Krawalle mit Folgen

Hertha am Boden - Fußball am Pranger

Die Krawalle Berliner Fans nach der Hertha-Niederlage am Samstag werden vermutlich nicht folgenlos bleiben. Die Rechnung für die Randale müssen wohl die Anhänger aller Vereine begleichen.

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Die nach den Randalen zerstörte Trainerbank im Berliner Olympiastadion - ein Bild mit Symbolkraft: Hertha ist sportlich und moralisch am Boden.
Video: Hertha-Krawalle - "Wir werden dagegen strafrechtlich vorgehen"
Video: Hertha-Krawalle - Polizei nimmt 25 Randalierer fest

Die Polizei fordert nach den Krawallen von Berlin "Geisterspiele" und das Ende der Stehplätze. "Diese Kurven, wo sich die Gewalt hochschaukelt, müssten gesperrt werden", sagte Rainer Wendt, Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG): "Man ist fassungslos darüber, dass sowas in der Bundesliga möglich ist. Ich fordere mindestens einige Spiele ohne Zuschauer, damit diese Krawallmacher auch merken, dass sie ihrem Verein schaden."

Der DPolG-Vorsitzende bezeichnete den Sicherheitsdienst von Hertha BSC Berlin bei den Ausschreitungen nach dem 1:2 gegen den 1. FC Nürnberg als "personifizierte Überforderung" und forderte vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) und der Deutschen Fußball Liga (DFL) drastische Maßnahmen.

Polizeikosten von 100 Millionen Euro im Jahr

"Wir brauchen endlich den namentlichen Ticketverkauf. Dieser muss in allen Stadien Standard werden", sagte Wendt, der Verband und Liga erneut die "übliche Betroffenheits-Rhetorik" vorwarf: "Danach passiert eigentlich nichts. Ich erwarte aber, dass der DFB und die DFL ihre sozialpädagogischen Programme auf ihre Wirksamkeit hin überprüfen. Da gibt es viel Aktionismus ohne Sinn, wenn Geld für die Bastelstuben der Ultras ausgegeben wird."

Polizeieinsätze in deutschen Fußball-Stadien haben laut Wendt in der vergangenen Saison 1,5 Millionen Arbeitsstunden verschlungen, "das ist die Jahresarbeitsleitung von über 1.000 Polizisten". Die Gesamtkosten sollen weit über 100 Millionen Euro liegen. Schon länger verlangt die Polizeigewerkschaft, dass sich DFB und DFL mit einer Sicherheitsgebühr, die bei rund 50 Millionen Euro liegen soll, daran beteiligen.

Fan-Projekte auf dem Prüfstand

Die Unterstützung der Fan-Gruppierungen durch den DFB steht nach dem Chaos von Berlin tatsächlich auf dem Prüfstand. "Die Fans schneiden sich mit solchen unsinnigen Aktionen ins eigene Fleisch. Jetzt wird alles auf den Prüfstand gestellt, was wir in den letzten zwei bis drei Jahren vor allem mit den Fan-Gruppierungen erarbeitet haben. Wir wollen keine englischen oder amerikanischen Verhältnisse, aber die Diskussionen um die Stehplätze, vergünstigte Karten für Ultras oder Gästekontigente werden natürlich jetzt wieder richtig losgehen", sagte der DFB-Sicherheitsbeauftragte Helmut Spahn.

Im Gegensatz zu der englischen Premier League hatten DFB und DFL in den vergangenen Jahren auf eine liberale Haltung gesetzt und den Fans einen Teil der Tribünen als Stehplätze überlassen. Nach den Vorkommnissen von Berlin stehen diese auf der Kippe. "Der internationale Druck ist bei dem Thema Stehplätze immens. Unbestritten ist auch, dass wir in den Stehplatzbereichen die meisten Probleme haben. Das müssen wir analysieren und gemeinsam mit Politik, Polizei, Vereine und vernünftigen Fan-Gruppierungen die richtigen Maßnahmen treffen", sagte Spahn.

