Die vergessene Krankheit
Zahl der Aids-Infektionen bleibt hoch
Auch wenn Aids zusehends aus den Köpfen der Menschen verschwindet, bleibt die Bedrohung: 2009 haben sich wieder rund 3.000 Menschen in Deutschland mit dem HI-Virus infiziert.
Die Zahl der Aids-Infektionen bleibt in Deutschland unverändert hoch: Bundesweit haben sich etwa 3.000 Menschen in diesem Jahr mit dem Immunschwächevirus HIV angesteckt, schätzt das Berliner Robert Koch-Institut (RKI). Rund 67.000 HIV-Infizierte leben derzeit in Deutschland. Die Zahl der HIV-Neuinfektionen ist seit drei Jahren in etwa stabil, wie das RKI mitteilte. Bei rund 1.100 Infizierten brach in diesem Jahr die Krankheit Aids aus. Etwa 550 Erkrankte starben. Bei den Zahlen handelt es sich um Schätzungen, die genauen Zahlen werden erst 2010 bekanntgegeben.
"Das Infektionsgeschehen hat sich in den letzten Jahren stabilisiert", sagte Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) laut einer Mitteilung. Deutschland habe die niedrigste Neuinfektionsrate in Westeuropa. Prävention und Aufklärung zu fördern, sei richtig. "Aber wir müssen gemeinsam mit unseren Partnern weiterhin hart daran arbeiten, die Zahl der Neuinfektionen zu senken."
In den 1990er Jahren lag die Zahl der Neuinfektionen in Deutschland um ein Drittel niedriger. Gründe für den Anstieg seitdem können nach RKI-Angaben ein verändertes Risikoverhalten, geänderte Therapiestandards sowie die Zunahme anderer sexuell übertragbarer Krankheiten wie der Syphilis sein. Seit 2004 scheine sich speziell die Syphilis auf einem neuen Niveau in Deutschland zu stabilisieren, was möglicherweise auch das Abflachen der HIV-Neuinfektionsrate erklären könne. Geschlechtskrankheiten wie Syphilis, Herpes und Gonorrhö könnten sowohl HIV-Infizierte ansteckender als auch Nichtinfizierte empfänglicher für das Aidsvirus machen.
Ansteckungsgefahr bei schmutzigem Drogengeschirr
Unter den HIV-Infizierten sind homosexuelle Männer weiterhin die größte Gruppe. Den RKI-Schätzungen zufolge leben bundesweit rund 41.400 homosexuelle Männer mit dem Virus. Allerdings infizieren sich weiterhin auch zahlreiche heterosexuelle Menschen. Rund 20 Prozent der Neuinfektionen dieses Jahres gehen auf heterosexuelle Kontakte zurück, schätzt das RKI. Damit blieb der Anteil der heterosexuellen HIV-Neuerkrankten im Vergleich zum Vorjahr in etwa gleich. Insgesamt gibt es rund 9.200 heterosexuelle HIV-Infizierte.
Hinzu kommen rund 8.200 Menschen, die sich durch verschmutztes Drogenbesteck angesteckt haben. Weitere 7.500 Infizierte stammen aus sogenannten Hochprävalenzregionen - also Ländern mit einer hohen Aidsrate, in denen sich die Erkrankten meist auch infizierten.
Rückgang der Infektionen weltweit
Weltweit ist dagenen die Zahl neuer Aids-Infektionen in den vergangenen acht Jahren um 17 Prozent zurückgegangen. Auch sterben heute weniger Menschen an der Immunschwächekrankheit. Dennoch leben mit 33,4 Millionen mehr Menschen als je zuvor mit dem Aidserreger HIV im Blut. Das geht aus dem Weltaidsbericht der Vereinten Nationen hervor. "Die gute Nachricht ist, dass der Rückgang, den wir sehen, zumindest teilweise auf Vorbeugung zurückgeht", sagte Michel Sdibé, Exekutivdirektor des UN-Aidsprogramms UNAIDS. Doch gingen Vorsorgeprogramme häufig auch am Ziel vorbei und müssten wirksamer ausgerichtet werden.
In den vergangenen fünf Jahren ist die Zahl der Aidstoten um mehr als zehn Prozent zurückgegangen, während immer mehr Menschen Zugang zu lebensverlängernden Aidsmedikamenten bekommen haben. Damit seien seit 1996 schätzungsweise 2,9 Millionen Menschenleben gerettet worden. Internationale und nationale Investitionen in HIV-Behandlungen hätten sich ausgezahlt, sagte WHO-Generaldirektorin Margaret Chan in Genf. "Wir dürfen diesen Schwung nicht abflauen lassen. Jetzt ist es an der Zeit, unsere Anstrengungen zu verdoppeln und viele weitere Leben zu retten." Doch sind 2008 immer noch zwei Millionen Menschen an der Krankheit gestorben.
98 Prozent der Aidstoten in Entwicklungsländern
Im vergangenen Jahr haben sich 2,7 Millionen Menschen neu mit dem Virus infiziert. In Afrika südlich der Sahara waren es 15 Prozent weniger im Vergleich zu 2001. In Ostasien gingen seitdem die neuen HIV-Infektionen um 25 Prozent und in Süd- und Südostasien um 10 Prozent zurück. UNAIDS-Exekutivdirektor Sibidé sagte, auf zwei neue Aids-Behandlungen kämen aber immer noch fünf neue Infektionen. 97 Prozent der neuen Infektionen passierten in Entwicklungsländern, wo es auch 98 Prozent der Aidstoten gebe. Der Grund sei vor allem der mangelnde Zugang zu Gesundheitsdiensten.
An vielen Orten verändere sich die Epidemie, so dass Vorsorgeprogramme sich nicht schnell genug anpassen könnten. Zum Beispiel seien die Infektionsursachen in China, wo Aids früher vor allem unter Drogenabhängigen vorgekommen ist, heute zu drei Viertel Sexualkontakte. Es gebe einen überraschend starken Anstieg der Infektionen unter männlichen Homosexuellen, die heute 32 Prozent der neuen Fälle ausmachten. Infektionen durch heterosexuelle Kontakte machten inzwischen 40 Prozent aus. Nur eine von drei HIV-Infektionen wird in China aber auch diagnostiziert. UN-Experten schilderten ferner, mangelnde Aufgeklärtheit sei ein großes Problem in China.
Chinas Gesundheitsminister Chen Zhu, der bei der Vorlage des Weltaidsberichts anwesend war, räumte ein, dass die Diagnose in China "eine großer Herausforderung" ist. Diskriminierung und Stigmatisierung müssten überwunden werden, mahnte der Minister. "Es gibt keine einfache Lösung." Die Regierung wolle im neuen Jahr größere Anstrengungen machen, um das Bewusstsein in der Bevölkerung zu verbessern, und versuchen, bestimmte Zielgruppen zu erreichen.
(dpa, N24)
24.11.2009 14:12 Uhr






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