Doping-Urteil verschoben

Claudia Pechstein droht Karriere-Aus

Für Eisschnellläuferin Claudia Pechstein wird die Luft dünn. Der Sportgerichtshof CAS hat die Verkündung seines Doping-Urteils auf Ende November verschoben - für Experten ein eindeutiges Zeichen.

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Claudia Pechstein hat stets abgestritten illegale Dopingmittel genutzt zu haben. Bei ihr wurden im Februar 2009 Hinweise auf Blutdoping gefunden.
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Der kanadische Ex-Sprinter Ben Johnson galt – genauso wie sein größter Konkurrent Carl Lewis – als Ausnahmeathlet. 1988 kann Johnson Lewis bei den Olympischen Spielen in Seoul im 100-Meter-Lauf schlagen. Allerdings wird bei ihm kurz darauf …
… die Einnahme des muskelaufbauenden anabolen Steroids Stanozonol nachgewiesen. Die Sportwelt ist erschüttert. Johnson muss seine Goldmedaille an Lewis abtreten und wird zwei Jahre lang von Wettkämpfen ausgeschlossen.
Unwissentliches Doping-Opfer: Die frühere DDR-Athletin Heidi Krieger - 1986 Europameisterin im Kugelstoßen – wird seit ihrer Jugend im Rahmen des DDR-Dopingsystems so stark mit androgenen Hormonen versorgt, dass sich ihr Körper verändert.
Krieger unterzieht sich einer Geschlechtsumwandlung, wird zu "Andreas". Mit anderen betroffenen Sportlern tritt er im Jahr 2000 gegen den ehemaligen ostdeutschen Sportchef Manfred Ewald als Nebekläger auf. Ewald wird zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.
Doping konnte ihr nie nachgewiesen werden, verstummen wollten die Gerüchte diesbezüglich aber nie. Als Florence Griffith Joyner 1998 unerwartet stirbt, heizt ihr Tod die Spekulationen wieder an.
"Die schnellste Frau der Welt" hält seit 1988 mit 10,49 und 21,34 Sekunden bis heute die Weltrekorde im 100- und 200-Meter-Lauf bei den Frauen. Mit Charme, Schönheit und Extravaganz – ihr Markenzeichen waren ihre bunt bemalten Fingernägel - wurde sie ...
... zum Publikumsliebling der USA. Gerüchte, dass ihre enorme Zunahme an Muskelmasse mit der Einnahme von Anabolika und Wachstumshormone zusammenhing, hielten sich hartnäckig.
Allerdings wurde sie niemals positiv getestet.
Da strahlte sie noch – später wurde sie als erste Sportlerin im Zusammenhang mit Doping zu einer Haftstrafe verurteilt: Ex-Weltklasse-Sprinterin Marion Jones bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften 2004 in Athen nach ihrem Sieg über 100 Meter.
Vier Jahre zuvor hatte die Amerikanerin bei den Olympischen Spielen in Sydney 2000 fünf Medaillen geholt – der Höhepunkt ihrer Sportlerkarriere. Diese fand 2007 ein Ende, als Jones vor dem US-Bundesgericht zugab, zwei Jahre lang Steroide genommen zu haben
Die Vorwürfe hatte sie 2003 vor einem Untersuchungsausschuss noch abgestritten. Wegen zweimaliger Falschaussage wird Jones zu einer sechsmonatigen Haftstrafe und 800 Stunden gemeinnütziger Arbeit verurteilt. Ihre Medaillen werden ihr abgesprochen.
