China will Schrift ändern

Großer Wirbel um kleine Striche

Eine angeregte Reform der chinesischen Schrift sorgt derzeit in der Volksrepublik für aufgeregte Diskussionen. Lediglich 44 der 3500 Zeichen sollen verändert werden, doch das scheint schon zu viel.

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Mit der Änderung der Schriftzeichen soll den Anforderungen des Informationszeitalters Rechnung getragen werden.

Es geht nur um ein paar winzige Striche, dennoch hat eine geplante Reform der chinesischen Schrift eine große Debatte in der Volksrepublik ausgelöst. Mehr als fünfzig Jahre ist es her, dass die Führung in Peking die Schriftzeichen radikal vereinfachte. Die nun vorgeschlagenen Änderungen sind im Vergleich dazu marginal: Lediglich 44 der 3500 gebräuchlichsten Schriftzeichen sollen verändert werden, das entspricht 1,25 Prozent aller Zeichen. Damit solle den "Anforderungen des Informationszeitalters, der Entwicklung der Sprache und der Gesellschaft" Rechnung getragen werden, begründete die Regierung ihren Vorstoß.

Bevölkerung vor Änderung befragt

Acht Jahre lang arbeiteten das Bildungsministerium und das staatliche Sprachkomitee an der Reform und ließen sich dabei von Experten im In- und Ausland beraten. So soll beispielsweise das Zeichen für "cha", Tee, ein nach oben gerichtetes Strichlein verlieren - so wie es bereits in den Schaufenstern einiger Pekinger Läden geschrieben steht. Auch "xin", das Zeichen für "neu", soll künftig ohne einen aufwärts zeigenden Strich auskommen. Erstmals wurden solche Änderungen nicht einfach beschlossen, sondern die Bevölkerung per Post, Fax und Internet nach ihrer Meinung gefragt.

Mehr als 80 Prozent lehnen neue Schreibweise ab

Mit dem Wirbel, den sie mit dem Aufruf heraufbeschworen, hatte wohl keiner der Schriftreformer gerechnet. Vor allem im Internet regt sich heftiger Widerstand. In Umfragen chinesischer Internetportale lehnten mehr als 80 Prozent der Teilnehmer die neuen Schreibweisen ab. Auch wenn die Reform nur wenige Zeichen betreffe, habe sie große Auswirkungen auf Wörter- und Schulbücher sowie Schilder, argumentieren die Internetnutzer. "Die chinesischen Schriftzeichen sind ein wertvoller Teil des jahrtausendealten kulturellen Erbes", schreibt ein Kritiker aus der Stadt Shandong auf der Website sina.com. "Deshalb sollten wir sie respektieren und schützen und nicht aus einer Laune heraus verändern."

Kalligraph sieht Reform gelassen

Liu Jingbo, ein professioneller Kalligraph, sieht die Reform gelassener: "Die chinesischen Schriftzeichen stammen zwar aus alten Zeiten, aber man kann sie - gemäß bestimmter Regeln - reformieren, wenn man damit den Leuten das Leben einfacher macht." In den 50er Jahren, als die Regierung mehr als 2000 Schriftzeichen vereinfachte, war Kritik noch unerwünscht. Der Sprachwissenschaftler Chen Mengjia wurde wegen seiner Einwände gegen die neue Schreibung in ein Arbeitslager verbannt. Als er zu Beginn der Kulturrevolution 1966 auch noch öffentlich als Rechter beschimpft wurde, beging er Selbstmord.

Die Zeiten ändern sich, die Schrift bleibt

Experten werten die derzeitige Debatte als Ausdruck der engen Verbundenheit der Chinesen mit ihrer Schrift. Die Zeichen sind ein verbindendes Element für die 1,3 Milliarden Menschen in der Volksrepublik: Auch wenn sie unterschiedliche Dialekte sprechen, so verwenden sie doch alle dieselben Schriftzeichen. "Nach dem Sieg über alle anderen Königreiche ließ der erste Kaiser als eine der ersten Maßnahmen die Schrift vereinheitlichen", sagt der französische Forscher Olivier Venture. "Sie ist sehr wichtig, sie wird als der Zement empfunden, der die chinesische Kultur zusammenhält, als ein Teil der nationalen Identität.

Vieles verändert sich, aber die Schrift bleibt - auch wenn sie sich natürlich ständig weiterentwickelt." Die Kritik an der Reform lässt die Verantwortlichen im Bildungsministerium nicht unbeeindruckt. Noch sei nichts entschieden, heißt es aus dem Amt. "Wir sind Beamte und unsere Aufgabe ist es, dem Volk zu dienen", sagte Li Ningming vom Sprachkomitee im staatlichen Fernsehen. "Und wenn das Volk dagegen ist, werden wir auch nichts unternehmen."

(François Bougon, AFP, N24)

25.11.2009 09:12 Uhr

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