Winnenden-Amoklauf

Stilles Gedenken zum Jahrestag

Winnenden in Trauer: Schüler, Eltern und Lehrer der Albertville-Realschule haben der Opfer des Amoklaufs vor einem Jahr gedacht. Bundespräsident Horst Köhler sprach den Trauernden Mut zu.

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Vor der Albertville-Realschule in Winnenden legen Schüler Steinplatten mit den Namen der Opfer des Amoklaufs nieder.
Video: Gedenkfeier - Ein Jahr nach Amoklauf von Winnenden
Video: Ein Jahr nach Winnenden - Im Studio: Dr. Peter Neu, Psychiater
Video: Winnenden ein Jahr danach - Gedenken an den Amoklauf
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Gräueltat in Winnenden: Ein ehemaliger Schüler der Albertville-Realschule erschoss am 11. März 2009 15 Menschen, anschließend sich selbst. Er sei ein Angeber gewesen, sagen manche. Andere beschreiben ihn als Einzelgänger.
Die Polizei war zwar sofort am Ort des Geschehens, für die Opfer jedoch kam jede Hilfe zu spät.
Mitschüler legten Blumen nieder und zündeten Kerzen an. Sie entgingen nur knapp den tödlichen Schüssen des Amokläufers, dessen Familie …
… von Augenzeugen als "sympathisch" beschrieben wurde.
Andere versuchten ihren Schmerz über diese Tragödie in Worte zu fassen und berichteten von den tragischen Zuständen.
Für diejenigen, denen es sehr schwer fiel mit den Verlusten umzugehen, standen Notfallseelsorger bereit.
In diesem Haus wohnte der Täter. Seine Eltern sollen legal ein ungesichertes Waffenarsenal zu Hause gehabt haben.
Eine der Waffen fehlte bei der Durchsuchung des Hauses. Ob der Vater des Täters dafür in Haft muss, ist noch unklar.
Ein großer Schock für die Angehörigen der Opfer. Aber auch Mitschüler und deren Eltern waren fassungslos.
Die schrecklichen Spuren des Amoklaufes: Abgedeckte Leichen liegen auf dem Rasen vor dem Schulgebäude und …
… die Polizei begann mit dem Sammeln von Spuren. Vom Täter fehlte zu der Zeit, zu der dieses Foto entstand, noch jede Spur.
Währenddessen suchte das Spezialeinsatzkommando der Polizei den Täter. Dieser erschoss auf der Flucht noch einen Mitarbeiter der nahegelegenen Psychiatrie und ...
… zwang einen Autofahrer dazu, ihn einsteigen zu lassen. Nachdem er als nächstes in einem VW-Autohaus seine zwei nächsten Opfer erschoss, kam er selbst ums Leben.
Er schoss auf alles was ihm vor die Augen kam. Kamerateams versuchten, die schrecklichen Geschehnisse …
… in Bildern festzuhalten.
Auch ein Jahr nach der Tat fragt sich Winnenden, Politik und Gesellschaft: Was trieb den Jugendlichen dazu, ...
… so grausam mit seinen Mitmenschen abzurechnen?
Die Reflexe waren die bekannten: Killerspiele, die Tim K. gespielt haben soll, wurden verantwortlich gemacht. Auch ...
... das Waffenrecht kam auf den Prüfstand. Einige Änderungen hat es gegeben, doch ...
... vielen waren die Konsequenzen nicht weitreichend genug.
Und an der Albertville-Schule selbst? Die Realschule blieb zunächst geschlossen. Sie soll nun von Grund auf renoviert werden. Der Unterricht findet bis auf Weiteres in Containern nahe der Schule statt.
In Winnenden herrscht nach dem Amoklauf Ohnmacht und blankes Entsetzen. Das, was die Trauernden jetzt quält, ist die Frage nach dem Warum?
Mit einem ergreifenden ökumenischen Gottesdienst haben etwa tausend Menschen der 16 Opfer gedacht.
Der evangelische Landesbischof Frank Otfried July sprach von einem "furchtbaren, blutigen Tag".
Es mache sprachlos, "dass das hier in Baden-Württemberg, hier in Winnenden geschehen ist, und nicht auf fernen Fernsehbildern", sagte er und fügte an: ...
"Der Tod hat Einzug gehalten in hässlicher und brutaler Form hier in Winnenden."
Er habe in die Gesichter derer geblickt, die schwere Schläge empfangen haben. "Man kann nur erahnen, was dort in ihrem Inneren geschieht", sagte der Bischof.
Das Einzige, was für die Menschen jetzt in Winnenden zählt, ist der Zusammenhalt.
Dutzende Trauernde fanden sich nach dem Blutbad zu einer Mahnwache vor der Realschule zusammen.
Mit hunderten Kerzen gedachten sie der Opfer.
