Unerträgliches Verbrechen

Papst macht Missbrauch zur Chefsache

Die Fälle von sexueller Gewalt an katholischen Schulen reißen nicht ab. Papst Benedikt geißelt Missbrauch als ein unerträgliches Verbrechen und hat sich des Problems jetzt höchstselbst angenommen.

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Papst Benedikt XVI will sich über die Missbrauchsfälle persönlich informieren lassen.
Video: Thema Missbrauch - Auch in Mainz gibt es Verdachtsfälle
Video: Missbrauchsverdacht - Im Gespräch: Dagmar Riedel-Breidenstein

Erstmals befasst sich jetzt der Papst direkt mit dem Missbrauchsskandal an katholischen Einrichtungen in Deutschland. Benedikt XVI. erwartet dazu an diesem Freitag den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, der das Oberhaupt aller Katholiken informieren soll. Auch an katholischen Schulen in Österreich und an der privaten Odenwaldschule in Hessen wurden am Donnerstag neue Fälle sexueller Gewalt an Jugendlichen bekannt. Internatsleiterin Margarita Kaufmann bat öffentlich um Vergebung. An der Odenwaldschule liege die Zahl der bekannten Fälle nun bei 33.

Bundesjustizministerin lädt zum Rapport

Zur Aufarbeitung der Missbrauchsfälle an den katholischen Einrichtungen will sich Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) am 25. März mit Zollitsch treffen. Die Bischofskonferenz reagierte nach Angaben ihres Sprechers Matthias Kopp "überrascht" darauf. Sie habe über die Medien von der Einladung erfahren. Zollitsch sei an dem Tag verhindert. Der Missbrauch wird zunehmend zum Thema für die Politik: Die Justizministerin will an einem Runden Tisch teilnehmen, bei dem es um die rechtliche Aufarbeitung geht.

Geplant ist noch ein zweiter Runder Tisch, bei dem es vor allem um die Vorbeugung geht. Die Kultusminister der Bundesländer wollen zudem gemeinsam beraten, wie sich sexueller Missbrauch verhindern lässt. Eine Arbeitsgruppe solle ab kommender Woche Empfehlungen erarbeiten. Auch die evangelische Landeskirche in Württemberg kündigte an, vorsorglich eine Missbrauchskommission einsetzen zu wollen. Bayerns Landtag forderte eine lückenlose Aufklärung und forderte, dass die Kirche alle Verdachtsfälle der Staatsanwaltschaft anzeigt.

Missbrauchsvorwürfe in Bamberg und Osnabrück

Am Donnerstag wurden weitere Missbrauchsvorwürfe im Erzbistum Bamberg sowie im Bistum Osnabrück am ehemaligen Internat des Maristenklosters in Meppen bekannt. Dort sei es Ende der 60er Jahre zu sexuellen Übergriffen auf Minderjährige gekommen, teilte der Justiziar des Ordens mit. Neue Vorwürfe gibt es auch gegen Erzieher aus der Vorschule der Regensburger Domspatzen: Ein heute 19-Jähriger berichtete über schikanöse Methoden gegen heimwehkranke Kinder.

Scham und Erschütterung an Odenwaldschule

In Hessen äußerte sich die Leitung der Odenwaldschule nach intensiven Gesprächen mit früheren Schülern über sexuellen Missbrauch "erschüttert und beschämt". "Wir wissen inzwischen von 33 Betroffenen", sagte Direktorin Kaufmann. Der Zeitraum reiche inzwischen von 1966 bis 1991. Bisher war das Elite-Internat von 24 Schülern in den 1970er und 80er Jahren ausgegangen. Inzwischen würden acht ehemalige Lehrer verdächtigt. Fast 40 Prozent der Missbrauchten seien Mädchen gewesen. Das Alter der Opfer reiche von 10 bis 19 Jahren. "Die Odenwaldschule hat große Schuld auf sich geladen", sagte die sichtlich bewegte Direktorin.

Wiener Erzbischof stellt Zölibat infrage

Die Enthüllungswelle von teils Jahrzehnte zurückliegenden Übergriffen erfasst auch Österreich. Der Kardinal und Wiener Erzbischof Christoph Schönborn forderte eine genaue Ursachenforschung für sexuellen Missbrauch und erwähnte in diesem Zusammenhang erstmals auch das Tabu-Thema Zölibat. Man müsse die Opfer vor die Täter stellen und Schuld beim Namen nennen, schrieb Schönborn in einem Kommentar für ein Mitarbeitermagazin der Kirche. Es sei notwendig, nach den Ursachen sexuellen Missbrauchs zu fragen: "Dazu gehört die Frage der Priestererziehung genauso wie die Frage nach dem, was in der 68er-Generation mit der sexuellen Revolution geschehen ist. Dazu gehört das Thema Zölibat genauso wie das Thema Persönlichkeitsentwicklung."

Schönborn stelle mit dieser Aussage aber in keiner Weise "den Zölibat in der katholischen Kirche des lateinischen Ritus infrage", betonte die Erzdiözese Wien in einer Reaktion nach der Veröffentlichung des Textes. Neben den Missbrauchsfällen in Salzburg - wo ein Erzabt zurücktrat - und in Vorarlberg gab es nun auch Vorwürfe gegen kirchliche Einrichtungen in Oberösterreich und der Steiermark. Im Stift Kremsmünster bei Linz werfen frühere Klosterschüler mehreren Geistlichen vor, sie in den 1980er Jahren vor anderen gedemütigt, geschlagen und sich an ihnen vergriffen zu haben. In der Oststeiermark soll ein Pfarrer in den 1970er und 1980er Jahren bis zu 20 Jungen und Mädchen bei Firm- und Nachhilfestunden sexuell missbraucht haben.

Der im Burgenland als Priester tätige Mann legte sein Amt nieder. Er gab die Vorwürfe in einem Interview mit der Wochenzeitung "Falter" zu: "Ja, es war Missbrauch. Es tut mir furchtbar Leid, aber ich bin seit 25 Jahren clean." Im Vatikan trifft der Vorsitzende der deutschen Bischöfe beim Thema Missbrauch auf sensible Ohren. Papst Benedikt hatte sich des Problems in den USA persönlich angenommen und dann auch die irischen Bischöfe wegen des dortigen Skandals nach Rom zitiert. Wiederholt geißelte das Kirchenoberhaupt Missbrauch als ein unerträgliches Verbrechen. Zollitsch will sich nach seiner Audienz beim Papst, bei der er auch über die sonstigen Themen der Freiburger Versammlung der deutschen Bischöfe berichtet, vor der Vatikan-Presse äußern.

(Ralf Krüger, dpa, N24)

11.03.2010 18:35 Uhr

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