Hinweise auf Krawalle

Nach Angaben von Hertha-Manager Michael Preetz hatte es schon vor der sportlich brisanten Partie gegen den Club konkrete Hinweise auf mögliche Krawalle gegeben. Deshalb sei der Sicherheitsdienst auch personell aufgestockt worden. "Man hätte die Personen aufgrund des Grabens im Olympiastadion auf Biegen und Brechen zurückhalten können, aber zum Schutz der Spieler und des Kabinentrakts hat man in Kauf genommen, dass sie auf den Platz laufen. Diese Chaoten haben ja auch zumindest keine Ordner angegriffen, es gab keine Schlägerei. Ziel waren wohl alleine Hertha-Symbole wie die Trainerbank. Da hat sich offenbar der ganze Frust wegen der sportlichen Situation in Berlin entladen", sagte Spahn.

Michael Gabriel von der Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS) verurteilte die Vorfälle beim Hertha-Spiel unterdessen, zeigte sich zugleich aber nicht überrascht. "Völlig unerwartet kam das nicht. Es wurde auf einer Entwicklungsleiter aber die nächste Schwelle überschritten", sagte Gabriel. "Neu war, dass es für alle sichtbar im Stadion passiert ist und mit dem Stürmen des Feldes und dem Attackieren der eigenen Spieler quasi das Heiligste im Fußball überhaupt angegriffen wurde", fügte er hinzu.

Symbolische Gräber für Spieler

Solche Drohgebärden, die überwiegend aus der Ultra-Szene stammen, habe es zuvor bereits auf den Trainingsgeländen einzelner Clubs gegeben. In Bochum hatten Anhänger versucht, mit dem Slogan "Zerreißt euch, sonst tun wir es" Druck auf die Profis auszuüben. In Dresden wurden in der Vergangenheit symbolische Gräber ausgehoben, um die Spieler einzuschüchtern. Die Dimension in Berlin sei aber eine neue, die auch Nachahmer auf den Plan rufen könne. "Diese Gefahr sehe ich schon", gestand Gabriel.

Trotz der sich zuletzt wieder häufenden Vorfälle in der Bundesliga warnt die KOS aber davor, jetzt mit "undifferenzierten Strafen" zu reagieren. "Das wäre kontraproduktiv, weil man dann auch noch die anderen Gruppierungen innerhalb der Fanszene gegen sich aufbringen würde." Ein generelles Reiseverbot für Auswärtsfans oder strikte Auflagen würden besonders jene Anhänger treffen, die friedlich zu den Spielen ihrer Teams fahren würden.

Hertha plant "sofortigen Wiederaufstieg"

Der DFB-Kontrollausschuss leitete inzwischen ein Ermittlungsverfahren wegen der Fan-Randale ein. Wie ein DFB-Sprecher bestätigte, wurde Hertha BSC zu einer "zeitnahen Stellungnahme" aufgefordert. Der Kontrollausschuss wird auch Fernsehbilder und Ermittlungsergebnisse der Polizei auswerten und dann entscheiden, ob er Anklage vor dem Sportgericht erheben wird.

In sportlicher Hinsicht stärkte Hertha-Präsident Werner Gegenbauer seinem Manager Michael Preetz öffentlich den Rücken. "Ich bin verantwortlich für die Verträge von Michael Preetz und Finanz-Geschäftsführer Ingo Schiller. Es gibt überhaupt keine Veränderungen", sagte Gegenbauer dem Sender rbb. Auch eine Diskussion um die Zukunft von Trainer Friedhelm Funkel ließ der Hertha-Boss nicht zu.

Angesichts des wahrscheinlich kaum noch zu verhindernden Abstiegs der Berliner aus dem Fußball-Oberhaus gab Gegenbauer den "sofortigen Wiederaufstieg" als Ziel aus. "Das ist unsere Verpflichtung. Wir werden bis Mitte April ein schlüssiges Konzept für die 2. Liga vorlegen", kündigte er an. Im Mittelpunkt wird bei geschätzten 35 Millionen Euro Verbindlichkeiten der finanzielle Rahmen stehen, mit dem der Absturz in der laufenden Spielzeit wieder korrigiert werden soll. Dass ein Abstieg Hertha gar in den Ruin treiben könnte, wies der für die Finanzen zuständige Geschäftsführer Ingo Schiller im "kicker" zurück: "Ich kann ausschließen, dass der Abstieg die Existenz des Vereins gefährden würde."

(dpa, SID, N24)

15.03.2010 16:14 Uhr

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