Finanzkrise überwunden?
Bernanke startet den Testballon
Mit der Anhebung des Diskontsatzes hat die Fed einen Testballon für den Ausstieg aus der Niedrigzinspolitik gestartet. Die Märkte reagierten prompt. Aktienkurse und der Euro gerieten unter Druck.
Ein überraschendes Zinssignal der US-Notenbank hat die Finanzmärkte aufgeschreckt. Erstmals seit Ausbruch der Finanzkrise ist die mächtigste Zentralbank der Welt (Fed) von ihrem Kurs abgewichen, im Kampf gegen die weltweite Finanzkrise die Zinsen weiter abzusenken. Am Donnerstagabend hatte die Notenbank den Diskontsatz von bisher 0,5 Prozent auf 0,75 Prozent angehoben. Über das "Diskontfenster" leihen sich die Geschäftsbanken bei der Fed kurzfristig Geld. Die Erhöhung ist nach Einschätzung von Volkswirten ein erster kleiner Schritt der Abkehr von den Sondermaßnahmen in der Krise.
An den Börsen gingen die Aktienkurse als Reaktion auf den Zinsschritt weltweit auf Talfahrt, der Eurokurs geriet unter Druck. Die europäische Gemeinschaftswährung sank infolge der Entscheidung unter die Marke von 1,35 US-Dollar. "Die Fed will sehen, wie die Geldmärkte inzwischen ohne die rettende Finanzstütze der Notenbank funktionieren", sagte der Londoner Analyst Marc Ostwald dem US-Radiosender NPR. "Der Schritt ist demnach ein Testballon."
Leitzins bleibt niedrig
Im Kampf gegen die Krise hatte US-Notenbankchef Ben Bernanke und seine Fed Billionen in die abstürzende US-Wirtschaft gepumpt, den Leitzins fast bis Null gedrückt und schlicht alles versucht, um die darniederliegenden Kreditmärkte wiederzubeleben. Die Senkung des Diskontsatzes im August 2007 war die erste Reaktion der US-Notenbank auf die Finanzkrise. Inzwischen erholt sich die Konjunktur moderat und auch die Lage an den Finanzmärkten verbessert sich. Zum 1. Februar liefen in den USA die meisten der Sonderprogramme aus, die die Fed zur Versorgung der Wirtschaft mit Liquidität aufgelegt hatte.
Die Notenbank erklärte ihren aktuellen Zinsschritt denn auch mit der "kontinuierlichen Verbesserung des Zustands des Finanzmarkts". Zudem bekräftigte die Fed, dass der Leitzins für einen "ausgedehnten Zeitraum" noch auf einem "außergewöhnlich niedrigen Niveau" bleibe. Eine Anhebung des wesentlich wichtigeren Leitzinses erwarten die meisten Ökonomen auf absehbare Zeit aber noch nicht, da die Konjunktur noch nicht ausreichend gefestigt sei. "Die Entscheidung ist noch nicht als ein Schritt zu einer restriktiveren Geldpolitik zu werten", sagte Commerzbank-Volkswirt Bernd Weidensteiner. Erst zum Jahresende oder Anfang 2011 wird am Markt mit einer ersten Leitzinserhöhung gerechnet.
Diskontfenster wird kaum genutzt
Die Banken machen vom "Diskontfenster" nur im Notfall Gebrauch, da sie mit der Nutzung den Märkten eine Schieflage signalisieren könnten und der Diskontzins höher als der Leitzins ist. Sie nutzten diese Möglichkeit nur zu Beginn der Finanzkrise etwas stärker. Die üppige Versorgung der Banken mit Notenbankgeld machte die Nutzung weitgehend überflüssig. Das Diskontfenster hat also eine ähnliche Funktion wie die Spitzenrefinanzierungsfazilität der Europäischen Zentralbank (EZB).
Die Volkswirte der UniCredit sehen daher in der Anhebung des Satzes einen ersten Schritt einer Ausstiegsstrategie. Sie gehen von einer Anhebung des Leitzinses frühestens im September aus. "Die Erhöhung des Diskontsatzes war nicht überraschend, sondern nur der Zeitpunkt", sagte Commerzbank-Experte Weidensteiner.
Weitere Anhebung wahrscheinlich
US-Notenbankchef Ben Bernanke hatte bereits am 10. Februar grundsätzlich eine Zinsanhebung signalisiert. Vor der Krise lag der Diskontsatz noch einen Prozentpunkt über dem Leitzins. Die Differenz zwischen dem Diskontsatz und dem aktuellen Leitzins, der zurzeit zwischen null und 0,25 Prozent liegt, ist immer noch sehr niedrig. Weidensteiner erwartet deshalb weitere Anhebungen des Diskontsatzes und erst zum Jahresende "eine richtige Leitzinserhöhung". Die Entscheidung markiere vielmehr einen Schritt beim Übergang hin zu einer "normaleren" Geldpolitik.
Auch die Experten von HSBC Trinkaus sehen nicht den Beginn einer schärferen Geldpolitik. Vielmehr sei die Erhöhung einer von vielen notwendigen Schritten, den geldpolitischen Rahmen wieder auf ein normales Maß zurückzuführen, heißt es in einer Studie vom Freitag. "Die Diskontsatzerhöhung ist positiv für den Dollar zu werten", sagte Devisenexpertin Antje Praefcke von der Commerzbank zu den Auswirkungen am Devisenmarkt. Zusammen mit zuletzt günstigen Fundamentaldaten aus den USA und eher ungünstigen Zahlen aus dem Euroraum könnte der Euro weiter unter Druck geraten.
(dpa, N24)
19.02.2010 16:22 Uhr





