Missbrauchskandal
Ruf nach Papstentschuldigung
Papst Bendedikt XVI. schweigt zum Missbrauchskandal in der katholischen Kirche und steht deshalb immer heftiger im Zentrum der Kritik. Es werde ein mitfühlendes Wort erwartet, so die Kritiker
Im Missbrauchsskandal der katholischen Kirche in Deutschland rückt Papst Papst Benedikt XVI. zunehmend ins Zentrum der Kritik. Nach Ansicht der Reformbewegung „Wir sind Kirche“ ist eine Entschuldigung von Benedikt XVI. überfällig. „Wir sind enttäuscht, dass der Papst bisher kein mitfühlendes Wort für eine Bitte um Vergebung und Versöhnung gefunden hat“, sagte „Wir sind Kirche“-Sprecher Christian Weisner. „Damit würde Joseph Ratzinger ein hilfreiches Vorbild geben, wie seine Bischöfe mit diesem Thema umgehen müssen.“ Der Vatikan wandte sich unterdessen gegen direkte Angriffe auf das Kirchenoberhaupt.
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„In den letzten Tagen gab es einige, die mit einer gewissen Verbissenheit in Regensburg und in München nach Elementen gesucht haben, um den Heiligen Vater persönlich in die Missbrauchs-Fragen mit hineinzuziehen“, kritisierte Vatikan-Sprecher Federico Lombardi. Für jeden objektiven Beobachter sei aber klar, „dass diese Versuche gescheitert sind“.
In Regensburg geht es um Missbrauchsfälle bei den Domspatzen, die Benedikts Bruder Georg Ratzinger von 1964 bis 1994 geleitet hatte. In dem jüngsten Münchner Fall sei deutlich, dass der damalige Münchner Erzbischof Joseph Ratzinger nichts zu tun gehabt habe mit Entscheidungen, „nach denen es später dann zu den Missbräuchen kommen konnte“, betonte der Papst-Sprecher.
Reformbewegung sieht Erklärungsbedarf
Die Reformbewegung „Wir sind Kirche“ sieht dagegen weiteren Erklärungsbedarf zu Joseph Ratzingers Zeit als Münchner Erzbischof 1977 bis 1982. Am Freitag war bekanntgeworden, dass Ratzinger als Erzbischof im zuständigen Münchner Kirchengremium der Versetzung eines wegen Kindesmissbrauchs vorbelasteten Priesters von Essen nach München zugestimmt hatte. Der Mann wurde in München wieder in einer Gemeinde eingesetzt, fiel nach einiger Zeit erneut mit pädophilen Übergriffen auf und wurde deshalb auch verurteilt.
Weisner widersprach der Darstellung des Münchner Erzbistums, dass der frühere Generalvikar Gerhard Gruber für diesen Fall die „volle Verantwortung“ trage. Die eigentliche und letzte Verantwortung habe bei Joseph Ratzinger gelegen, betonte der „Wir sind Kirche“-Sprecher. „Das ist eben das hierarchische Prinzip der Kirche“, erklärte Weisner. „Ein Bischof nimmt nicht nur eine große moralische Autorität für sich in Anspruch, sondern auch eine große administrative Autorität.“ Deshalb könne ein Bischof, wenn Fehler passierten, nicht plötzlich sagen, dafür sei er nicht verantwortlich. „Diese Verantwortung ist da.“
Der Sprecher des Erzbistums München und Freising, Bernhard Kellner, räumte ein, dass Joseph Ratzinger Grubers Entscheidung auf dem Schreibtisch gehabt haben dürfte. „Üblicherweise geht in so einem Fall natürlich eine Notiz an das Sekretariat des Erzbischofs, aber man kann bei mehreren hundert Priestern nicht davon ausgehen, dass er jeden Beschluss im Einzelnen noch einmal zur Kenntnis nimmt“, sagte Kellner dem Bayerischen Rundfunk.
Der Missbrauchsskandal bei den Regensburger Domspatzen hat nach einem Bericht des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ bis in die 90er Jahre gedauert - länger als bisher bekannt. Ein Ex-Schüler berichtete demnach, dass er in dem Internat bis 1992 sexuelle und körperliche Gewalt allgegenwärtig erlebt habe. Er sei im Internat von älteren Schülern vergewaltigt worden, auch in der Wohnung eines Präfekten sei es zu Verkehr zwischen Schülern gekommen.
Papstbruder "cholerisch und jähzornig"
„Die haben den Druck eines totalitären Systems eben weitergegeben“, sagte Thomas M. dem „Spiegel“. Der Chor-Chef Georg Ratzinger (86) wurde von dem zitierten Ex-Domspatzen als „extrem cholerisch und jähzornig“ erlebt. Ratzinger habe noch Ende der 80er Jahre bei Chorproben Stühle nach den Jungen geworfen, wenn er wütend gewesen sei. Laut „Spiegel“ wollten sich zunächst weder das Bistum Regensburg noch Georg Ratzinger zu den Vorwürfen äußern.
Vor wenigen Tagen hatte Georg Ratzinger der „Passauer Neuen Presse“ gesagt, dass er bis Ende der 70er Jahre hin und wieder Ohrfeigen verteilt habe, doch habe er nie jemanden grün und blau geschlagen. Im Übrigen sei er froh gewesen, als zu Anfang der 80er Jahre körperliche Züchtigungen vom Gesetzgeber ganz verboten wurden: „Daran habe ich mich striktissime gehalten, und ich war innerlich erleichtert.“ Er hatte in dem Interview bekräftigt, von sexuellem Missbrauch nichts gewusst zu haben - auch nicht gerüchteweise.
Erzbischof Marx bestürzt
Der Münchner Erzbischof Reinhard Marx zeigte sich bestürzt über die bisher bekanntgewordenen Vorfälle: „Als Volk Gottes erschrecken wir darüber, dass in unserer Mitte diese schrecklichen Vergehen passiert sind. Es gilt, diese schwere Stunde der Kirche als geistliche Herausforderung zu sehen“, sagte Marx der „Bild am Sonntag“. Zugleich bekräftigte er: „Unsere Linie ist: Aufklärung und Aufarbeitung! Die Täter müssen sich ihrer Verantwortung stellen. Den Opfern soll Gerechtigkeit widerfahren.“
(dpa, N24)
14.03.2010 12:18 Uhr