Sein Fall ging als die "Zahnpasta-Affäre" in die Geschichte ein. Dem Langstreckenläufer Dieter Baumann wurde 1999 bei einer Dopingkontrolle die Substanz Nadrolon nachgewiesen. Baumann, als vehementer Gegner des Dopings bekannt, beteuerte seine Unschuld.
In der Tat wurden in einer präparierten Zahnpastatube Baumanns anabole Steroide gefunden, eine von ihm eingereichte Haarprobe ist ohne Befund. Der deutsche Leichtathletik-Verband sprach den Olympiasieger von 1992 vom Vorwurf des Dopings frei.
Allerdings sperrt ihn der Internationale Leichtathletik-Verband IAAF bis Januar 2002. Danach wird Baumann 2002 noch einmal Vize-Europameister über 10.000 Meter, beendet ein Jahr später seine Karriere. Mittlerweile arbeitet er als Kabarettist.
Dreifache Europameisterin in Split 1990, ein Jahr später Doppel-Gold im 100- und 200- Meter-Lauf bei den Weltmeisterschaften in Tokio. Die Kurzstreckenläuferin Katrin Krabbe legte eine 1A-Sportlerkarriere hin.
1992 dann der Skandal: Eine Urinprobe überführt Krabbe der Einnahme des Dopingmittels Clenbuterol. Das Medikament steht zu der Zeit zwar noch nicht auf der offiziellen Dopingliste, trotzdem sperrt der Deutsche-Leichtathletik-Verband Krabbe für ein Jahr.
Wegen unsportlichen Verhaltens wird die Sperre von der IAAF bis August 1995 verlängert. Krabbes Karriere ist beendet. 2001 verpflichtet das Landgericht München die IAAF, Krabbe einen Schadensersatz in Höhe von 1,2 Millionen Mark zu zahlen.
Jan Ullrich, Tour-Sieger von 1997, verursacht 2002 einen Unfall unter Alkoholeinfluss. Im Anschluss wird er auch auf Amphetamine positiv getestet und für sechs Monate gesperrt. Ullrich führt den Befund auf die Einnahme von Ecstasy in einer Disco zurück.
Bis heute bestreitet Ullrich Vorwürfe, in den spanischen Dopingskandal kurz vor der Tour de France 2006 verwickelt zu sein. Nachdem Ullrich mit dem Arzt Eufemiano Fuentes, der mehrere Sportler gedopet haben soll, in Verbindung gebracht wird, ...
… wird der Radfahrer von der Tour ausgeschlossen. 2007 beendet er seine Laufbahn als professioneller Radfahrer, ein Jahr später wird das Doping-Verfahren gegen ihn eingestellt.
Stolz zeigt US-Sprinter Justin Gatlin bei den Weltmeisterschaften in Helsinki 2005 seine Goldmedaille. Ein Jahr später wird der Olympiasieger und Ex-Weltrekordler über 100 Meter wegen wiederholten Dopings zu einer achtjährigen Sperre verurteit.
Mittlerweile wurde die Sperre auf vier Jahre bis 2010 reduziert. Sein einstiger Weltrekord über 100 Meter wurde annuliert, ebenso wie seine Wettkampfergebnisse seit dem positiven Dopingtest 2006.
Ihr Fall beherrschte erst vor kurzem wieder die Schlagzeilen: Wegen erhöhter Blutwerte, aber ohne positiven Befunde für zwei Jahre gesperrt, darf Claudia Pechstein derzeit nicht an offiziellen Trainingsmaßnahmen teilnehmen.
Der Internationale Sportgerichtshof CAS wird voraussichtlich bis Mitte August über den Eilantrag der gesperrten Eisschnelllauf-Olympiasiegerin über die Rückkehr ins Training entscheiden.
Video: Claudia Pechstein - Pressekonferenz zu den Dopingvorwürfen - Teil 5
Video: Claudia Pechstein - Im Studio: Prof. Schänzer