Die Trauernden hatten Kuscheltiere, ...
... Porzellanfiguren, ...
... Frühlingsblumen und ...
... rote Rosen niedergelegt.
Auf einem von vielen Pappschildern stand: "Warum? Wieso? Weshalb?"
Diese Fragen werden Winnenden noch lange beschäftigen.
Das Schlimmste für die Hinterbliebenen ist die Gewissheit, dass die Opfer keine Chance hatten, ihren eigenen Weg zu gehen.
"Ich bin hier, um um meine Freundin zu trauern", sagte eine Schülerin der 8. Klasse.
Ihre Freundin starb im Klassenzimmer über ihr.
Eine andere Schülerin, die ebenfalls eine Freundin verlor berichtet: "Es ist schrecklich, wir haben uns jeden Tag gesehen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie nicht mehr da ist."
Beide Mädchen kommen aus dem selben Ort wie der Täter und beschrieben diesen als ganz normalen, ...
... etwas zurückgezogenen Jungen, der aber ein Einzelgänger gewesen sei.
Und auch die beiden wird die Frage nach dem Warum? noch lange beschäftigen.
Die Direktorin des Erfurter Gutenberg-Gymnasiums, Christiane Alt, hat nach dem Blutbad von Winnenden dazu aufgefordert, den Betroffenen Ruhe und Rückzugsmöglichkeiten zu gönnen.
"Ich weiß, was die Betroffenen noch nicht ahnen können: ...
... Welch langer Prozess vom Aufstehen bis zum wieder Gehen lernen vor ihnen liegt", sagte Alt.
Eins steht fest: Schüler, Lehrer und die Angehörigen von Opfern brauchten Zeit, ...
... um das Unglaubliche akzeptieren zu können.
Was die Betroffenen in Winnenden wohl am meisten brauchen, ist Schutz vor Voyeurismus und Neugier.
Trauer ist ein sehr individueller Prozess, ...
... der Jahre in Anspruch nehmen kann. Gerade, wenn die Opfer auf solch tragische Weise um ihr Leben betrogen wurden wie in Winnenden.
Für die Betroffenen ist die Situation die Hölle.
Das was sie jetzt brauchen ist eine leise Hilfe, ohne sie zu behelligen.
Aber auch für die Eltern des Täters hat das Leben eine jähe Wendung genommen.
Weder sie, noch Bekannte haben eine Erklärung für die Tat von Tim K.
Menschen, die Tim K. kannten, beschrieben ihn als sehr anständig, ruhig und nicht aggressiv.
Eine Ladenbesitzerin sagte nach der Tat: "Ich fühle mit Frau K. ganz arg mit. Sie hat ihren Sohn verloren. Er hat etwas gemacht, was keiner nachvollziehen kann."
Und letztlich bleibt auch hier die Frage: Warum?
Es war nicht das erste Schulmassaker, ...
... aber es war das brutalste und blutigste.
Am 20. April 1999 liefen zwei Schüler der Columbine High School in Littleton, (Colorado) Amok.
Eric Harris (18) und ...
... Dylan Klebold (17) ermordeten dabei zwölf Schüler im Alter von 14 bis 18 Jahren und einen Lehrer.
Außerdem verwundeten sie 24 weitere Menschen und töteten anschließend sich selbst.
Bei der Suche nach Erklärungen wurde auf Computerspiele wie Ego Shooter verwiesen und auf angeblich zu Gewalt auffordernde Texte von Schock-Rockern wie Marilyn Manson (Bild).
Am Ende blieb Ratlosigkeit: Warum die beiden Schüler Amok liefen, ist bis heute nicht wirklich geklärt.
Am 20. April 1999, einem Dienstag, gegen halb zwölf vormittags stürmen der 18-jährige Eric Harris und der 17-jährige Dylan Klebold auf das Gelände der Schule in der Kleinstadt Littleton bei Denver.
Sie tragen schwarze Trenchcoats und sind schwer bewaffnet.
Schon auf dem Parkplatz eröffnen sie das Feuer.
Eigentlich wollen sie in der voll besetzten Cafeteria Sprengsätze hochgehen lassen und dann die Fliehenden abknallen, wie später die Ermittlungen ergeben.
Doch die meisten Bomben "Marke Eigenbau" zünden nicht. Da schießen sie kaltblütig um sich, erst in der Cafeteria, dann in anderen Gebäudetrakten.
Als Einsatzkommandos in die Schule eindringen, sind sie tot.
Das bis dahin folgenschwerste Massaker an einer Schule und ...
... der Rettungseinsatz wurde live und in Farbe stundenlang im Fernsehen übertragen.
Das Ende der Illusion, ...
... dass es in den Schulen der Vorstädte und Landgemeinden noch friedlich und sicher zugeht.
Columbine ist zum Inbegriff des Amoklaufs an einer Schule geworden und ...
... wurde anderen verwirrten jungen Männern zum Vorbild.
