Zentralrat der Juden
Knobloch verzichtet auf zweite Amtszeit
Seit 2006 ist sie Zentralrats-Präsidentin, oft genug stand sie in der Kritik. Nun zieht sie die Konsequenzen und macht Platz für eine Generation, die den Holocaust nicht miterlebt hat.
Der Zentralrat der Juden in Deutschland steht vor einem Führungs- und zugleich Generationswechsel. Die 77-jährige Präsidentin Charlotte Knobloch kündigte am Sonntag vor den Spitzengremien der Organisation in Frankfurt am Main ihren Verzicht auf eine weitere Amtszeit an.
Als Favorit für ihre Nachfolge bei der Neuwahl im Herbst gilt der bisherige Vizepräsident Dieter Graumann. Der 59-Jährige wäre der erste Spitzenrepräsentant der mehr als 100.000 Juden in Deutschland, der den Holocaust nicht mehr selbst miterlebt hat.
"Uneingeschränktes Vertrauen"
Nach den Spekulationen der letzten Tage über einen Verzicht Knoblochs schuf die seit 2006 amtierende Präsidentin am Sonntag Klarheit über ihre Pläne: Auf einer gemeinsamen Sitzung von Direktorium und Präsidium des Zentralrats am Frankfurter Flughafen gab sie bekannt, dass sie ihre bis November gehende Amtszeit noch zu Ende führt, dann aber nicht noch einmal kandidiert. Das Präsidium und auch das 34-köpfige Direktorium sprachen Knobloch "das volle und uneingeschränkte Vertrauen aus", wie es in einer von der amtierenden Präsidentin vor Journalisten verlesenen Erklärung hieß.
Auf jeden Fall bis November
Dabei wurde sie von Graumann und dem anderen Vizepräsidenten Salomon Korn flankiert, die aber keinerlei Erklärung abgeben wollten. Es herrsche Übereinstimmung, dass die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland ihr Amt bis zum Ende der Wahlperiode ausüben werde, heißt es weiter in der Erklärung. Knobloch verlas sie vor der Presse, ohne Fragen zuzulassen. Sie habe beiden Gremien gegenüber erklärt, dass sie für eine weitere Wahlperiode nicht mehr zur Verfügung stehen werde.
Sofortigen Rücktritt abgelehnt
"Mit Respekt und Anerkennung haben die beiden Gremien zur Kenntnis genommen, dass die Präsidentin bewusst einen Generationswechsel herbeiführen will, den sie aktiv unterstützen und begleiten wird", endet die Presseerklärung, an der zuvor lange gefeilt worden war. In Presseberichten war zuvor von Meinungsverschiedenheiten an der Spitze des Zentralrats die Rede gewesen, zu der neben Knobloch, Graumann und Korn auch der in Frankfurt ebenfalls anwesende Generalsekretär Stephan Kramer gehört. Spekulationen über einen sofortigen Rücktritt Knoblochs war die Präsidentin aber bereits in einem Beitrag für die Samstagausgabe der "Süddeutschen Zeitung" entgegengetreten.
Arbeit mache sie "glücklich"
Darin machte sie deutlich, dass sie ihre bis Herbst laufende Amtszeit ungeachtet aufgekommener Kritik zu Ende führen will. Gerade als Zeugin der Gräuel der Naziherrschaft mache sie ihre Aufgabe als Präsidentin des Zentralrats "glücklich". Sie gebe ihr Kraft, dafür zu arbeiten, "dass jüdisches Leben in unserem gebrochenen Land wieder gelingen kann." Knobloch fügte hinzu, dafür wolle sie ihre Energie in den nächsten Jahren verwenden - "auch während meiner Amtszeit an der Spitze des Zentralrats."
Graumann gilt als Mann klarer Worte
Vizepräsident Graumann gilt für die Neuwahl im November als unumstrittener Nachfolger. Er gehört wie sein Amtskollege Korn der Jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main an. Korn hatte schon vor dreieinhalb Jahren auf eine Kandidatur als Zentralratspräsident verzichtet. Der 1950 in Israel geborene Graumann wäre nicht nur der erste Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, der erst nach der der NS-Zeit aufgewachsen ist.
Von ihm wird auch erwartet, dass er sich stärker Fragen der Gegenwart zuwenden würde. Er gilt als Mann klarer Worte vor allem im Kampf gegen Antisemitismus, Rechtsextremismus und Islamismus. Mehrfach hat er sich prononciert für ein Verbot der NPD ausgesprochen. Erst zum Jahreswechsel hatte Graumann sich kritisch zum Schweizer Votum für einen Stopp von Minarettbauten geäußert. Zugleich forderte er aber auch die muslimische Gemeinschaft in Deutschland auf, stärker gegen Antisemitismus vor allem unter jungen Leuten in ihren Reihen vorzugehen. Ansehen hat er sich auch als Verhandlungspartner der Bundesregierung in Sachen Finanzen der Jüdischen Gemeinde in Deutschland erworben.
(dpa, N24)
07.02.2010 16:26 Uhr









