Missbrauch an Internat
Leiterin der Odenwaldschule entschuldigt sich
Während immer mehr Missbrauchsfälle an der hessischen Odenwaldschule bekannt werden, hat sich die Leiterin des Internats entschuldigt. Die Politik diskutiert über längere Verjährungsfristen.
Der Missbrauchsskandal an deutschen Schulen weitet sich aus und hat auch eine politische Diskussion über Verjährungsfristen ausgelöst. An der Odenwaldschule im südhessischen Heppenheim wurden noch mehr Missbrauchsfälle bekannt. Es hätten sich vier weitere Ex-Schüler gemeldet, sagte die Direktorin des Internats, Margarita Kaufmann. Darunter sei auch eine Frau. "Ihre Erfahrungen waren so schlimm, dass sie am Telefon weinte." Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) will am 23. April einen Runden Tisch gegen Kindesmissbrauch starten. Dabei sollen unter anderem Fragen der Hilfen für die Opfer sowie vorbeugende Maßnahmen erörtert werden, wie das Ministerium mitteilte.
Die Leitung der Odenwaldschule entschuldigte sich für den sexuellen Missbrauch von Schülern in den 70er und 80er Jahren öffentlich. "Das Leid können wir nicht mehr gut machen", sagte Kaufmann. "Aber wir können sagen, wir sehen und wissen, dass es Leid war." Sie rief zugleich ehemalige Schüler aus den Jahren 1970 bis 1985 auf, sich wegen eines möglichen Missbrauchs zu melden. Dafür werde die Schule eine "Hotline" einrichten.
Insgesamt sind bislang 24 Missbrauchsfälle bekannt, wie Kaufmann sagte. Berichte über weit höhere Zahlen - die "Frankfurter Rundschau" hatte am Wochenende von bis zu 100 Opfern gesprochen - könne sie nicht bestätigen. Die Schulleiterin wies zugleich den Vorwurf der "Verschleierung" zurück, räumte jedoch ein, das Internat habe bei den Fällen nicht "aktiv" recherchiert.
Akten inzwischen vernichtet
Bei der Staatsanwaltschaft Darmstadt war bereits im August 1999 eine Strafanzeige gegen den damaligen Internatsleiter eingegangen. Ermittlungen gab es wegen der Verjährung der Vorfälle aber damals nicht. Nach einem Bericht der "Frankfurter Rundschau" erwägen ehemalige Schüler eine Verwaltungsklage gegen das Land Hessen, um Versäumnisse der Politik aufzudecken.
Der Sprecher der Darmstädter Staatsanwaltschaft, Ger Neuber, bestätigte, dass ein früheres Verfahren wegen Missbrauchs an der Schule eingestellt worden sei. Details könne er nicht nennen, "da die Akten inzwischen vernichtet wurden".
Längere Verjährungsfristen bei sexuellem Missbrauch?
CSU-Chef Horst Seehofer und die bayerische Justizministerin Beate Merk (CSU) sprachen sich - wie bereits am Sonntag Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) - für eine längere Verjährungsfrist bei sexuellem Missbrauch aus. Die strafrechtliche Frist solle künftig bei mindestens 30 Jahren liegen, sagte Merk in München. Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) steht solchen Forderungen skeptisch gegenüber. "Ich glaube nicht, dass es das Allheilmittel ist", sagte sie im Deutschlandradio.
Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL), Josef Kraus, forderte Sonderbeauftragte in allen Bundesländern, um mögliche Missbrauchsfälle an Schulen lückenlos aufzuklären. "Die Kultusminister haben die verfassungsrechtliche Pflicht, Fälle sexuellen Missbrauchs an Schulen rasch aufzudecken und an die Justiz weiterzuleiten", sagte er der "Neuen Osnabrücker Zeitung".
Hedwigschwestern kündigen "offensive Aufklärung" an
Der Philologenverband kritisierte indes Schavans Vorstoß, sich mit den Kultusministern und Lehrerverbänden Maßnahmen zu überlegen. "Das ist der typische Aktionismus-Reflex der Politik auf solche Vorfälle. Entscheidend ist, wie jede einzelne Schule mit diesem Thema umgeht, nicht was Kultusminister dazu Kluges sagen, die sich morgen schon wieder anderen Themen zuwenden", sagte der Bundesvorsitzende, Heinz-Peter Meidinger. Er warnte vor einem Generalverdacht. Angesichts von 42.000 Schulen und 800.000 Lehrkräften in Deutschland sei die jetzt genannte Zahl betroffener Einrichtungen Gott sei Dank sehr gering, auch wenn sicherlich noch weitere Fälle ans Licht kämen.
Nach dem Missbrauchsvorwurf gegen eine Nonne aus einem Berliner Kinderheim kündigte der katholische Orden der Hedwigschwestern eine "offensive Aufklärung" an. "Die Ordensgemeinschaft will den Vorwurf ernsthaft prüfen, sich damit auseinandersetzen und den Fall aufklären", sagte Sprecher Thomas Gleißner. Man habe mit der mutmaßlichen Täterin gesprochen, die die Vorwürfe bestreite. Eine ehemalige Bewohnerin des Heims, die heute 60 ist, hatte in der ZDF-Sendung "Mona Lisa" am Sonntag berichtet, dass sie in den 50er und 60er Jahren von einer Nonne über Jahre hinweg missbraucht worden sei.
(dpa, N24)
08.03.2010 17:03 Uhr








