20 Jahre Wende
 

Studie widerlegt Klischee

Keine Spur vom "Jammer-Ossi"

Sie jammern nicht, sind realistisch, bescheiden und verständnisvoll: Eine Studie des Rheingold-Instituts hat 20 Jahre nach dem Mauerfall das Bild vom "Jammer-Ossi" und "Ostalgiker" widerlegt.

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"Vom Osten lernen heißt, Krisen zu bestehen lernen."
Am 13. August 1961 hatten DDR-Streitkräfte unter dem Decknamen "Aktion Rose" damit begonnen, den Ostteil der Stadt mit Straßensperren aus Stacheldraht in Richtung Westen abzuriegeln.
Der Bau des "antifaschistischen Schutzwalls" besiegelte die Teilung Deutschlands, die erst am 9. November 1989 mit dem friedlich erzwungenen Fall der Berliner Mauer endete.
Am Nachmittag des 12. August um 16 Uhr unterschrieb Walter Ulbricht, Staatsoberhaupt der DDR, die Befehle, die Grenze zu schließen. Am Sonntag um Mitternacht begannen die Armee, die Polizei und die Kampfgruppen, die Stadt zu "sichern".
Es wird begonnen, die Mauer zu bauen und sie wird die Stadt für mehr als 28 Jahre in zwei Teile trennen. Straßen, die Eisenbahn, S-Bahn-Linien werden unterbrochen, U-Bahnhöfe geschlossen und sogar Friedhöfe werden nicht verschont.
Am 15. August wurden dann Betonelemente und große Hohlblocksteine erstmals verwendet. Innerhalb der nächsten Monate wurde eine Mauer aus Steinen und Betonblöcken errichtet, die erste Generation der Berliner Mauer.
Eine zweite Mauer, die Hinterlandmauer, wurde im Juni 1962 errichtet, um die Flucht in den Westen zu erschweren. Die erste Mauer wurde weiter ausgebaut und es war schwer, zwischen der ersten und zweiten Generation der Mauer zu unterscheiden.
Ab Anfang der 1970er-Jahre wurde mit der durch Willy Brandt und Erich Honecker eingeleiteten Politik der Annäherung zwischen der DDR und der Bundesrepublik Deutschland die Grenze zwischen den beiden Staaten etwas durchlässiger.
Die DDR-Propaganda bezeichnete die Mauer als antifaschistischen Schutzwall, der die DDR vor „Abwanderung, Unterwanderung, Spionage, Sabotage, Schmuggel, Ausverkauf und Aggression aus dem Westen“ schützen sollte.
Im September 1987, wird der Staatsratsvorsitzende und SED-Generalsekretär Erich Honecker von Bundeskanzler Helmut Kohl vor dem Bonner Bundeskanzleramt mit militärischem Zeremoniell empfangen.
Mit einem sozialistischen Bruderkuss begrüßt der DDR-Staatsratsvorsitzende Erich Honecker am 7.Oktober 1989 den sowjetischen Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow auf dem Ostberliner Flughafen.
Knapp einen Monat später, in der Nacht vom 9. November, auf den 10. November 1989, nach über 28 Jahren, fiel die Berliner Mauer.
Jubelnde Menschen, die mit Wunderkerzen auf der Berliner Mauer sitzen. Nach der Öffnung eines Teils der deutsch-deutschen Grenzübergänge in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 reisten Millionen DDR-Bürger für einen kurzen Besuch in den Westen.
In der folgenden Zeit wurde die Berliner Mauer Stück für Stück abgebaut und seit dem 3. Oktober 1990 ist Deutschland wieder vereint.
Fast 20 Jahre nach dem Fall der Mauer stehen nur noch wenige Originalteile, wie hier an der East-Side-Gallery im Berliner Bezirk Kreuzberg-Friedrichshain, der innerdeutschen Grenzanlagen.
Ein Schild an der Autobahn erinnert in Dreilinden an der südlichen Stadtgrenze von Berlin an die Teilung Deutschlands. In Dreilinden befand sich der einstige DDR-Grenzkontrollpunkt.
Video: Der Weg zum Mauerfall - 20 Jahre nach der Wende

Sie sind realistischer, bescheidener, verständnisvoller - und leiden zumeist still an fehlender Anerkennung: Viele Ostdeutsche fühlen sich auch 20 Jahre nach dem Mauerfall als Deutsche zweiter Klasse. Das geht aus einer in Berlin präsentierten Studie des Rheingold-Instituts hervor. Sie widerlegt auch das Klischee vom in Ostalgie schwelgenden "Jammer-Ossi". Vielmehr könnten von ihren Erfahrungen auch Westdeutsche profitieren - wenn sie denn zuhörten. "Vom Osten lernen heißt, Krisen zu bestehen lernen", sagte Instituts-Geschäftsführer Stephan Grünewald bei der Präsentation.

Gute Krisen-Bewältigungsstrategien

Gerade angesichts der Wirtschaftskrise könne der Westen von den alltäglichen Bewältigungsstrategien des Ostens profitieren. Denn der Osten habe bereits eine weitaus erschütterndere Krisenzeit durchgestanden - den Zusammenbruch eines ganzen Lebenssystems. Für die Studie "Die Ostdeutschen 20 Jahre nach der Wende" befragte das Kölner Institut im Auftrag der "Super Illu" 80 Bürger im Alter von 18 bis 70 Jahren. Gesprochen wurde in zweistündigen tiefenpsychologischen Interviews unter anderem über ihren Alltag, ihre Sehnsüchte und Ängste und das Ost-West-Verhältnis heute.

