Run auf Memoiren

Sarah Palin rechnet ab

Vor dem offiziellen Verkaufsstart ist das Buch der Ex-Vize-Präsidentschaftskandidatin ein Mega-Seller. Neben fleischlichen Bekenntnissen steht die Abrechnung mit McCains Wahlkampf im Vordergrund.

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Video: Abrechnung - Sarah Palin stellt Biographie vor
Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi ist immer für einen Spruch gut - und Fettnäpfchen lässt er dabei bekanntlich nur selten aus. Bei einem Besuch ...
... der obdachlos gewordenen Erdbebenopfer in den Abruzzen stellte er fest: Den in Zeltlagern untergebrachten Menschen fehle es an nichts. Sie hätten warmes Essen und medizinische Versorgung...
"Natürlich" sei ihre ihre Unterbringung "absolut provisorisch, aber man muss es eben nehmen wie ein Campingwochenende".
Geht so die südländische Frohnatur mit einer Katastrophe um oder besitzt das Staatsoberhaupt einfach kein Taktgefühl? Die Italiener werden es einzuschätzen wissen, schließlich hat sich Berlusconi schon des öfteren verbale Entgleisungen geleistet: ...
... "Ich habe zu viel Respekt vor der Intelligenz der Italiener, um zu glauben, sie könnten solche Trottel ("coglioni") sein und gegen ihre eigenen Interessen stimmen." (Über die Anhänger der Opposition, Parlamentswahl April 2006, Italien)
"Nur Napoleon hat mehr getan als ich. Aber ich bin definitiv größer." (Februar 2006)
"Ich bin der Jesus Christus der Politik. Ich bin ein geduldiges Opfer, habe mich selbst für alle geopfert." (Februar 2006)
"Gehen Sie und lesen Sie im Schwarzbuch des Kommunismus und Sie werden sehen, dass im China Maos keine Babys gegessen wurden, aber gekocht, um damit die Felder zu düngen." (März 2006)
"Nicht einmal die Wirtschaft läuft wirklich schlecht. Von meiner Villa aus habe ich eine herrliche Panorama-Sicht, die auch dieses Jahr durch den Blick auf viele Yachten besticht ...
... Niemand kann mehr Mobiltelefone, mehr Autos, mehr Fernseher sein Eigen nennen als die Italiener. Wissen sie wie viele unserer Frauen sich Schönheitsoperationen leisten können?" (In einem Interview mit "La Stampa", August 2005)
"Mussolini hat nie jemanden getötet. Mussolini schickte Menschen in Lager in den Urlaub." (Juni 2005)
"Herr Schulz, ich weiß, dass ein Mann in Italien einen Film über Konzentrationslager der Nazis produziert. Ich würde sie gern für die Rolle eines Aufsehers vorschlagen. Sie wären perfekt." Berlusconi zum deutschen EU-Abgeordneten Martin Schulz ...
… der ihn während einer Debatte im EU-Parlament kritisierte, Juli 2003.
"Ich habe ein Segelboot, aber in den vergangenen zwei Jahren war ich nur einen Tag darauf. Und in meinem Haus ...
... auf den Bermudas war ich seit zwei oder drei Jahren nicht mehr ... Mein Leben hat sich verändert …
... Die Qualität ist schrecklich geworden. Was für ein brutaler Job." (In einem Interview mit der "New York Times", Mai 2003)
"Die Klügsten können sicherlich einen zweiten Job finden, vielleicht inoffiziell." (Aufforderung an entlassene Fiat-Arbeiter, sich Jobs auf dem Schwarzmarkt zu suchen)
"Manchmal funktionieren Tretboote gut. Keine der Leichen hat sich beschwert." (Auf die Frage, warum die Polizei Tretboote benutzen muss, um schiffbrüchige Immigranten vor der Küste zu bergen, September 2002)