So berief sich der 23-jährige Cho Seung-Hoi, der 2007 an der Universität Virginia Tech 32 Menschen niedermetzelte, auf "Märtyrer wie Eric und Dylan".
Auch der 18-jährige Finne Pekka-Eric Auvinen, der im selben Jahr an einer Schule in Tuusula acht Menschen umbrachte, widmete den beiden E-Mails und Beiträge auf einer Website.
Nachfolgende Täter, von einer Art Konkurrenzdenken getrieben, beziehen sich immer vor allem auf Columbine.
Was Harris und Klebold letztlich zu Mördern machte, bleibt ein Rätsel.
Ein Tagebuch liefert angeblich Anhaltspunkte für mögliche Motive:
Rache für erlittene Schmach, der Wille, sich von anderen abzuheben, und eine verworrene Nazi-Ideologie. Demnach wurde das Massaker ein Jahr lang gezielt für den 20. April, Hitlers Geburtstag, geplant.
Aber schon an dieser Stelle gehen die Interpretationen auseinander: Zwar war Harris vom Genozidgedanken Adolf Hitlers angetan, aber der Anschlag war für den 19. April geplant.
Er sollte an die Waco-Belagerung von 1993 erinnern, bei der 76 Menschen im Feuer starben, wie auch an die Oklahoma-City-Bombardierung von 1995.
Da aber nicht alle Waffen rechtzeitig besorgt werden konnten, fand der Amoklauf erst einen Tag später statt.
Auch die Theorie, dass es ein Vergeltungsschlag gegen einzelne Schüler war, wird angefochten.
Harris und Klebold hatten eigentlich vor, die ganze Schule mitsamt der 2000 Schülern und der Lehrerschaft in die Luft zu sprengen.
Da die 10 Kilo schweren Propangasbomben, die sie in der Cafeteria versteckt hatten und deren Detonation die flüchtenden Mitschüler vor ihre Gewehre getrieben hätte, wegen eines technischen Defekts nicht hochgingen, ...
... mussten sie entgegen ihres Plans den blutigen Gang durch die Schule antreten.
Ein weiterer Umstand verfälscht die Darstellung der möglichen Motive der Tat. Viele der Schüler, die in einem Park gegenüber der Schule der Presse Rede und Antworten standen, ...
... kannten Eric Harris und Dylan Klebold nicht und gaben vor allem das wieder, was sie von den Radio- und Fernsehstationen zuvor aufgeschnappt hatten.
Viele Leute wünschen sich eine einfache Antwort auf das Warum in der Hoffnung, dass es dann auch eine einfache Lösung gibt.
In der Regel sind die Auslöser für Amokläufe eher komplexe Kombinationen umgebungsbedingter, familiärer und individueller Faktoren, die sich von Täter zu Täter unterscheiden.
Der amerikanische Regisseur Michael Moore nimmt den Amoklauf an der Columbine-Highschool in Littleton zum Ausgangspunkt für seinen Oscar-gekrönten Film "Bowling for Columbine" (2002).
Ausgehend von diesem Vorfall liefert Michael Moore eine kritische, teils satirische Bestandsaufnahme über Waffenbesitz und -gebrauch, ...
... den Einfluss von Politik und Medien sowie der einflussreichen Waffenlobby in Amerika, ...
... einem Land, das in Friedenszeiten mehr als 11.000 Waffentote jährlich zu beklagen hat.
Nach dem Massaker wird von den Eltern der Opfer die mangelnde Untersuchung des Falls beklagt.
So sei deutlichen Indizien nicht nachgegangen worden, die bereits im Vorfeld auf den Amoklauf hinwiesen. Schon 1997 soll die Polizei erste Hinweise erhalten haben.
"Es gibt überwältigenden Indiz dafür, dass Columbine hätte verhindert werden können“, sagte Brian Rohrbough, der Vater eines getöteten Jungen. Welche das sein sollen bleibt unbekannt.
Brian Rohrbough behauptet auch, dass sein Sohn durch einen Beamten getötet wurde und nicht durch einen Mitschüler.
Dies ist um so bemerkenswerter als die Schulleiterin von Columbine, Celine Marquez, ausgesagt hat, dass ihr einer der Polizisten selbst gestanden hat, er glaube, einen unschuldigen Schüler getötet zu haben.
Die Interpretationen über das Columbine-Schulmassaker werden auch in den nächsten Jahren unterschiedlich ausfallen.
Es wird weiter Verschwörungstheorien gebe, Schuldzuweisungen und Behauptungen von Seiten der Betroffenen.
Doch eine traurige Bilanz ist unumkehrbar:
Es starben 13 unschuldige Menschen und zwei Täter haben sich selbst gerichtet.

