Aktionismus in der Krise
CDU bremst FDP-Steuerpläne aus
Während die FDP ihr Heil in der Offensive sucht, blockt der große Koalitionspartner. Die CDU lehnte den neu erwachten Steuerreformeifer der Liberalen ab und verweist auf die Steuerschätzung im Mai.
Die CDU hält trotz des Vorpreschens der FDP am vereinbarten Zeitplan für eine Steuerstrukturreform fest. "Ich bin sicher, dass wir die abschließenden Entscheidungen über die nächsten Schritte erst im Lichte der Steuerschätzung treffen werden können", sagte CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe nach einer Präsidiumssitzung seiner Partei in Berlin. Das hätten vor drei Wochen auch die drei Parteivorsitzenden Angela Merkel, Horst Seehofer und Guido Westerwelle so festgelegt.
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Wenn die FDP ihre Pläne nun schon im April präzisieren wolle, werde die Union die Vorschläge in der Debatte sicherlich "gut aufgreifen", sagte Gröhe. Die CDU habe aber nicht vor, vorab eigene Vorschläge zu machen. Sie werde in jedem Fall die Steuerschätzung am 6. Mai abwarten. Auf dieser Grundlage werde sie dann öffentlich kommentieren, was die Zahlen für die Steuerpläne der Koalition bedeuteten.
Drei Tage nach der Steuerschätzung findet am 9. Mai in Nordrhein-Westfalen die Landtagswahl statt. Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Jürgen Rüttgers hatte am Wochenende damit gedroht, dass er Steuersenkungen auf Kosten der Kommunen im Bundesrat nicht mittragen werde, was als Affront gegen den Koalitionspartner FDP gewertet wurde.
FDP will Tempo machen
An der Sitzung des CDU-Präsidiums nahm er am Montag wegen einer Auslandsreise nicht teil. Im WDR verlangte er am Vormittag ebenfalls, die Bürger müssten vor der Wahl Klarheit über die Steuerpläne der Koalition haben. Gröhe führte das Umfragetief der FDP in erster Linie darauf zurück, dass sie mit ihrer Wahl die Erwartung eines Richtungswechsels verbunden habe. Für die Union, die seit mehr als vier Jahren die Bundeskanzlerin stelle, stelle sich die Situation anders dar. Dennoch habe er keinen Zweifel, dass es bei der FDP nach der notwendigen Klärung eine "Revitalisierung" gebe, sagte Gröhe.
Die FDP dagegen will das Reformtempo der schwarz-gelben Koalition erhöhen. Dies vereinbarten die Spitzen von Partei und Fraktion bei einer vierstündigen Sondersitzung am Sonntagabend in Berlin. Dabei ging es um den Absturz der Partei in den Umfragen und die Dauerkritik aus der Union an zentralen Vereinbarungen des Koalitionsvertrags. Man sei "gemeinsam der Meinung, dass wir die Richtung beibehalten wollen, aber das Tempo der Reformen erhöhen müssen", sagte FDP-Generalsekretär Christian Lindner am Rande der Krisensitzung im Reichstagsgebäude. Man wolle "schneller als bisher geplant jetzt die weiteren Vorhaben der Koalition konkretisieren".
Ziel bleibt die Steuerstrukturreform
Die FDP will vor allem die weiteren Schritte bei einer Steuerstrukturreform einschließlich der damit verbundenen Sparmaßnahmen schon bald konkretisieren. Die Liberalen gehen damit auf Distanz zu dem Stillhalteabkommen in der Steuerfrage, das die drei Parteichefs der Koalition vor drei Wochen mühsam gefunden hatten. Damals hatten Angela Merkel (CDU), Horst Seehofer (CSU) und Guido Westerwelle vereinbart, dass konkrete Zahlen über Steuerentlastungen und Sparmaßnahmen zur Gegenfinanzierung erst nach der Steuerschätzung Anfang Mai genannt werden sollen. NRW-FDP-Landeschef Andreas Pinkwart sagte nach der Sitzung: "Wir wollen Tempo machen, damit es wieder bergauf geht mit Deutschland - das ist die Botschaft des heutigen Abends."
FDP im Tiefenrausch
Die Krisensitzung der FDP stand unter dem Eindruck eines massiven Verlusts von Vertrauen in die Partei, die bei der Bundestagswahl noch knapp 15 Prozent erreicht hatte. In Umfragen liegt sie jetzt bei 8 Prozent. Mit einem verschärften Kurs der Eigenständigkeit will die FDP vor allem in Nordrhein-Westfalen die Stimmung zu ihren Gunsten wenden, wo im Mai ein neuer Landtag gewählt wird. Sie liegt dort in Umfragen bei sechs Prozent und strebt zehn Prozent plus X an. Verärgerung herrscht bei den Liberalen auch wegen der Dauerkritik aus der Koalition an Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) und der Absetzbewegung von Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) von einer deutlich längeren Nutzung der Atomkraft. Westerwelle bezeichnete diese Haltung als "absolut schweren Fehler".
Neuer Koalitionsstreit bahnt sich an
Noch vor der FDP-Sitzung bahnte sich neuer Koalitionsärger in der Steuersenkungsdebatte an. Nicht nur die CSU, sondern auch CDU-Vize und NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers gingen auf Distanz zur FDP. FDP-Chef Westerwelle drohte der CSU mit einer harten Reaktion, falls sie ihre Kritik nicht mäßige. Lindner sagte der "Bild am Sonntag", er habe Ungeduld und Veränderungswillen in der Bevölkerung unterschätzt. Die Chance der FDP sei, ihre Konzepte jetzt schneller als geplant konkret zu machen. Den Vorstoß Lindners, im April einen liberalen Entwurf für die Steuerreform vorzulegen, konterte CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt mit einer Warnung vor zu viel Tempo: "Wir halten gemeinsam mit der FDP am Ziel von Steuerentlastungen fest. Umfang und Schritte müssen sich an den Möglichkeiten orientieren", sagte er der "Bild am Sonntag".
(apn, dpa, N24)
08.02.2010 16:02 Uhr








