Missbrauch unterm Kreuz

Hunderte Fälle in Österreich und Niederlanden

Der Missbrauch von Kindern und Jugendlichen in der katholischen Kirche ist kein deutsches Phänomen. Auch in Österreich und den Niederlanden haben sich inzwischen Hunderte Betroffene gemeldet.

Nach dem Missbrauchskandal in Einrichtungen der katholischen Kirche in Deutschland sind jetzt auch auch Fälle im benachbarten Ausland bekannt worden. In den Niederlanden werden neben zahlreichen Priestern erstmals auch Nonnen beschuldigt, sich an kleinen Jungen vergangen zu haben. In Österreich kommen ebenfalls immer mehr Jahrzehnte zurückliegende Fälle von Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche ans Tageslicht. Keinen Missbrauchs-, sondern Misshandlungsvorwürfen sieht sich unterdessen das evangelische Sozialwerk Diakonie ausgesetzt. Die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft ermittelt gegen 17 ehemalige Mitarbeiter eines Tochterunternehmens der zur Diakonie Rheinland gehörenden Graf-Recke-Stiftung. Sie sollen Autisten gequält haben.

Von Ordensschwestern missbraucht

Mehr als 200 mutmaßliche Opfer von sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche der Niederlande legten bislang Beschwerden bei Behörden und Hilfsorganisationen ein. Die Aufdeckung sei auch durch den Missbrauchsskandal in Deutschland gefördert worden, hieß es in Medienberichten. In der Zeitung "De Telegraaf" schilderte ein heute 63-Jähriger, wie er als knapp Elfähriger von Ordensschwestern in der katholischen Internatsschule "De Munt" in Tegelen unweit der Grenze zu Nordrhein-Westfalen sexuell missbraucht wurde.

Ein Geistlicher gestand in der Zeitung "De Limburger" ein, dass er im Jungenpensionat "St. Maria ter Engelen" mehrfach Zeuge von Kindesmissbrauch durch Priester geworden sei. Kirchenführer in den Niederlanden befürworten eine unabhängige Untersuchung aller Vorwürfe und Verdachtsmomente. Dies wäre "der beste Weg, den Erwartungen der Opfer gerecht zu werden", sagte der Vorsitzende der niederländischen Bischofskonferenz, der Rotterdamer Bischof Ad van Luyn.

Klosterleiter gesteht Missbrauch

In Österreich bestätigte das Internat des Privatgymnasiums des Bregenzer Zisterzienser-Klosters Mehrerau im Vorarlberg einen Missbrauchsfall und körperliche Gewalt in den 1980er Jahren. Ein Fall damals sei nicht angezeigt worden, sagte der Mehrerau-Abt Anselm van der Linde den "Vorarlberger Nachrichten". Der Pater habe damals seine Tat gestanden und die Kirche ihn nach Tirol versetzt. Dort habe der heute 74-Jährige eine Therapie gemacht und arbeite weiter als Priester. 2001 habe dann ein weiterer Geistlicher seines Klosters einen drogensüchtigen Jungen in Innsbruck missbraucht. Er sei sofort suspendiert und vor Gericht verurteilt worden.

In Salzburg hatte am Montag Erzabt Bruno Becker einen einmaligen sexuellen Missbrauch eines Minderjährigen vor mehr als 40 Jahren zugegeben und seinen Rücktritt erklärt. Er habe sich bei dem Betroffenen entschuldigt und bedauere seine Tat noch heute aufs Tiefste. In einer Pressekonferenz des Stifts wurden Ausmaß und Hintergründe der Tat klar: Der damals angehende Priester Becker soll erfahren haben, dass der Elfjährige bereits von zwei anderen Ordensbrüdern missbraucht wurde. Daraufhin bat er ihn unter Vorspiegelung von Hilfe zu einem Gespräch, wo er sich dann selbst an dem Jungen verging. Becker sei selbst als Kind sexuell missbraucht worden, hieß es.

Autistische Kinder misshandelt

Bei den Vorwürfen gegen das evangelische Sozialwerk Diakonie in Düsseldorf gehe es um körperliche Misshandlung von Schutzbefohlenen und Freiheitsberaubung, sagte Staatsanwalt Johannes Mocken. Die Mitarbeiter hätten bei autistischen Kindern "zweifelhafte Behandlungen" angewandt und diese auf Video gebannt. Die Kinder, die körperlichen Kontakt nicht ertragen können, seien "teilweise stundenlang umklammert" oder an Stühlen festgebunden worden. Bei Gegenwehr sei ihnen das Essen entzogen worden. Zum Teil seien Kinder über mehrere Tage eingesperrt worden.

Die Staatsanwaltschaft wertet derzeit rund 200 Stunden Videomaterial aus. Wie viele Kinder gequält wurden, war zunächst unklar. Über die Ermittlungen gegen die früheren Mitarbeiter der Stiftungstochter Educon hatte die ARD am Montagabend berichtet. Educon betreibt Schulen und unterhält Wohngruppen für behinderte und verhaltensauffällige Kinder im Großraum Düsseldorf.

(dpa, N24)

09.03.2010 16:12 Uhr

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