronz, der Lebensgefährte des neuen Außenministers Guido Westerwelle (FDP), auf der Tribüne.

Kein gemeinsamer Nenner in schweren Zeiten

Es sind Stunden der Demokratie, dieser Beginn einer Wahlperiode, wenn die Verfassungsorgane Bundestag, Bundespräsident und Bundeskanzler die neue Regierung installieren. Aber diesmal stecken wohl vielen Parlamentariern von Union und FDP die die schwierigen Koalitionsverhandlungen noch in den Knochen. Auch wissen sie, wie schwer die Wahlperiode wird, schwieriger als die der der großen Koalition. So einen richtigen gemeinsamen Nenner haben die Koalitionäre auch nicht gefunden - und die Zeiten sind schwierig.

Der Bundespräsident streut am Nachmittag im Schloss Bellevue noch Salz genau in diese Wunde. Vielen kommen ja die Versprechungen nach Steuersenkungen des Koalitionsvertrags etwas abenteuerlich vor. Kurz nachdem er den fünfzehn Ministerinnen und Ministern ihre Ernennungsurkunden überreicht hat, reiht sich Horst Köhler mit wohlgesetzten Worten in die Schar der Skeptiker ein.

Er warnte "vor unrealistischen Wachstumshoffnungen". Im nächsten Atemzug forderte er, die Begrenzung der Staatsverschuldung im Blick zu behalten. Beifall für den erkennbaren Kurs von Schwarz-Gelb ist das nicht - Angela Merkel steht eine schwere Amtszeit bevor.

(Ulrich Scharlack, dpa, N24)

28.10.2009 19:28 Uhr

Bundestagswahl - Zitate

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