Stille, Trauer und Zuversicht: Winnenden schaut zurück und nach vorn. Mit klammen Händen und Tränen im Gesicht legten die Schüler der Albertville-Realschule Steinplatten und rote Rosen für ihre erschossenen Klassenkameraden und Lehrerinnen nieder. Ein Jahr nach dem Amoklauf formten sie aber auch einen "Weg in die Zukunft", mit Kieselsteinen, beschriftet mit Worten der Hoffnung: "Liebe", "Frieden" oder "Engel". "Der 11. März ist klar ein Teil unseres Lebens geworden. Doch wir wollen nicht, dass er unser Leben beherrscht", sagte ein Schüler bei der Gedenkfeier.

Bundespräsident Horst Köhler, der bereits im Vorjahr zu den Trauernden gesprochen hatte, fand bei dichtem Schneetreiben und klirrender Kälte warme Worte des Trostes: "Nichts ist mehr, wie es vorher war; das ist wahr. Aber was jetzt ist, das ist eben auch so viel mehr als Nichts. Etwas Neues ist im Entstehen begriffen." Wieder erinnerte Köhler an die Eltern des 17 Jahre alten Amokschützen. Sie waren von der Stadt nicht zur Gedenkstunde eingeladen worden. "Ich füge auch heute hinzu: Auch die Familie des Täters hat ein Kind verloren. Auch für sie ist eine Welt zusammengebrochen."

Menschenkette und Glockenläuten

Die Eltern und Verwandten der 15 Toten hatten sich bereits am frühen Morgen in der Hermann-Schwab-Halle gegenüber der Realschule versammelt. Nach Angaben eines Teilnehmers wurden dort auf einer Videoleinwand Bilder aus dem Leben der Opfer gezeigt und Gedichte vorgetragen, teilweise mit Musik untermalt. Schüler schmückten im Saal einen Laubbaum mit Symbolen wie einer Sonne, einem Engel oder einem Fußball. Auf diesen sind die Namen der Toten eingraviert. Der Baum soll auf dem Hof der Schule, die nach einem Umbau im Herbst 2011 wieder bezogen werden soll, eingepflanzt werden.

Zum Zeitpunkt des Gewaltverbrechens vor einem Jahr um 9.33 Uhr bildeten die Trauernden eine Menschenkette an der Schule. Tränen flossen, die Stille wurde von vereinzeltem Schluchzen durchbrochen. Zugleich läuteten alle Kirchenglocken in Winnenden. "Es war ohne jede Aktion, außer mit vielen, vielen Tränen und Worten, die man nicht gefunden hat. Es war ein Stück Abschluss des Geschehens, aber auch ein Blick in die Zukunft", beschrieb Regierungsschuldirektor Wolfgang Schiele den nicht-öffentlichen Gedenkteil. "Wir sind aufmerksamer geworden. Sensibler", sagte der Oberbürgermeister von Winnenden, Bernhard Fritz (CDU).

Gräber mit gleichem Todesdatum

Neben Köhler waren auch viele Politiker der baden-württembergischen Landesregierung dabei, um ihre Anteilnahme und Unterstützung zu zeigen. Unter ihnen Ministerpräsident Stefan Mappus, Innenminister Heribert Rech, Kultusministerin Marion Schick (alle CDU), Justizminister Ulrich Goll (FDP). Sie hielten sich mit Ansprachen zurück, um der Trauer der Schulgemeinschaft genügend Raum zu geben.

Frische Blumen und brennende Kerzen: Auch der Friedhof im Dorf Weiler zum Stein war am Amoklauf-Jahrestag ein Ort des Gedenkens. Vier Opfer des Amokläufers, Schulfreundinnen mit Geburtsdaten aus den Jahren 1992 bis 1994, liegen hier direkt nebeneinander begraben. Kristina, Jana, Chantal und Steffi - auf ihren Grabsteinen steht das gleiche Todesdatum: 11. März 2009. Trauende zündeten Kerzen an, auch ein Kranz mit frischen Blumen liegt auf einem Grab. Schnee bedeckt die Erinnerungsstücke, Postkarten, Fotos und Blumen.

(dpa, N24)

11.03.2010 15:33 Uhr

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