Hintergrund

Darum geht's beim Piloten-Streik

Ihre Berufsgruppe verdient in Deutschland im Durchschnitt besser als Unternehmensberater oder Ärzte. Trotzdem streiken die Piloten der Lufthansa. Warum eigentlich?

Sie benötigen einen Flashplayer, mindestens in Version 8 sowie aktiviertes JavaScript.

Alternativ können Sie sich die Medien-Inhalte (Bilder und Videos) über folgende Links direkt ansehen:

Streik-Plakat von 2001: Warnstreiks der Lufthansa-Piloten hatten damals zu Flugausfällen und erheblichen Verspätungen in Deutschland geführt. Jetzt droht ein ähnliches Szenario.

Wer auf der Lufthansa-Website Flug LH4056 von München nach Neapel buchen will, bemerkt nur durch einen kleinen Hinweis, dass er eigentlich nicht mit den Lufthanseaten unterwegs sein wird: "Durchgeführt von Air Dolomiti" steht dort als Bemerkung. Die Tochtergesellschaft verbindet in Zusammenarbeit mit dem Mutterkonzern viele italienische Städte mit Drehkreuzen wie München oder Frankfurt.

Konkurrenz durch Tochterunternehmen

Genau das ist der Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit ein Dorn im Auge. Mit dem viertägigen Streik wollen die Arbeitnehmervertreter verhindern, dass der Konzern immer mehr Verbindungen aus der traditionellen Kerngesellschaft an günstigere Töchter wie CityLine, Air Dolomiti & Co. abgibt. Betroffen sind zwar nicht die großen Interkontinentalverbindungen, aber unzählige Flüge in Deutschland und Europa.

Verzicht auf Gehalterhöhung gegen Arbeitsplätze

Der Konflikt zwischen dem früheren Staatsunternehmen und den Gewerkschaften ist nicht neu: Schon in den 90er Jahren kämpfte die damalige Deutsche Angestellten-Gewerkschaft darum, Jobs in Deutschland zu behalten.

Für ihr Ziel, Arbeitsplätze beim Kernkonzern zu sichern, würden die Piloten heute sogar auf eine Gehaltserhöhung verzichten. Das Zugeständnis ist dem Management aber nicht genug: Die Nullrunde reiche nicht, "um die erforderlichen nachhaltigen Kostenverbesserungen für eine starke Stellung im Wettbewerb zu erreichen", schrieben die Vorstände Christoph Franz und Stefan Lauer im Januar 2010 in einem Brief an die Piloten.

Verluste wegen der Wirtschaftskrise

Die Branche insgesamt ächzt seit Beginn der Wirtschaftskrise 2008 mit noch höheren Verlusten als sonst. Selbst die vergleichsweise solide Lufthansa schrieb in den ersten neun Monaten des vergangenen Jahres rote Zahlen. Dem Konzern tut besonders weh, dass früher großzügige Firmen ihre Mitarbeiter oft nicht mehr in der lukrativen First oder Business Class fliegen lassen. Ein Ticket in diesen Klassen kostet ein Vielfaches des Economy-Preises. Auch bei der Beförderung von Fracht kann der Konzern bei weitem nicht mehr die Preise verlangen, die vor der Krise möglich waren.

Die Lufthansa hat deswegen ein Sparprogramm aufgelegt, um die Kosten um eine Milliarde Euro pro Jahr zu senken. Dabei hat das Unternehmen auch das Personalkosten im Blick. Kein Wunder, denn Piloten sind in Deutschland selbst im Durchschnitt besser als Unternehmensberater und Ärzte bezahlt.

Üppige Bezahlung für Arbeit im Cockpit

Wer als Pilotenschüler bei der Lufthansa anfängt, hat zwar zunächst wegen der aufwendigen Ausbildung 60.000 Euro Schulden. Doch das entspricht schon dem Jahreseinstiegsgehalt für Kopiloten. Nach acht bis zwölf Jahren ist ein Kapitänsgehalt von über 110.000 Euro in der Einstiegsstufe möglich. Ein altgedienter Lufthanseat auf dem Kapitänssessel kommt auf das Doppelte, bevor er mit 60 Jahren in den Ruhestand gehen kann. Die Lufthansa spart also allein mit der Gründung neuer Gesellschaften viel Geld, wenn die Piloten zunächst nur das Einstiegsgehalt bekommen, wie VC-Sprecher Jörg Handwerg kritisiert.

Wieviele Arbeitsplätze in den vergangenen Jahren vom Kernkonzern nach außen verlagert wurden, sehen Arbeitgeber und Arbeitnehmer naturgemäß anders. "Wir haben innerhalb der Passage faktisch ein Nullwachstum gehabt", kritisiert Handwerg. Die Manager Franz und Lauer argumentieren dagegen in ihrem Schreiben, dass die Zahl der Stellen im Bereich des Konzerntarifvertrages seit dem Jahr 2001 um 18 Prozent gestiegen sei und verweisen auf die vielen Flugzeuge, die noch zur Lieferung ausstehen.

Zukäufe im Ausland

Kritisch sehen die Gewerkschafter inzwischen auch die Käufe der Lufthansa im Ausland: Swiss, Austrian, die belgische Brussels und die britische bmi - Lufthansa ist mit zahlreichen Übernahmen ein internationaler Konzern geworden. Die Arbeitnehmer befürchten, dass auch diese neueren Töchter zunehmend Verbindungen anbieten, die bislang von Lufthansa-Piloten geflogen wurden.

Hinzu kommt die Streichung von Jobs bei den Regionalgesellschaften Eurowings und Contact Air, weil kleinere Flugzeuge abgestoßen werden. Davon sind laut Gewerkschaft allein Hunderte Piloten betroffen. Die Positionen in dem Tarifstreit sind inzwischen so verhärtet, dass es eine schnelle Einigung nicht zu erwarten ist

So kritisierte die Lufthansa kurz nach der Streikankündigung, dass die Vereinigung Cockpit ihre Forderungen nach Arbeitsplatzsicherheit mit weitgehenden Mitspracherechten bei unternehmerischen Grundsatzfragen verknüpft habe. "Diese Verknüpfung kann nicht akzeptiert werden."

Die Gewerkschaft indes zeigt sich kampfeslustig. Der viertägige Streik ist selbst nach eigener Ansicht eine harte Maßnahme, die "schwer im Magen liegt", wie Tarifexpertin Ilona Ritter sagt. Weitere Arbeitskämpfe schließt sie ausdrücklich nicht aus.

(APN)

19.02.2010 16:27 Uhr

Indizes

Aktiensuche

Tops & Flops im DAX

SchließenSchließen Artikel versenden

Name des Absenders*:

E-Mail-Adresse des Empfängers*:


Ihre Mitteilung an den Empfänger:

Es gelten unsere Allgemeinen Nutzungsbedingungen

Sie befinden sich in: Nachrichten » Wirtschaft & Börse