Medikamenten-Tafel hilft Hartz-IV-Empfängern

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Die Dülmener Tafel sorgt dafür, dass Bedürftige in der münsterländischen Stadt Medikamente zum halben Preis bekommen. (Bild: dpa)

Dülmen (dpa) - In die Apotheke vor ihrer Wohnung ist Simone Klinkenberg bei Husten, Schnupfen oder Durchfall früher selten gegangen. «Zu teuer», sagt die 49-Jährige, die mit ihrem Sohn Simon in Dülmen wohnt und wegen eines Gehirntumors nicht mehr arbeiten kann.

Wegen der Geldnöte ist Klinkenberg mittlerweile Expertin für alternative Medizin. «Bei Halsschmerzen hilft Salbeitee, bei Erkältung Zwiebelsaft und bei Durchfall ein geriebener Apfel», erklärt sie. Manchmal haben diese Hausmittel geholfen. «Manchmal aber auch nicht.» Dann wurde aus einer kleinen Erkältung schnell mal eine schwere Grippe, die sie oder ihren Sohn tagelang ans Bett fesselte.

Mittlerweile ist das anders. Wenn sie oder Sohn Simon heute krank werden, geht Klinkenberg jetzt sofort in die Apotheke. Denn für ihre Medikamente muss sie dort nur noch die Hälfte zahlen. Möglich macht das die Dülmener Tafel, die Bedürftige seit Jahren mit Lebensmitteln versorgt. Seit Oktober erhalten Tafel-Kunden mit einem entsprechenden Ausweis auch rezeptfreie Medikamente in allen zehn Apotheken der Stadt zum halben Preis. Die andere Hälfte zahlt ein privater Sponsor. Ein Konzept, das so ähnlich in Deutschland nur noch von einer Tafel in Stuttgart angeboten wird und abseits der heftigen Debatte um die Neuregelung der Hartz-IV-Sätze zeigt, wie mit Bürger-Engagement auch Hilfsbedürftige notwendige Medikamente bekommen können.

«Der Bedarf ist seit 2004 groß», sagt die Dülmener Apothekerin Bettina Schmitt. Damals hatte die rot-grüne Bundesregierung die Gesundheitsreform beschlossen. Krankenversicherte müssen seitdem Medikamente, die nicht verschreibungspflichtig sind, selbst bezahlen. Für Schmitt steht außer Frage: «Viele Menschen können sich die Medikamente nicht leisten.» Eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung scheint ihr Recht zu geben. 20 Prozent der befragten Empfänger von Hartz IV berichteten darin, dass sie rezeptfreie Medikamente nicht mehr bezahlen können.

Simone Klinkenberg bekommt im Monat rund 714 Euro Rente vom Staat. Mit Wohn- und Kindergeld stehen ihr rund 1000 Euro zur Verfügung. «Davon muss ich Miete, Strom, Heizung, Versicherung, das Telefon, Kleidung und Essen für mich und meinen Sohn zahlen.» Für Medikamente sieht ihr Regelsatz zwar monatlich 15 Euro vor. «Das geht aber immer für anderes drauf.» Für Apothekerin Schmitt ein nicht hinnehmbarer Zustand. «Die Politiker haben damals anscheinend nicht darüber nachgedacht, dass der Verzicht auf diese Medikamente dramatische Entwicklungen nach sich ziehen kann.» Eine Erkältung könne sich, wenn sich die Verschleimung nicht löst, zur Lungenentzündung entwickeln.

Vorbild für Dülmen war das Stuttgarter Modell, wie Yvonne Redmann, Vorsitzende der Dülmener Tafel, sagt. Dort können Bedürftige seit 2007 rezeptfreie Medikamente mit 25 Prozent Rabatt beziehen, nachdem man gemerkt hatte, dass immer mehr Tafel-Kunden an Lungenentzündungen erkrankten. «Wir haben uns dann in Dülmen mit Apothekern und Ärzten zusammengesetzt und eine Medikamentenliste erstellt, für die wir die Kosten übernehmen wollen», sagt Redmann. Rund 50 Medikamente sind bisher erfasst, darunter Fieber- und Schmerzmittel, sowie Präparate gegen Pilzerkrankungen, Kopfläuse oder Heuschnupfen.

Etwa 60 Menschen haben das Angebot bereits in Anspruch genommen. «Dafür müssen sie zunächst ihre Bedürftigkeit nachweisen», sagt Redmann. Wer im Krankheitsfall von einem Hausarzt ein Privatrezept bekommt - ein Rezept also, das von den Krankenkassen nicht erstattet wird - kann damit zur Tafel gehen und es sich abstempeln lassen. «In der Apotheke zahlen sie bei Vorlage dann nur noch den halben Preis.»

Der Sozialwissenschaftler Peter Grottian von der Freien Universität Berlin sieht in dem Angebot aber kein Modell, das nach dem Vorbild der 860 Lebensmittel-Tafeln eine Versorgung der Ärmsten mit rezeptfreien Medikamenten in Deutschland gewährleisten kann. «Hier läuft in jedem Fall etwas schief. Menschen, die offenkundig krank sind, können die notwendigen Medikamente nicht bekommen.» So ein Angebot könne nur eine Ersatzlösung sein, sagt Grottian. «Hier ist aber eigentlich der Gesetzgeber gefragt.»

(DPA)

25.02.2010 16:16 Uhr

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