Längere Atomlaufzeiten
Stadtwerke drohen der Bundesregierung
Die Stadtwerke befürchten durch die Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke Marktverzerrungen. Sie drohen mit einem Investitionsstopp und fordern Kraftwerksstilllegungen.
Die deutschen Stadtwerke laufen Sturm gegen die geplante Laufzeitverlängerung für Kernkraftwerke. Nach einem Bericht des "Handelsblattes" haben sich 150 Energieversorger zusammengeschlossen und fordern von der Bundesregierung, die Kernkraftwerksbetreiber im Falle einer Laufzeitverlängerung zu verpflichten, alte Kohlekraftwerke stillzulegen. Andernfalls drohten die Stadtwerke mit der Stornierung ihrer geplanten Milliardeninvestitionen in neue klimafreundliche Kraftwerke. Die Stadtwerke, die rund zehn Prozent der Energie in Deutschland erzeugen, befürchten durch eine Verlängerung der Laufzeiten der Kernkraftwerke massive Marktverzerrungen zugunsten der drei großen deutschen Reaktorbetreiber E.ON, RWE, EnBW und Vattenfall. Deren Vormachtstellung bei der Stromproduktion würde Gutachten zufolge durch eine Verlängerung der Akw-Laufzeiten auf Jahre fortgeschrieben.
Unterstützung erhielten die Stadtwerke vom Verband Kommunaler Unternehmen (VKU). Dessen Präsident Stephan Weil warnte im Gespräch mit dem "Handelsblatt", die Bundesregierung müsse sich darüber im Klaren sein, dass die Laufzeitverlängerung einen massiven Eingriff in die Marktverhältnisse darstelle: "Es sind enorme Flurschäden zu befürchten", meinte er. Viele Stadtwerke hätten im Vertrauen auf das Auslaufen der Kernkraftwerke ihre Investitionen geplant. Wenn nun die Kernkraftwerke länger am Netz blieben, verstopfe das den Erzeugungsmarkt und zementiere die oligopolistischen Strukturen. "Eine Laufzeitverlängerung nimmt der Umstrukturierung der Energieerzeugung die erforderliche Dynamik. Das ist fatal", warnte Weil.
Kohlekraftwerke vom Netz nehmen
Bereits Ende Februar hatte das Aachener Stadtwerke-Netzwerk Trianel eine Studie des Energieberatungsunternehmens BET präsentiert, nach der die Laufzeitverlängerung zu einem mehrjährigen Investitionsstau im Kraftwerkbau führen werde und der vorgesehene Bau von hocheffizienten Gas und Kohlekraftwerken in zweistelliger Milliardenhöhe verhindert werde. Der Verbraucher werde die Zeche dafür zahlen müssen, warnte der Sprecher der
Trianel-Geschäftsführung Sven Becker. Als Ausweg schlugen die BET-Forscher schon damals vor, eine Laufzeitverlängerung für die Atomreaktoren gesetzlich mit der Abschaltung alter Braun- und Steinkohlekraftwerke der Kernkraftwerksbetreiber zu kombinieren. Dadurch würden neue hocheffiziente Erzeugungsanlagen notwendig. Zudem ließen sich bis 2030 zusätzlich rund 400 Millionen Tonnen CO2 vermeiden, prognostizierten die Experten.
Zu einem ähnliche Ergebnis kommt nun auch ein weiteres Gutachten des Beratungsunternehmens Enervis und der Kanzlei Becker, Büttner, Held, das am Montag in Berlin vorgestellt werden soll. Danach würde die Laufzeitverlängerung für Kernkraftwerke in der bislang geplanten Form den Bau neuer hocheffizienter Kraftwerke über Jahre zum Erliegen bringen und den Wettbewerb zulasten der Verbraucher ausbremsen. Doch könne dies vermieden werden, wenn die Kernkraftwerks-Betreiber verpflichtet würden, alte Kohlekraftwerke in dem Umfang stillzulegen, wie Atomkraftwerkskapazitäten länger am Netz bleiben.
(dpa, N24)
12.03.2010 13:26 Uhr