Berlusconi hebt bei einer Gruppenaufnahme beim EU-Gipfel hinter dem Kopf des spanischen Außenministers Josep Pique zwei Finger und macht die in südlichen Ländern gebräuchliche Geste für einen betrogenen Ehemann. (Februar 2002)
"Vor dem Gesetz sind alle Bürger gleich, aber vielleicht ist dieser hier noch ein bisschen gleicher als die anderen, angesichts der Tatsache ...
... dass ihm 50 Prozent der Italiener die Verantwortung übertrugen, ihr Land zu regieren." (Während eines gegen ihn gerichteten Korruptionsprozesses, Juni 2003)
Wie heisst es in seinem Wahlkampflied so schön? "Meno male che Silvio c'è" - Zum Glück gibt es Silvio. Immer gut für einen schrägen Spruch.
Sarah Palin wurde am 11. Februar 1964 in der Kleinstadt Sandpoint (US-Bundesstaat Idaho) als Sarah Louise Heath geboren. Im Präsidentschaftswahlkampf 2008 bewirbt sie sich an der Seite von John McCain um den Posten der Vizepräsidentin.
1964 zog Palins Familie in die frühere Goldgräberstadt Skagway in Alaska. Ihre Eltern arbeiteten in der Schule des kleinen Ortes.
Später ging sie in der Kleinstadt Wasilla zur Highschool. Dort spielte sie in der Basketballmannschaft und wurde wegen ihres aggressiven Spiels auch "Sarah Barracuda" genannt.
1984 wurde Palin auf einem Schönheitswettbewerb zur Miss Wasilla gewählt. Bei der Wahl zur Miss Alaska belegte sie den zweiten Platz.
1987 schloss Palin ihr Studium an der University of Idaho mit dem Bachelor in Journalistik ab und ging nach Alaska zurück. Dort heiratete sie ihren Highschool-Freund Todd Palin.
Das Paar bekam bis heute fünf Kinder, Track, Bristol, Willow, Piper und Trig. Trig wurde im Frühjahr 2008 mit dem Down-Syndrom geboren.
Palin gilt als bodenständig und heimatverbunden. Schon während ihrer Kindheit ging die Waffenbefürworterin mit ihrer Familie auf die Jagd oder zum Eisangeln.
Ihren Hobbys ist sie bis heute treu geblieben, dazu gehört auch das Fahren mit dem Snowmobil.
Seit 1982 ist Palin Mitglied der Republikanischen Partei. Ihre politische Karriere begann jedoch erst 1992 mit dem Einzug in den Stadtrat des 7.000-Einwohner-Städtchens Wasilla. 1996 wurde sie dort zur Bürgermeisterin gewählt.
2002 bewarb sich Palin erfolglos um den Posten des Gouverneurs von Alaska. 2006 konnte sie sich schließlich gegen ihre Konkurrenten aus der Partei und von den Demokraten durchsetzen.
Palin wurde die erste weibliche Gouverneurin Alaskas.
Als Gouverneurin führte sie unter anderem Reformen im Sozial- und Bildungswesen durch, verbesserte die Infrastruktur und unterstützte die für Alaska so wichtige Ölindustrie.
Palin setzt sich für die Erforschung des Klimawandels ein, ist aber davon überzeugt, dass dieser nicht durch den Menschen herbeigeführt wurde.
Palin gilt als äußerst konservative Republikanerin. Sie ist strikt gegen Abtreibungen und gegen Homo-Ehen. Sie tritt für das Recht auf Waffenbesitz und für die Todesstrafe ein.
Sexuelle Aufklärung im Unterricht ist für Palin ein rotes Tuch. Jugendliche sollten ihrer Meinung nach keine sexuellen Erfahrungen sammeln.
Anfang September 2008 wurde bekannt, dass ihre 17-jährige Tochter Bristol (r) ein Kind von ihrem Freund Levi Johnston (l) erwartet. Die Nachricht sorgte auf dem Nominierungsparteitag der Republikaner für Wirbel.
Im November stellt sich Sarah Palin an der Seite von John McCain zur Wahl als Vizepräsidentin der Vereinigten Staaten.
"Streit und böses Blut": Mit einem Buch meldet sich Sarah Palin in der Öffentlichkeit zurück (Archivfoto vom 04.11.2008).