Aus Zuversicht wird tiefe Bestürzung: Die Chancen von Claudia Pechstein auf die Rücknahme ihrer Zwei-Jahres-Sperre und einen sechsten Olympia-Start sind auf ein Minimum gesunken. Am Donnerstag teilte der Internationale Sportgerichtshof CAS auf seiner Homepage mit, dass mit dem Urteil und der Begründung erst am 25. November zu rechnen ist. Ursprünglich war der Richterspruch für diese Woche angekündigt worden. Damit kann Pechstein am Wochenende nicht beim dritten Weltcup der Eisschnellläufer in Hamar starten.

Ihre Anwälte hatten zuvor einen Eilantrag an den CAS gerichtet, um ihren Start bei den 5000 Metern am Samstag doch noch zu erwirken. "Fast fünf Wochen für ein Urteil zu benötigen, wie in meinem Fall, in dem es nur ein einziges belastendes und in der Wissenschaft zudem noch umstrittenes Indiz gibt, macht mich das erste Mal sprachlos. Ich möchte dieses unwürdige Hin und Her nicht mehr weiter kommentieren", erklärte Claudia Pechstein den erneuten Aufschub.

Wink mit der "Todesspritze"

Weit drastischer reagierte der Präsident der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft DESG, Gerd Heinze. "Das ist kein positives Zeichen. Das ist, als ob jemand mit der Todesspritze kommt und dann sagt, ich verschiebe das noch um zwei Wochen", erklärte Heinze. "Bei mir hört jetzt jede Toleranz auf. Die Entscheidung ist doch in den Köpfen der Richter schon lange klar. Der Aufschub ist im Sinne der sportliche Fairness nicht mehr nachzuvollziehen. Damit stellt sich die Sportgerichtsbarkeit kein gutes Zeugnis aus", griff Heinze die CAS-Richter an. "Diese erneute Geduldsprobe ist für mich in keiner Weise nachvollziehbar. Kein vernünftiger Richter würde so lange brauchen, um so etwas zu formulieren", kritisierte Heinze.

Pechstein hatte alle Hoffnungen auf Hamar gerichtet, um sich dort 286 Tage nach ihrer Sperre bei der Mehrkampf-WM an gleicher Stelle ihre Chance auf Olympia zu wahren. Kaum jemand kann im Moment davon ausgehen, dass Pechstein nun noch vom CAS entlastet wird. "Man muss die Situation so nehmen, wie sie ist, und sich damit auseinandersetzen. Aber auf jeden Fall ist es für sie wieder eine Chance weniger, sich für Olympia zu qualifizieren", erklärte DESG- Sportdirektor Günter Schumacher diplomatisch. "Für mich gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder Pechsteins Karriere ist zu Ende oder die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA bekommt größte Probleme mit der indirekten Beweisführung", sagte Manfred von Richthofen, der ehemalige Präsident des Deutschen Sportbundes (DSB).

Frustriert aufs Eis

Am Donnerstag hatten sich die Hoffnungen der 37 Jahre alten Berlinerin zerschlagen, mit der deutschen Auswahl zur dritten Weltcup-Station in Hamar zu fliegen. Bis zum Vormittag hielt sich die Athletin in Bereitschaft, um im Falle eines überraschenden Freispruchs durch den CAS doch noch in die Maschine der Norwegian Airways ab Berlin-Schönefeld steigen zu können.

Während sie danach frustriert einige Trainingsrunden auf dem Eis absolvierte, sandte ihr Anwalt Christian Krähe den Eilantrag an den CAS, um einen Start Pechsteins beim Weltcup in Hamar doch noch in Hamar zu erwirken. In der Begründung formulierte der Anwalt, dass für Pechstein definitiv ein irreparabler Schaden in Sachen Olympia-Qualifikation entstehen würde, wenn die Berlinerin beim einzigen 5000-Meter-Rennen vor den Spielen in Vancouver nicht starten könnte.

"Empfinde es als beschämend"

Die Antwort auf den Eilantrag, die vom Pechstein-Management bis zum Freitag erwartet wird, könnte nun die endgültige Richtung für das Urteil geben. Sollte der Eilantrag vom CAS abgelehnt werden, wäre es ein klares Indiz, dass die Sperre aufrechterhalten bleibt. "Gut, dass wir nochmals einen Eilantrag gestellt haben. Denn wenn dieser abgelehnt wird, weiß ich wenigstens schon einmal, was ich Mittwoch zu erwarten habe", reagierte Pechstein.

Tags zuvor hatte die Berlinerin erneut ihrem massiven Frust über die ausbleibende CAS-Entscheidung öffentlich Ausdruck verliehen. "Obwohl es für die ungeheuerliche Anschuldigung der ISU keinen Beweis gibt, warte ich nun schon fast vier Wochen auf das Urteil des CAS. Mir ist das Ganze völlig unerklärlich. Ich empfinde es als beschämend, wie ich behandelt werde", hatte Pechstein auf ihrer Homepage mitgeteilt. "Beschimpfungen der Richter sind immer der schlechteste Weg", erklärte von Richthofen dazu. "Die Richter entscheiden nüchtern, sie achten nicht auf menschliche Gefühle", sagte der Berliner.

(dpa, N24)

19.11.2009 17:28 Uhr

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