Wie Stehaufmännchen

Die Menschen im Osten hätten die Qualitäten eines Stehaufmännchens, sagte Grünewald. "Sie haben es geschafft, gravierenden gesellschaftlichen und privaten Umbrüchen zu trotzen und ein eigenes und neues Selbstbewusstsein zu entwickeln." Allerdings litten sie darunter, dass ihre Fähigkeiten immer noch viel zu wenig vom Westen wahrgenommen würden und dass alles, was seine Wiege im Osten habe, pauschal diskreditiert werde.

Zudem ärgere sie, dass die bereits gemachten Erfahrungen mit Errungenschaften wie Kleinkinderbetreuung und Ganztagsschulen nicht beachtet würden. Gipfel der Ignoranz sei es, wenn selbst in Filmen über DDR-Geschichte West-Schauspieler die Hauptrollen spielten. Dieses Gefühl der Ohnmacht schüre eine schwelende Wut. Viele fühlten sich gekränkt und enttäuscht. Offen gezeigt werde dies aber meist nicht. «Die Mehrheit der Ostdeutschen meutert eher still», betonte Grünewald.

Falsch verstandene Ost-Idealisierung

Wegen der Missachtung des Westens sei es auch zu einer Ost-Idealisierung gekommen, die aber meist falsch verstanden werde, sagte Grünewald. "Verklärt wurde und wird von den Menschen nicht das politische System oder der Unrechtsstaat, sondern der halbwegs funktionierende Alltagsbetrieb. Denn hier fanden die Menschen Halt, Rhythmus, Sicherheit, Arbeit, Gemeinschaft und kleinere Vergnügungen." Die Menschen in den neuen Ländern bezeichnete er als "Wanderer zwischen den Welten". Halt und Stabilität suchten sie durch eine Hinwendung zu einem pragmatischen Realismus und zur Familie.

Konstruktives Misstrauen

Die Menschen im Osten begegneten überzogenen Träumen mit einem konstruktiven Misstrauen und Realismus, "der sich deutlich von den oft überbordenden Glücks- und Renditeansprüchen des westlichen Maximierungsdenkens abhebt", sagte Grünewald. Denn sie hätten mehrfach erfahren, dass glorreiche Versprechungen oft zu einem ebenso enttäuschenden Zusammenbruch führen könnten. Die Finanzkrise bestätige die Haltung vieler Ostdeutscher, dass es besser sei, bescheidene und lebenspraktische Wünsche zu hegen.

Weil man häufig die unmittelbare Bestätigung in der Leistungsgesellschaft verloren habe, werde in der Familie Geborgenheit gesucht. Selbst Gruppierungen in der ultrarechten Szene zögen sich in die Geborgenheit der Gruppe zurück, die für sie häufig als Ersatzfamilie fungiere. Bei einem der Interviewtermine erschienen die Mitglieder der rechten Szene nicht allein, sondern in einer fünfköpfigen Gruppe, erzählte Grünewald. Ihr Anführer fiel durch eine Tätowierung am Hals auf. In großen Lettern stand dort: "Familie".

(Holger Mehlig, AP, N24)

30.10.2009 09:58 Uhr

Chronik: Deutsche Teilung - Deutsche Einheit

öffnenschließen8. Mai 1945 Mit dem Ende des zweiten Weltkriegs werden Deutschland und Berlin in vier Sektoren unterteilt. Für Berlin gilt: Die USA, Großbritannien und Frankreich kontrollieren den Westteil, die Sowjetunion des Ostteil der Stadt.

öffnenschließen23. Juni 1948 Mit der Währungsreform in Berlin wird die Stadt in zwei verschiedene Währungszonen gespalten.

öffnenschließen24. Juni 1948 Beginn der Berlin-Blockade: Die Sowjetunion unterbindet die Versorgung des komplett von der Sowjetischen Besatzungszone umgebene Westberlin. Die Westmächte reagieren mit der Einrichtung einer Luftbrücke. Fast ein Jahr später, am 12. Mai 1949 endet die Blockade.

öffnenschließen23. Mai 1949 Die Bundesrepublik Deutschland wird gegründet.

öffnenschließen7. Oktober 1949 Als Reaktion auf die Bundesrepublik erfolgt die Gründung der Deutschen Demokratischen Republik. Hauptstadt wird Ost-Berlin.

öffnenschließen26. Mai 1952 Die Grenzen zwischen Ost- und Westdeutschland sowie zwischen Westberlin und der DDR werden geschlossen. Die Sektorengrenzen innerhalb Berlins bleiben passierbar.

öffnenschließen17. Juni 1953 In der DDR kommt es zu einem Arbeiteraufstand. Sowjetische Panzer helfen, die Revolte blutig niederzuschlagen.

öffnenschließen11. Dezember 1957 DDR-Bürger dürfen ihr Land nicht ohne Erlaubnis verlassen. Wer sich dem widersetzt, wird von nun an mit bis zu drei Jahren Gefängnis bestraft.

öffnenschließen13. August 1961 In der Nacht vom 12. zum 13. August wird die Sektorengrenze um Westberlin komplett abgeriegelt. Gleichzeitig wird mit dem Bau der Mauer begonnen. Sie wird bis 1989 bestehen bleiben.

öffnenschließen10. September 1989 Die ungarische Regierung öffnet die Grenze zu Österreich und ermöglicht somit dort wartenden DDR-Flüchtlingen die Ausreise in den Westen.

öffnenschließen9. November 1989 Die Berliner Mauer fällt.

öffnenschließen3. Oktober 1990 Tag der deutschen Wiedervereinigung: Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes. Die Volkskammer beschließt die Auflösung der DDR.

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