Die Aufmerksamkeit der Wähler ist im politischen Wettstreit in den USA ein kostbares Gut. Nur Politiker, die als interessant wahrgenommen werden, haben bei der Wahl eine Chance. Sarah Palin, die schillernde Ex-Kandidatin der Republikaner für die Vizepräsidentschaft, beherrscht die Kunst, Menschen auf sich aufmerksam zu machen. Mit ihren provokanten Memoiren, die ab Dienstag im US-Buchhandel zu haben sind, maximiert Palin die Aufmerksamkeit für ihre Person, sie entfacht Streit und nährt Spekulationen über ihre Ambitionen bei der Präsidentschaftswahl 2012.

Zweierlei Erwartungen haben das Buch bereits vor Erscheinen zum Mega-Bestseller werden lassen: Zum einen die Hoffnung auf pikante Enthüllungen aus der schiefgelaufenen Wahlkampagne des republikanischen Kandidaten John McCain. Zum anderen die Neugier auf Details zur Weltanschauung der früheren Gouverneurin des Nordstaats Alaska, die bislang mit Kostproben ihrer politischen Weitsicht eher gegeizt hat. Insbesondere beim ersten Punkt enttäuscht Palin die Erwartungen nicht: Das Buch ist eine Abrechnung mit dem Wahlkampfteam von John McCain.

Palin beschreibt die Stimmung im Wahlkampfstab als "düster". Sofort nach ihrer Nominierung sei ihr ein Maulkorb auferlegt worden. Wenn sie Obama schärfer angreifen wollte, "wurde mir gesagt, ich soll die Klappe halten", schreibt Palin laut Buchauszügen, die vorab von US-Medien veröffentlicht wurden. Auf Wahlkampfreisen sei sie vor begleitenden Reportern abgeschirmt worden. "Die Strategie des Hauptquartiers war, dass ich nicht zu den Journalisten nach hinten ins Flugzeug gehen darf und mit ihnen rede." Immer wenn sie es versucht habe, sei der Befehl gekommen: "Haltet sie auf, wenn sie es versucht!"

Diät mit Proteinriegeln

Glaubt man McCains Beratern, gab es dafür einen Grund: Sie hätten schnell festgestellt, dass Palin grundlegende Kenntnisse in wichtigen innen- und außenpolitischen Fragen fehlten. Zwei TV-Interviews waren desaströs verlaufen, Palins Wissenslücken klafften gefährlich tief, ihre Umfragewerte stürzten ab. Palin gibt in ihrem Buch zu, dass die TV-Auftritte nicht gut gelaufen seien. Die Schuld schiebt sie aber McCains Medienberatern zu, die sie schlecht vorbereitet hätten.

Palins besonderer Zorn gilt McCains Wahlkampfchef Steve Schmidt. Dieser habe sie auf eine spezielle Diät mit Proteinriegeln setzen wollen, um ihre Konzentrationsfähigkeit zu erhöhen. Und er habe innerhalb des Teams das Gerücht verbreitet, das sie wenige Monate nach Geburt ihres letzten Kindes an postnatalen Depressionen leide.

Streit und böses Blut zählen zu den ständigen Begleiterscheinungen des Phänomens Palin. Wahlkampfchef Schmidt wehrte sich im Internet-Journal "Politico": "Das ist alles Fiktion." McCains Ex-Berater John Weaver kritisierte: "Ein solches Begleichen alter Rechnungen ist kleinkariert und albern."

Die Faszination vieler Wähler mit Palin hält freilich an. Die 1,5 Millionen Exemplare der Erstauflage sind bereits vor Verkaufsbeginn durch Vorbestellungen restlos vergriffen. Palin beginnt in dieser Woche eine Lese-Tournee durch die USA - im Bus, genauso wie bei einer Wahlkampfreise.

"Ich liebe Fleisch"

Experten sehen das als Hinweis auf weitere Ambitionen etwa mit Blick auf die Präsidentschaftswahl 2012. "Sie versucht, die Stimme der Republikanischen Partei zu werden", sagt der Politikwissenschaftler Julian Zelizer von der Universität Princeton. Der Experte Stephen Hess vom Washingtoner Brookings-Institut sagt voraus: "Mit Palin wird bei den Republikanern zu rechnen sein."

Palin definiert sich in ihrem Buch nur vage als "Konservative mit gesundem Menschenverstand". Sie stellt ihre Erfahrungen als "ganz normale Amerikanerin" heraus, die "frischen Wind nach Washington bringen" könne. Zu Palins Alltagsbekenntnissen zählen Passagen wie diese: "Ich liebe Fleisch. Ich mag Schweinshaxe, dicke Burger mit Speck, den Fettrand eines blutigen Steaks. Vor allem mag ich Elch und Karibu."

(Peter Wütherich, AFP, N24)

17.11.2009 08:02 Uhr

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