S-Bahn-Pannenserie
Bericht offenbart gravierende Fehler
Die Pannenserie bei der Berliner S-Bahn geht laut einem Expertenbericht auf gravierende Managementfehler zurück. Auch Konstruktionsmängel bei den Zügen spielen aber eine Rolle.
Beim S-Bahn-Chaos in Berlin bescheinigt ein Untersuchungsbericht der Deutsche-Bahn-Tochter erhebliche Managementfehler. Hinzu kämen gravierende Mängel in der Konstruktion der Fahrzeuge, erklärte die Deutsche Bahn in Berlin. Der Berliner S-Bahn-Verkehr ist nach einem Achsbruch bei einem Zug seit Monaten stark gestört, die Bahn rechnet damit, dass die Züge erst im kommenden Jahr wieder normal fahren werden. Ein Gruppe von zehn Ermittlern der Berliner Rechtsanwaltskanzlei Gleiss Lutz hatte die Probleme bei der S-Bahn im Auftrag der Bahn seit September untersucht. Sie sichteten den Angaben zufolge tausende Einzeldokumente und befragten rund 100 Mitarbeiter und Führungskräfte. Sie identifizierten dabei laut Bahn "gravierende konstruktive Fahrzeugmängel" und "erhebliche Organisationsdefizite der S-Bahn" als Ursache für die Sicherheitsprobleme.
Ausschlaggebend für den "betrieblichen Beinahe-Zusammenbruch und die noch bestehenden Betriebsstörungen" sei ein "in wesentlichen Teilen mangelhaft konstruiertes Fahrzeug" gewesen, erklärte die Bahn. Jedoch habe die S-Bahn im Umgang mit diesem Sicherheitsproblem "erhebliche Fehler" begangen. In diesem Zusammenhang spricht der Bericht auch von der "unzulänglichen Betreuung" der S-Bahn durch andere Konzernbereiche der Deutschen Bahn. Die später entdeckten, zusätzlichen Probleme mit Bremsen wiederum gingen auf "Missstände der Werkstattorganisation" zurück, die durch "Managementfehler" bei der S-Bahn verursacht worden seien, heißt es in dem Bericht. Die Ermittler kritisierten zudem, die Organisationsmängel etwa in den Werkstätten seien weder von internen noch von externen Prüfern aufgedeckt worden.
Deutsche Bahn sieht keine Schuld
Die Deutsche Bahn selbst treffe keine Schuld, erklärte der Konzern. Die zuständigen Konzerngremien seien von der S-Bahn-Geschäftsführung nicht "über das Ausmaß der von den Ermittlern aufgedeckten systematischen Organisationsmängel sowie der unzureichenden Qualitäts- und Sicherheitsorientierung" aufgeklärt worden. Der für den Personenverkehr zuständige Bahn-Vorstand Ulrich Homburg erklärte, mit dem Ergebnisbericht wolle die Bahn nun "höchstmögliche Transparenz" herstellen. Das Unternehmen setze darauf, dass bis Ende 2010 wieder ausreichend Züge für die S-Bahn in Berlin zur Verfügung stünden. Im Verlauf des Jahres 2011 solle es dann wieder ein "uneingeschränktes Verkehrsangebot" geben.
Die Bahn kündigte an, alle Fahrzeuge laufend zusätzlichen Sicherheitsüberprüfungen zu unterziehen. Die Unterlagen der Untersuchung will der Konzern der Staatsanwaltschaft "zur Klärung eventuell strafrechtlich relevanter Sachverhalte" übergeben. Zudem behalte sich das Unternehmen arbeits- und zivilrechtliche Maßnahmen vor. Verbessert werden soll die interne und externe Kontrolle der Arbeit der einzelnen Konzernteile. Zusätzlich zum bestehenden Qualitätsmanagement richtet die Bahn eine neue Einheit "Technische Revision" ein. Diese soll künftig "alle sicherheitsrelevanten Prozesse prüfen und überwachen". Die S-Bahn Berlin und die S-Bahn Hamburg sollen als Konsequenz aus den Problemen innerhalb des Bahn-Konzerns zudem neu zugeordnet werden. Sie wechseln laut Bahn zum 1. März von der DB Stadtverkehr in die DB Regio. Damit würden alle S-Bahnen unter einem Dach zusammengefasst "und die einheitlichen Qualitäts- und Sicherheitsstandards vollständig auf die S-Bahn in Berlin übertragen", erklärte die Bahn.
Ramsauer mach Bahn zur Chefsache
Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) erklärte unterdessen, die Bahn zu einem Schwerpunktthema seiner Politik machen zu wollen. Ramsauer sagte im ZDF, offensichtlich seien über eine lange Zeit "nicht die ganz richtigen Zielsetzungen verfolgt" worden. So sei bei der Bahntochter Berliner S-Bahn mehr Wert darauf gelegt worden, das Unternehmen als sogenannte Melkkuh zu betrachten, als den Bedürfnissen der Kunden nachzukommen. "Das muss sich ändern." Ramsauer sagte weiter, er sei entschlossen, zusammen mit Bahnchef Rüdiger Grube "aufzuräumen". Dazu gehörten auch staatsanwaltliche Ermittlungen und das strafrechtliche Verfolgen von menschlichem Versagen. Fehlende Wartung und Kontrollen seien "eklatante Fehlleistungen".
Ein Zurück zur Staatsbahn werde es nicht geben, betonte Ramsauer. Das Hauptziel der Politik der vergangenen zehn Jahre aber, "die Braut zu schmücken für das Börsenparkett", habe dazu geführt, dass viele Qualitätsmerkmale "hinten runtergefallen" seien. "Ich erwarte von der Bahn Pünktlichkeit, Sauberkeit, Schnelligkeit, Sicherheit, Zuverlässigkeit."
(dpa, AFP, N24)
23.02.2010 14:16 Uhr





